Der Coronavirus könnte der Durchbruch für mehr Homeoffice in Deutschland sein. 
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BerlinDas Angebot gilt, seit das Coronavirus in der Stadt ist: Die Mitarbeiter des Berliner Kochboxen-Versenders Hellofresh können sich seitdem aussuchen, wo sie arbeiten. Wer lieber auf den Weg zur Arbeit in Bus oder Bahn verzichten will, kann zu Hause arbeiten. Wie viele Beschäftigte das Angebot nutzen, sei aktuell nicht genau zu sagen. „Tendenziell eher mehr als sonst“, sagt Firmen-Sprecherin Saskia Leisewitz.

Der Kochboxen-Lieferant, neben Zalando, Rocket Internet und Delivery Hero eines der vier MDax-Unternehmen, die Berlin zu bieten hat, beschäftigt in seiner Firmenzentrale in Mitte 600 Mitarbeiter. Alle seien mit Laptops ausgestattet, Meetings könnten problemlos digital über die cloud-basierte Infrastruktur stattfinden, sagt Leisewitz. Und selbst auf den Ernstfall sei man vorbereitet: „Es wäre auch überhaupt kein Problem, wenn alle 600 Mitarbeiter von einem Tag auf den anderen zu Hause arbeiten müssten.“

Die wenigsten Betriebe sind vorbereitet

In Zeiten großer Ungewissheit und latenter Bedrohung gilt Homeoffice als geeignetes Mittel, um eine Verbreitung des Coronavirus in einem Unternehmen zu vermeiden. Die großen Tech-Firmen aus dem Silicon Valley von Microsoft über Facebook bis Google empfehlen ihren Mitarbeitern, zu Hause zu arbeiten. Hierzulande arbeiten beispielsweise bei der Unternehmensberatung Ernst & Young 1500 Beschäftigte bereits seit Tagen im Homeoffice. Aber sonst?

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Tatsächlich sind die wenigsten Unternehmen auf den Wechsel zum Homeoffice vorbereitet. Arbeitsforscher warnen, dass nicht aus dem Stand eingeführt werden könne, was in der Regel eine wochen- bis monatelange Vorbereitung verlangt. Zudem sind rechtlich Voraussetzungen zu beachten. Allein die Datensicherheit verlangt einen abschließbaren Raum.

Präsenzkultur tief in der Arbeitnehmerschaft verankert

Hellofresh zählt in der Tat zu den Ausnahme in der deutschen Unternehmenslandschaft. Wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im vergangenen Sommer ermittelte, bietet nur jedes vierte Unternehmen zumindest einem Teil seiner Beschäftigten die Möglichkeit, zu Hause aus oder unterwegs zu arbeiten. Bei Betrieben mit mindestens 50 Mitarbeitern sind es immerhin 37 Prozent.

Die Gründe für die geringe Verbreitung sind unterschiedlich. Zum einen lässt allein das Betriebsprofil oft nicht zu, dass Arbeiten zu Hause erledigt werden können. Es dokumentiert aber auch, wie viele Chefs einen Kontrollverlust über Mitarbeiter fürchten, und dass eine über Jahrzehnte gewachsene Präsenzkultur im Büro nach wie vor tief in der Arbeitnehmerschaft verankert ist.

Nachteile bei Gehaltsverhandlung befürchtet

Erst vor wenigen Wochen ergab eine Umfrage des Verbandes der digitalen Wirtschaft in Deutschland, dass das Interesse an Homeoffice unter Mitarbeitern gering ist. Der Bitkom hatte Festangestellte mit Homeoffice-Möglichkeit befragt. Ergebnis: Nur gut jeder Dritte (38 Prozent) arbeitet lieber in den eigenen vier Wänden. Den meisten sei es wichtig, im Team zu arbeiten, sie schätzen den persönlichen Austausch im Büro. 29 Prozent gehen lieber ins Büro, um im Unternehmen präsent zu sein. Und elf Prozent geben an, Bedenken zu haben, dass sich fehlende Präsenz negativ auf die Beurteilung durch Vorgesetzte auswirken und etwa bei einer Gehaltsverhandlung nachteilig sein könnte.

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Für Birgit Wintermann, Projektmanagerin im Team Zukunft der Arbeit bei der Bertelsmann-Stiftung, ist Homeoffice dennoch eine erstrebenswerte Alternative zum allmorgendlich angesteuerten Arbeitsplatz in meist kilometerweiter Entfernung. „Es ist der beste Weg, um mit Corona umzugehen“, sagt sie und sieht die neue Situation darüber hinaus auch als Chance für eine nachhaltige Veränderung des Arbeitsalltags.

Infrastruktur hat genug Kapazität

„Die gute Nachricht ist, dass nun mehr Arbeitgeber offen für Homeoffice sind“, so Wintermann. Die schlechte sei, dass dafür erst eine zum Teil tödlich verlaufende Viruspandemie nötig war. Jetzt werde hoffentlich vielfach bewiesen, dass Homeoffice funktioniert, und selbst skeptische Chefs würden den Schritt schwer wieder rückgängig machen können. „Die Büchse ist geöffnet“, sagt die Arbeitsforscherin.

Aber gibt es das Datennetz überhaupt her, wenn plötzlich mit dem Notebook zu Hause gearbeitet wird? „Sicher“, sagt Nick Kriegeskotte, Chef Infrastruktur und Regulierung beim Digitalverband Bitkom. Die größten Datenmangen würden heute vor allem in den Abendstunden übertragen und lägen tagsüber deutlich darunter. In Berlin wäre auch die Verlagerung aus Innenstadtbereichen in Wohngegenden laut Kriegeskotte unproblematisch. „Wenn man am Abend eine Serie streamen kann, funktioniert am Tag auch eine Videokonferenz.“