Die Berliner Wirtschaft ist nach dem Lockdown im Frühjahr gerade wieder in Schwung gekommen – nun drohen weitere Einschränkungen. Die Lage könnte sich dadurch erheblich verschlechtern. Dies würde auch die hochspezialisierten Industriebetriebe aus den Bereichen Pharma und Chemie sowie die Hersteller von Fahrgestellen und Motoren betreffen. Sarah Kopp, Volkswirtin der Investitionsbank Berlin (IBB) sagte der Berliner Zeitung: „Berlin kann sich nicht vom Rest der Welt isolieren. Einschränkungen im Warenverkehr hätten unmittelbare Auswirkungen auf den Außenhandel.“ Die Berliner Industrie ist in diesem Zusammenhang abhängig von den internationalen Entwicklungen und in einzelnen Branchen. Sarah Kopp: „Unsere Industrie ist in vielen Bereichen, beispielsweise bei Zulieferprodukten für die Automobilindustrie, in Vorleistung gegangen und hat produziert. Jetzt sind die Lager gut gefüllt und es ist wichtig, dass die Ware auch ausgeliefert werden kann.“ Dabei ist die Lage für einzelne Berliner Unternehmen nicht so schlecht: So sind die Exporte in der Pharmaindustrie in den ersten 8 Monaten des Jahres 2020 um über 50 Prozent gestiegen. Die wichtigsten Berliner Exportländer im Zeitraum bis August sind die USA, Frankreich und China. Allerdings dürften die Exporte coronabedingt insgesamt im Gesamtjahr um drei Prozent schrumpfen – vorausgesetzt, dass die Märkte offen bleiben und die Logistik aufrechterhalten bleiben kann. „Sollte es zu weiteren umfassenden Restriktionen kommen, könnte der Rückgang der Exporte noch stärker ausfallen“, sagte Kopp.

Auch in Berlin spüren die exportorientierten Industrieunternehmen die Unterbrechung internationaler Lieferketten und gesunkene Nachfrage infolge der Corona-Pandemie, jedoch weniger stark als in Gesamtdeutschland. Im Zeitraum Januar bis August sanken die Berliner Ausfuhren im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum um 517 Millionen Euro, also um 5,4 Prozent. Die Exporte pharmazeutischer Produkte stiegen von Januar bis August 2020 sogar um 52,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Exporte pharmazeutischer Produkte nach China stiegen von Januar bis Mai 2020 noch um 3,6 Prozent. Zu Beginn des Jahres war China besonders stark von Corona betroffen und fragte vermehrt Waren auch aus Berlin nach. Seitdem sinken die Pharmaausfuhren nach China im Vergleich zum Vorjahr – von Januar bis August 2020 um rund 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt sanken die Berliner Ausfuhren nach China von Januar bis August leicht um 3,2 Prozent.

Die IBB hatte in der ersten Phase der Corona-Krise vor allem Kleinunternehmen und Soloselbständigen unbürokratisch geholfen. Nach internen Zahlen der IBB, die der Berliner Zeitung vorliegen, hat die Bank 1,9 Milliarden Euro an Soforthilfen ausgezahlt. Davon gingen 1,1 Milliarden Euro an Soloselbständige. Etwa 650.000 Menschen sind demnach in der Krise von der IBB unterstützt worden, da knapp 400.000 Arbeitsplätze direkt gefördert wurden.

Die Berliner Wirtschaft sieht sich in einer ähnlichen Situation wie die Wirtschaft in Deutschland. Erstmals seit Mai verschlechterte sich die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen wieder, wie das Ifo-Institut am Montag mitteilte.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex für Oktober sank von 93,2 Punkten auf 92,7 Punkte, wie das Münchener Forschungsinstitut am Montag erklärte. Thilo Brodtmann vom Verband der Maschinen- und Anlagebauer sagte: „Wir erwarten von der Kanzlerin, dass sie einen Lockdown klipp und klar ausschließt“, forderte er. Denn dieser „würde sich auf die Wirtschaft verheerend auswirken“.

Das gelte auch für den grenzüberschreitenden Verkehr, fügte Brodtmann hinzu. „Die Grenzschließungen im Frühjahr waren ein Fehler und dürfen sich in Europa nicht wiederholen“, mahnte er. „Ohne einen freien Personen- und Güterverkehr wird der gesamte EU-Binnenmarkt die Corona-Krise nicht bewältigen können.“

Der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hält indes zumindest einen kurzzeitigen Lockdown für denkbar. „Aus der Perspektive der Wirtschaft wäre ein kurzer, scharfer Lockdown wahrscheinlich die beste Option“, sagte er im Radioprogramm „SWR Aktuell“ – zumindest besser als weitere wochen- oder monatelange Unsicherheit. „Zwei, drei Wochen keine Umsätze – und dann kann es wieder losgehen“, sagte Fratzscher.