Berlin - In Ländern mit einer attraktiven Förderung seien die Vorteile erneuerbarer Energien offensichtlich, und zwar in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht. Diese Aussage stammt nicht von einer fanatischen Umweltorganisation, sondern von Adnan Amin. Er ist der Generaldirektor einer Organisation, der 155 Staaten und die EU angehören. Irena heißt sie. Es handelt sich um die internationale Agentur für erneuerbare Energie.

Sie hat am Dienstag die neuesten Zahlen über die Beschäftigten in der Branche vorgelegt. Weltweit verdienten demnach 2017 rund 10,3 Millionen Frauen und Männer mit regenerativer Energie ihr Geld – ein Plus von 500.000 Stellen oder gut fünf Prozent zum Vorjahr. Deutschland ist ganz vorne dabei. Und es wird eine Trendwende gemeldet. Erstmals seit 2011 sei die Zahl der Jobs hierzulande wieder gestiegen – der Windenergie sei Dank.

330.000 Beschäftigte alleine in Deutschland

Mit aktuell mehr als 330.000 Beschäftigten zählen die Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren längst zu den wichtigen Arbeitgebern hierzulande. Mit 160.000 Beschäftigten ist davon fast die Hälfte in der Windbranche angestellt. In der Sparte Photovoltaik hingegen sinkt die Beschäftigung seit Jahren. Die Fertigung ist vor allem nach China abgewandert, mit weniger als 45.000 Arbeitnehmern sind die Belegschaften auf etwa ein Drittel im Vergleich zu den Hochzeiten 2010/2011 zusammen geschrumpft.

Weltweit liegt Deutschland laut Irena dennoch auf dem fünften Platz – hinter den Giganten China, Brasilien, USA und Indien. Gut ein Viertel aller Jobs im Öko-Energie-Sektor in der EU befindet sich zwischen Flensburg und Garmisch.

Dass es weltweit so gut aussieht mit den Erneuerbaren hat vor allem mit dem technischen Fortschritt zu tun. Und der könne durch Förderprogramme der Regierungen und eine attraktive Regulierung noch unterstützt werden, so Rabia Ferroukhi, der bei Irena die Abteilung Politik leitet. Die aktuellen hiesigen Ausschreibungen für Wind- und Sonnenenergie zeigen, dass Ökostrom inzwischen billiger erzeugt werden kann als in neuen Kohlekraftwerken.

Offshore-Anlagen werden immer mehr

Laut Irena sind Deutschland neben Großbritannien mittlerweile denn auch der weltweit führende Erzeuger von Windstrom im Meer. In der gesamten EU seien 2017 Offshore-Anlagen mit einer Kapazität von insgesamt 3100 Megawatt hinzugekommen, das entspricht fast der Leistung von drei Atomkraftwerken. Damit habe sich die Ausbaugeschwindigkeit im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, so die Irena-Experten. Allein in deutschen Gewässern wurden Mühlen mit 1250 Megawatt in Betrieb genommen. Die Nordsee bietet wegen der dort konstant steifen Brise und dem relativ flachen Wasser ideale Vorrausetzungen für Strom aus Meereswind. An Land wurden 2017 in Deutschland knapp 1800 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 5300 Megawatt aufgestellt – ein neuer Rekord.

Und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Die Irena-Experten erwarten, dass der Siegeszug der Erneuerbaren weltweit mit hoher Intensität weitergeht und damit auch die Zahl der Beschäftigten sich bis 2030 auf fast 24 Millionen mehr als verdoppeln wird. Um den Boom nicht abbrechen zu lassen, fordert die Agentur politische Entscheidungen, die eine „gerechte und faire Transformation vom derzeitigen Energiesystem“ zu einen mit den Erneuerbaren im Fokus vorantreiben.

Ausbau der Wind- und Sonnenenergie in BRD rationiert

Dieser Appell passt auch zur Lage in Deutschland. Die neue Bundesregierung geht die Energiewende eher mit angezogener Handbremse an. Der Ausbau der Wind- und Sonnenenergie wird rationiert - durch die 2017 umgesetzte Umstellung von garantierten Vergütungen für eingespeisten Strom auf die Ausschreibung von Kontingenten. Dabei gab es bei der Windkraft an Land Fehlentwicklungen.

Zum Zug kamen fast ausschließlich vermeintliche Bürgerenergie-Gesellschaften, hinter denen aber große Projektentwickler standen. Sie sicherten sich so Privilegien. Vor allem können sie sich viereinhalb Jahre Zeit lassen, um Projekte umzusetzen. Nun befürchten der Bundesverband Windenergie (BWE) und die Anlagenbauer-Lobby VDMA, dass es im nächsten und übernächsten Jahr wegen der langen Umsetzungsfristen zu einer „Delle“ beim Windenergie-Ausbau kommt.

Bei vielen Unternehmen sei bereits ein Auftragsschwund zu erkennen, so der BWE. Das könnte auch zu Stellenabbau führen. Die Privilegien wurden inzwischen vorläufig gestrichen. BWE-Präsident Hermann Albers hat überdies von der Bunderegierung „höhere Zubaukorridore“ gefordert. So soll das Volumen der Ausschreibungen für Windenergie an Land für dieses Jahr von 2800 auf 4800 Megawatt erhöht werden.