Berlin - BMW-Werk Spandau, Am Juliusturm, Halle sechs. Im ersten Obergeschoss befand sich sechs Jahre lang gewissermaßen das Zukunftslabor der Zweiradsparte von BMW. Ein abgetrennter Bereich am Rande der Motoradfertigung, kaum größer als ein Handballfeld. 2014 begann BMW dort mit der Produktion seines ersten Zweirades ohne Tank und Auspuff. Ein Jahr, nachdem die Bayern ihr Elektroauto i3 auf die Straßen gebracht hatten, folgte aus Berlin der Stromscooter namens C Evolution. Doch das ist Vergangenheit. Vor wenigen Tagen wurde die Fertigung eingestellt.

Tatsächlich war der Roller zwar innovativ, aber nicht gerade ein Verkaufsschlager. Selbst intern galt er als ein nur „sehr selektiv verkaufbares Produkt“, was  zweifelsfrei auch am Preis lag. Wenigstens 15.000 Euro verlangte BMW für den weitgehend in Handarbeit montierten Scooter. Ein Massenprodukt war da nicht zu erwarten. Rund 8000 Exemplare wurden insgesamt gefertigt und vorzugsweise in Frankreich verkauft. Damit machte der Elektroroller nur etwa ein Prozent des Motorradabsatzes von BMW aus. Aber es geht weiter.

„Auch der neue E-Scooter wird in Berlin gebaut“, bestätigt Werkleiter Helmut Schramm der Berliner Zeitung. Die Vorbereitungen für das Nachfolgemodell laufen bereits. Ein etwa einhundertköpfiges Team ist damit befasst. Wann genau es losgehen soll, ist nicht zu erfahren. Möglicherweise beginnt die Produktion schon im nächsten Frühjahr, doch auch dabei ist Corona einer der großen Ungewissheiten. Während des ersten Lockdown im März stand das gesamte Werk für fünf Wochen still. Inzwischen laufe die Produktion laut Auskunft einer Sprecherin zwar „wieder auf Vor-Corona-Niveau“. Doch auf Monate im Voraus mag sich niemand festlegen.

Foto: BMW
Die Reichweite soll 120 Kilometer betragen.

Wie der neue Scooter aussehen wird, zeigt eine Studie mit der Bezeichnung CE 04. „C“ wie City, „E“ wie elektrisch - so stellt man sich bei BMW moderne urbane Mobilität vor. „Kein Fun-Bike, mit dem man bei schönen Wetter in die Berge fährt, sondern ein praktisches Alltagsfahrzeug für jeden Tag in der Stadt“, sagt Chefdesigner Alexander Buckan.

Glaubt man den Beteiligten bei BMW, so wird sich das Serienmodell kaum von dem CE 04 unterscheiden. Nachdem das Motorroller-Design seit einem halben Jahrhundert vom Vespa-Style geprägt wurde, ist also Neues zu erwarten. Auch sollen 120 km/h möglich und 130 Kilometer mit einer Akkuladung zurückzulegen sein. Allerdings wird sich der Preis weiterhin auf einem Niveau bewegen, das kaum erwarten lässt, dass die Verkaufszahlen des abgasfreien City-Scooters in die Höhe schnellen und die Verkehrswende durch seine Anwesenheit beschleunigt wird. Doch soll es bei dem CE 04 nicht bleiben. Die Ziffer vier im Namen deute an, dass darunter noch Platz für kleinere Versionen ist, heißt es bei BMW.

Dort will man die Zweirad-Fahrzeuge im Bereich urbane Mobilität komplett auf Strombetrieb umstellen. Die Scooter mit Verbrennungsmotoren, die BMW aktuell in China fertigt, werden auslaufen, die Nachfolgemodelle Elektromotoren erhalten. Danach sollen erste Motorrad-Baureihen elektrifiziert werden. Vorzugsweise auf kürzeren Distanzen eingesetzte Roadster-Modelle  dürften die ersten sein, denen der Antriebswechsel bevorsteht. Immerhin  hatte BMW bereits im vergangenen Jahr mit einer Studie gezeigt, wie man sich in München ein elektrisch betriebenes Motorrad vorstellt. Starttermin: „Frühestens 2023, spätestens 2025.“

Im Münchener Konzern wird inzwischen eine Elektrifizierungsstrategie konsequent umgesetzt. Bis Ende 2022 soll jedes deutsche Werk mindestens ein vollelektrisches Fahrzeug produzieren. Im Automobilbereich sollen hierzulande in spätestens vier Jahren die letzten Verbrennungsmotoren von den Bändern laufen. Und in der Motorrad-Division?

Im Spandauer BMW-Werk arbeiten derzeit mehr als  2000 Menschen. 1700 von ihnen sind in der Produktion beschäftigt, etwa 300 in der Motorenfertigung. Sie produzieren Zwei-, Vier- und Sechszylinder-Aggregate für die Motorräder. Erst in diesem Sommer hatte die Serienproduktion der R18 samt eigens entwickelten und bislang größtem Boxermotor begonnen. „Verbrenner werden in Spandau noch viele Jahre gefertigt“, sagt BMW-Sprecher Tim Diehl-Thiele in München. Genauer will er sich nicht festlegen.

Sicher ist indes, dass Benzintanks auch im Spandauer Motorradbau nicht mehr ewig verschraubt werden. In Paris und Amsterdam dürfen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren voraussichtlich ab 2030 nicht mehr genutzt werden. Viel früher drohen lauten Motorrädern  in Kommunen hierzulande zumindest zeitweise Fahrverbote. Die Wende hat begonnen. Als in Spandau die Produktion der mächtigen R18 begann, mit der BMW insbesondere bei der Kundschaft von Harley Davidson punkten will, hatte  der US-Konkurrent selbst übrigens gerade das Modell Livewire auf den Markt gebracht – eine Harley mit Strommotor statt V-Twin.