Die Berichte von Krankenhausapothekern, dass sie Mühe haben, ausreichend Medikamente für die Behandlung bestimmter Medikamente zu kaufen, haben für Aufsehen gesorgt. Der Arzneimittelexperte Harald Schweim von der Uni Bonn hat jahrelang das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geleitet. Als einer von wenigen hat er sich mit den Hintergründen der Arzneimittelengpässe befasst. Er fordert entschiedenes Handeln.

Die Krankenhausapotheker berichten, dass sie Mühe haben, an Krebsmedikamente und Antibiotika zu kommen, aber auch Augentropfen und intravenöses Aspirin sind knapp. Eigentlich kann man sich kaum vorstellen, dass es in einem Industrieland solche Probleme geben kann. Warum ist das trotzdem so?

Das ist relativ einfach. Wir haben aufgrund des hohen Kostendrucks die Produktion aller „einfachen“ Arzneimittel in Schwellen- oder Entwicklungsländer verlagert.  Dadurch ist  China zum Beispiel zum größten Antibiotika-Hersteller geworden und in den USA und Europa werden diese Mittel einfach nicht mehr hergestellt. Dadurch sind wir von den Liefer- und Produktionskapazitäten dieser Länder abhängig.

Und die Chinesen können das weniger gut als wir Europäer?

Nein. Das können die schon auch. Aber wir haben einfach eine geringere Flexibilität durch lange Lieferwege. Und billig, billig, billig bedeutet natürlich auch, dass nichts vorrätig gehalten wird, sowohl an Produktionskapazitäten als auch an Fertigstoffen. Und daher können durch Produktionszyklen Engpässe auftreten. Die Vereinigten Staaten leiden schon viel stärker darunter. Deutschland und Europa sind ja erst ganz neu davon betroffen.

Sie sehen Anzeichen dafür, dass sich in Deutschland US-Verhältnisse einstellen werden. Womit begründen sie das?

Die ganze treibende Kraft in diesem System ist letztlich Geld. Die Pharmaindustrie war und ist in Grenzen immer noch gewohnt relativ viel Geld zu verdienen. Das braucht sie auf der einen Seite für die Neuentwicklung von Arzneimitteln, aber auf der anderen Seite sind es auch Gewinne, die die Aktionäre bekommen. Und in einem veränderten Umfeld, in dem die Arzneimittelpreise stärker unter Druck kommen, haben die Unternehmen auf der Kostenseite immer weiter gespart, um die Gewinnmargen zu halten. Und da ist man jetzt eben an Grenzen angelangt.

Billiger geht nicht mehr?

Nein. Wenn man mit den Kosten noch weiter runtergehen würde, würde man sogenannten Substandard produzieren, also Arzneimittel mit nicht ausreichender Qualität. Die Unternehmen vergeben ja jetzt schon ihre Aufträge an die günstigsten Fabriken. Was übrigens ein weiterer Grund für die Engpässe ist.

Warum?

Weil die Firmen, die im öffentlichen Bild als große generische Konkurrenten dastehen, häufig in ein und derselben Produktionsstätte, eben der billigsten, fertigen lassen. Da werden die Arzneimittel nur unterschiedlich verpackt. Fällt die Produktion in der Fabrik aus, kann keiner mehr liefern.

Wir sehen derzeit sehr viele Patentabläufe, was massive Umsatz- und Gewinnverluste für die forschenden Pharmafirmen bedeutet. Wie plausibel ist die These, dass die Pharmaindustrie ihre Produktionskapazitäten nur für die Mittel nutzt, wo sie noch die volle Marge hat und die Mittel mit abgelaufenen  Patenten in der Produktion vernachlässigt?

Dass man die Produktionskapazitäten für die Produkte nutzt, die aufwendig und hochpreisig sind, ist normales kaufmännisches Handeln. Das kann man den Leuten noch nicht einmal vorwerfen.

Wirken sich auch die Rückschläge in der Forschung  auf die Lieferfähigkeit aus?

Sicherlich. Die Unternehmen haben und investieren weiterhin dramatisch viel Geld in die Entwicklung neuer, insbesondere biotechnologischer, Produkte – ohne durchschlagenden Erfolg. Dieses verlorene Geld  muss anderswo eingespart werden. Fehlender Nachschub bedeutet zudem, dass der Anteil der Medikamente, die in Ländern wie China oder Indien produziert werden, steigt.

Ist die Erklärung des US-Gesundheitsministeriums plausibel, dass die Pharmaindustrie die steigende Nachfrage unterschätzt habe und deshalb nicht genügend Medikamente liefern könne?

Nein. Das ist ganz typisch Politiker. Man zeigt auf andere und sagt: Die sind Schuld. Um zu verschleiern, dass man selbst nicht aufgepasst hat. Hier sind politische Versäumnisse passiert. Hier sind Entwicklungen unterschätzt worden.

Was müsste denn getan werden?

Das Hauptproblem ist sicherlich, dass die Vorratshaltung nicht im politischen Fokus steht. Wir brauchen strategische Arzneimittelreserven. Wenn zum Beispiel China ab morgen keine Antibiotika mehr liefern würde, dann sind relativ bald alle Antibiotika aufgebraucht und dann fangen die Leute an, an Trivialerkrankungen wie Mandel- oder Blinddarmentzündungen zu sterben.

Wir könnten einen Produktionsausfall nicht aus eigener Kraft kompensieren?

Wir bräuchten in Deutschland etliche Monate, um eine eigene Antibiotikaproduktion hochzuziehen. Diese Pilzchen und sonstigen antibiotikaproduzierenden Bakterien sind empfindliche Lebewesen. Die sind nicht von heute auf morgen anzuschmeißen wie eine Druckerpresse. Von daher ist das ein ganz, ganz großes Risiko. Und es kann ja Hunderte von Ereignissen geben, für die man strategische Reserven benötigt, zum Beispiel Naturkatastrophen. Für den Fall, dass aus Entwicklungs- oder Schwellenländern nicht zugeliefert wird, sind wir völlig unvorbereitet.

Der Markt richtet es nicht?

Nein! Im Bereich der Generika befördern wir mit den Rabattverträgen sogar noch die Monopolbildung. Ein Hersteller, der zum Beispiel die Ausschreibungen der Allgemeinen Ortskrankenkassen nicht gewinnt, ist für zwei Jahre aus dem Markt raus.  Das führt dazu, dass Produktionsstätten abgebaut werden und Konkurrenten verschwinden. Wir hatten bei den Rabattverträgen auch die Situation, dass die Gewinner der Ausschreibungen gar nicht rechtzeitig liefern konnten.

Die Hersteller haben keine gesellschaftliche und ethische Verpflichtung?

Arzneimittel sind sicherlich Wirtschaftsgüter besonderer Art. Sie können durch noch so viel Werbung niemanden dazu bringen, ein Krebsmittel einzunehmen, wenn er es nicht braucht. Aber wenn er es braucht, dann muss es da sein. Die Verpflichtung, das zu garantieren, sehe ich in erster Linie beim Staat. Man kann hier  nicht die normalen Marktmechanismen laufen lassen, sondern man braucht bestimmte Schutzmechanismen. Man muss zum Beispiel dafür sorgen, dass Produktionsstätten aufrechterhalten werden. Genauso wie der Staat strategische Reserven von Gas- oder Erdöl hält.