Immer mehr Menschen in Deutschland haben eine bezahlte Arbeit, und immer mehr Menschen sind von Armut bedroht. Der am Dienstag vorgestellte Datenreport 2013 bringt die vermeintlich sichere Annahme ins Wanken, Beschäftigungszunahme führe zu insgesamt steigendem Wohlstand.

Eine der zentralen Aussagen des über 400 Seiten starken Sozialberichts lautet: Das deutsche Jobwunder hat die Armutsgefahr nicht senken können; im Gegenteil verfestigt sich die Armut in Teilen der Bevölkerung immer stärker.

So verzeichnete das Statistische Bundesamt im Jahresdurchschnitt 2012 mit 41,5 Millionen Erwerbstätigen zwar einen Beschäftigungsrekord, im September 2013 konnte sogar erstmals die 42-Millionen-Marke überschritten werden. Gegenwärtig sind rund 2,5 Millionen mehr Menschen beschäftigt als noch 2007. Dennoch stieg der Anteil der von Armut bedrohten Bevölkerung zwischen 2007 und 2011 von 15,2 auf 16,1 Prozent an. Zu dieser Gruppe werden all jene gerechnet, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Der Definition zufolge galt 2011 ein Alleinstehender als armutsgefährdet, wenn er weniger als 980 Euro netto pro Monat zur Verfügung hatte. 2007 hatte diese Grenze noch bei 916 Euro gelegen.

Mehr Leiharbeit und befristete Stellen

Die Autoren des Berichts, der vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), vom Statistischen Bundesamt, von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und dem Sozioökonomische Panel (SOEP) erstellt wurde, identifizieren mehrere Ursachen für die gegenläufige Entwicklung: Zum einen handelt es sich beim Jobwunder vor allem um die Umverteilung des Arbeitsvolumens. Pro Kopf wird heute deutlich weniger gearbeitet als noch vor 20 Jahren: Während 1991 die Erwerbstätigen im Schnitt 1 550 Stunden im Jahr arbeiteten, waren es 2012 nur noch knapp 1 400 Stunden. Zum anderen nahmen atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit, befristete Stellen und Minijobs zwischen 1991 und 2006 stark zu. Diese Arbeitsformen werden oft schlecht vergütet, sodass die Zahl der arbeitenden Armen anstieg. 2012 waren 22 Prozent aller Erwerbstätigen atypisch beschäftigt; die Anteile der unter 24-Jährigen und schlecht Ausgebildeten lagen mit 33 und 37 Prozent noch deutlich höher.

Auch aus dem am Dienstag veröffentlichten OECD-Rentenbericht geht hervor, dass in Deutschland das Armutsrisiko steigt. Betrachtet wurden 27 Industriestaaten. Besonders für Menschen, die nicht durchgängig voll gearbeitet haben, werde es schwieriger, mit dem Geld der Rentenversicherung über die Runden zu kommen.