Berlin - Nein, eine Überraschung ist es nicht. Die Inflation in Deutschland ist im September über die Marke von vier Prozent gesprungen. Die Teuerungsrate ist damit so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Das klingt zunächst dramatisch. Nur: Damit hatten die meisten Ökonomen gerechnet. Es sind vor allem temporäre Effekte, die die Inflation aktuell treiben. Seit Jahresbeginn gilt ein CO₂-Preis, die Mehrwertsteuersenkung lief aus und die Konjunktur zieht nach dem Corona-Crash an. Dass die Preise in einer solchen Gemengelage steigen, ist normal und ja, auch wünschenswert.

Inflation: Preise bei Strom und Gas explodieren

Wahr ist aber auch: Vor allem Energie hat sich verteuert – und das spüren Menschen mit wenig Geld besonders. Es stimmt zwar, dass der Rohölpreis in der Pandemie abgestürzt ist und sich nun wieder berappelt. Dennoch sind die Preissteigerungen auch bei Gas und Strom beachtlich. Die Politik sollte ehrlich sein und die Deutschen auf einen teuren Winter einstimmen. Eine sich anbahnende Ampel-Koalition in Berlin wird darauf eine Antwort finden müssen, insbesondere für die Menschen, die von hohen Energiepreisen überfordert sind. So wären ein Aufschlag beim Wohngeld oder eine Sonderzahlung für Hartz-IV-Empfänger denkbar.

Für Alarmismus, wie ihn der Boulevard aktuell schürt, besteht aber kein Grund. Solange die Lohnentwicklung moderat ist, spricht nichts für eine Inflation, die außer Kontrolle gerät. An dieser Stelle ist die Vernunft von Arbeitgebern und Gewerkschaften gefordert. Ohnehin gehen die meisten Experten davon aus, dass sich die Teuerungsrate in Deutschland im nächsten Jahr schon wieder der Zwei-Prozent-Marke nähert – auch ohne Intervention der Europäischen Zentralbank. Die Zeit für eine straffere Geldpolitik wird kommen. Aber noch nicht jetzt.