Bio-Lebensmittel und Gentechnik schließen sich aus. Doch nun haben Tester im Auftrag der ZDF-Sendung Wiso herausgefunden, dass in 17 von 37 Bio-Gemüse-Proben – unter anderem Brokkoli – modifizierte Pflanzen-Sorten steckten, die Wiso im Gegensatz zur EU als gentechnisch verändert ansieht. Darunter war sogar eine Blumenkohlsorte, die von Demeter vermarktet wurde. Dort gelten höchste Reinheitsvorgaben. Der Verkauf der Ware wurde prompt eingestellt.

Sie gilt als „Gentechnik light“ oder als „Gentechnik durch die Hintertür“, die Methode, mit Hilfe der CMS-Technik auf eine für Züchter lukrative Weise neue Sorten zu gewinnen. Für viele ist die Methode eine Gratwanderung zwischen herkömmlichen Zuchtverfahren und Gentechnik. Die großen Bio-Anbauverbände lehnen sie seit Jahren ab. Hauptgrund: Bei der Technik handelt es sich um eine Hybrid-Züchtung, die sich der Zellfusion bedient. Dabei werden, und das ist auch ein Kriterium für „echte“ Gentechnik, artfremde Zellen miteinander verschmolzen. Es werden etwa Möhren, Sonnenblumen oder japanischer Rettich kombiniert, um höhere Erträge zu erzielen.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), in dem alle großen Bio-Anbauverbände wie Demeter, Naturland, Bioland, Bio-Kreis oder Gäa Mitglied sind, sieht diese noch relativ unbekannte Züchtungsmethode als unvereinbar mit den ökologischen Prinzipien an.

Die einzelnen Verbände haben sie deshalb verboten, denn es werde die „Unversehrtheit der Zelle verletzt und die Integrität der Pflanze nicht gewahrt“. Demeter vollzog das Verbot bereits 2005, als erster Verband. Doch nun soll ausgerechnet auch in einer Probe aus Demeter-Blumenkohl, der als Tiefkühlkost verarbeitet wurde, eine CMS-Pflanze gefunden worden sein. Das Gemüse stammt aus den Niederlanden, wurde von der Firma Natural cool vermarktet, und weist fremde DNA auf. Das hat Wiso mit Hilfe eines dafür eigens entwickelten Tests herausgefunden.

Unklar ist, wie das CMS-Saatgut an den Demeter-Gärtner gelangen konnte. Eine Demeter-Sprecherin sagte der Berliner Zeitung, möglich sei, dass sie beim Saatgut-Produzenten vertauscht wurden oder die Verwechslung beim Jungpflanzen-Produzenten stattfand. Auf dem Lieferschein an die Gärtnerei soll jedenfalls der Name einer CMS-unverdächtigen Sorte gestanden haben. Das ist wichtig, denn allein für Blumenkohl zählt eine CMS-Negativ-Liste bei Demeter 58 Sorten auf, die bei Bio-Bauern wegen dieser speziellen Zucht verpönt sind.

CMS also ist, wie die Liste zeigt, im europäischen Gemüseanbau sehr weit verbreitet. Die Lieferanten müssen deshalb Demeter-Bauern garantieren, dass es sich nicht um CMS-Sorten handelt.

Die Frage aber lautet: Ist CMS (Cytoplasmatische Männliche Sterilität) überhaupt Gentechnik? Die Organisation Save our Seeds meint: „Hier wird die Grenze zur Gentechnik dünn wie eine Zellmembran.“ In der EU-Gesetzgebung hingegen wird diese Frage verneint, weshalb CMS-Sorten auch in Öko-Lebensmittel verwendet werden dürfen, die nach der EU-Bioverordnung erzeugt wurden. Nach deutschen und europäischen Rechtsvorschriften müssen CMS-Hybride weder zugelassen noch gekennzeichnet werden. Ergo: Bei Bio-Produkten, die lediglich EU-Standards entsprechen, sind CMS-Sorten zulässig.

Kennzeichnung verlangt

Im vorliegenden Fall handelt es sich also „nur“ um einen Verstoß gegen die Demeter-Richtlinien. Die anderen 16 Bio-Gemüseproben wären rechtlich gesehen einwandfrei und, folgt man der Rechtslage, keine Gentechnik. Der BÖLW spricht sogar von einer „Falschmeldung“, die das ZdF in die Welt setze. BÖLW-Vorsitzender Felix Prinz zu Löwenstein sagt: „Die Behauptung des ZDF, CMS-Sorten seien Gentechnik, ist falsch. Die getesteten Waren aus CMS-Sorten fallen eindeutig nicht unter das Gentechnikrecht.“ Sein Argument: Werde die Zellfusionstechnik bei nahe verwandten Pflanzen eingesetzt, sei sie nicht der Gentechnik zuzurechnen, „da eine Übertragung der entsprechenden Eigenschaften auch auf natürlichem Wege möglich wäre“.

Gleichwie: Auch Löwenstein plädiert dafür, CMS-Sorten im Ökolandbau generell zu verbieten. Zugleich verlangt die Dachorganisation eine Kennzeichnungspflicht. Das fordert auch die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller Aoel. Der geschäftsführende Vorstand Alexander Beck sagte, die Funde von CMS-Sorten „werfen ein Schlaglicht auf die Probleme eines von konventionellem Landbau und konventioneller Lebensmittelwirtschaft dominierten Marktes“. Bauern, die CMS-Saatgut vermeiden wollten, hätten keine Chance, diese sicher zu identifizieren. „Wenn wir wirklich weiter kommen wollen, müssen wir das ganze Ernährungssystem umbauen.“