Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) beruhigt: Es wird auch in Zeiten von Corona keine Nahrungsmittelengpäss geben. 
Tobias Schwarz/AFP

BerlinDie deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher haben es nun auch amtlich: Hamsterkäufe sind unnötig. Das bekräftigte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Dienstag bei einer Pressekonferenz gleich mehrfach. Um diese beruhigende Einschätzung zu untermauern hatte Klöckner die wichtigsten Vertreter der deutschen Nahrungsmittelindustrie an ihrer Seite, die ihrerseits versicherten, dass der Nachschub an Lebensmitteln in Deutschland zu jeder Zeit und an jedem Ort gesichert ist. „Die Supermärkte bleiben offen“, sagte Klöckner. „Alles andere ist unrichtig“. Es gebe keinen Grund, Lebensmittel zu horten, vor allem, weil vieles davon dann oft im Müll lande.

Notbetreuung für Kinder

Klöckner setzte sich dafür ein, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Landwirtschaft und der Ernährungsbranche als systemrelevant eingestuft werden. „Alle Beschäftigten im Lebensmittelhandel gehören zur kritischen Infrastruktur“, so die Politikerin. Demnach müssten deren Kinder ebenso wie die von Medizinern und Sicherheitskräften in die Notbetreuung aufgenommen werden, die nach den mittlerweile erfolgten Schul- und Kitaschließungen angeboten werden.

Supermärkte werden nicht schließen - auch nicht für kurze Zeit

Das forderte auch der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth. „Eine solche Herausforderung hatte unsere Branche noch nicht“, sagte Genth. „Aber es gibt keine Engpässe, auch wenn durch Hamsterkäufe Regale leer werden.“ Er empfahl den Kundinnen und Kunden, auch die Tage am Anfang der Woche zu nutzen, um einkaufen zu gehen. Er berichtete von Kunden, die mit Kleinlastwagen und Autoanhängern zu Supermärkten kämen. Das sei völlig überzogen. Genth verwies darauf, dass beispielsweise aus Italien keine Hamsterkäufe bekannt seien. Grundsätzlich gelte aber für Deutschland: „Die Zentrallager und Lieferketten funktionieren.“ Dass es zu Marktschließungen kommen werde, seien absolute Falschnachrichten. Man werde aber vermutlich auch nicht die jetzt anvisierten Sonntagsöffnungen benötigen.

Sonderspuren für Lkw gefordert

Auch für den Warenverkehr sehen die Verantwortlichen keine größeren Probleme. Es gebe mittlerweile längere Wartezeiten an den Grenzen, weshalb man überlegen müsse, eine Sonderspur für Lastwagen einzurichten, die Lebensmittel transportieren, sagte Klöckner. Besonders bei Tiertransporten und Frischware seien lange Wartezeiten nicht akzeptabel. Sie nannte vor allem Probleme an den Grenzen im Saarland und Baden-Württemberg sowie zur Grenze nach Polen.

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Die Krise zeige, dass es sinnvoll sei, in Deutschland flächendeckend Landwirtschaft zu betreiben, sagte Klöckner. „Auch in Deutschland werden Lebensmittel in ausreichender Menge hergestellt und auch verarbeitet.“ Es sei gut, dass man sich in dieser Hinsicht auch ein bisschen Unabhängigkeit bewahre.

Woher kommen die Erntehelfer?

Probleme sieht die Lebensmittelbranche eher bei den Beschäftigten. So verwies Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied darauf, dass man spätestens ab April viele Erntehelfer aus dem Ausland brauche, um die Spargel- und später die Erdbeerernte nicht zu gefährden. Im vergangenen Jahr beschäftigte die deutsche Landwirtschaft rund 300.000 Erntehelfer vor allem aus den östlichen Nachbarländern. In diesem Jahr ist unklar, ob sie aufgrund der umfangreichen Quarantäneregeln und Einreisebeschränkungen kommen können. Klöckner sagte, man erwäge, die Saisonarbeiter per Flugzeug nach Deutschland zu holen. Entsprechende Gespräche seien aber noch nicht abgeschlossen. Sie könne sich auch eine inländische Jobbörse zur Vermittlung von Saisonkräften vorstellen, sagte Klöckner. Das könne auch jenen Menschen helfen, die von der Coronakrise akut wirtschaftlich betroffen seien und übergangsweise eine Verdienstmöglichkeit suchten.

Die Lebensmittelverbände verlangen angesichts der Krise auch Lockerungen im Arbeitsrecht. Der Vizepräsident der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie, Christian von Boetticher, forderte, die Regelung der maximalen Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag zu lockern. Auch bei Sonntagsarbeit und der Zuverdienstgrenze von Minijobbern müsse es mehr Flexibilität geben.

Forderung nach einheitlichen Regeln

Bei Verdachtsfällen wünscht sich die Branche einen einheitlichen Umgang der Gesundheitsämter. Diese handeln aufgrund von Festlegungen der einzelnen Bundesländer. „Es kann nicht sein, dass dann sofort der Betrieb geschlossen wird, wenn ein Verdachtsfall auftritt“, sagte von Boetticher. Für Ministerin Klöckner ist das auch bei landwirtschaftlichen Betrieben ein Problem. Tiere müssten nun einmal versorgt werden, sagte sie. Zudem gebe es keinerlei Hinweise, dass das Virus vom Menschen auf ein Tier übertragen werden kann.

Die dringendste Bitte der Lebensmittelbranche an Mediziner und Behörden im Umgang mit dem Coronavirus hatte von Boetticher: „Wir brauchen einen Schnelltest.“