ZwickauAm Freitag der letzten Woche wurde den Mitarbeitern im sächsischen Haribo-Werk in Wilkau-Haßlau binnen fünf Minuten mitgeteilt, dass das Werk zum Ende des Jahres schließt.

„Wir waren alle fassungslos. Fragen wurden nicht beantwortet, dann ist der Chef direkt vom Hof gefahren“, schilderte Betriebsratsvorsitzender Maik Pörschmann die Szene. „Sozialverträgliche Lösungen sollen angeboten werden - 500 km von Familie, Heimat und Freunden entfernt! Wer das nicht möchte, kann sich ja beim Arbeitsamt melden!“, schreiben die enttäuschten Mitarbeiter anschließend in einer Online-Petition, die sich gegen die Entscheidung des Konzerns aus Bonn wendet. 9000 Unterstützer haben schon unterzeichnet, sie wollen dass das traditionsreiche Werk in Wilkau-Haßlau bei Zwickau weiter betrieben wird. Zudem liegen in der ganzen Stadt weitere Unterschriftenlisten aus. Man wolle weiter öffentlichkeitswirksam Druck machen, unter anderem mit einer Lichterkette um das Werk, so Maik Pörschmann.

„Den Mitarbeitern anzubieten, 500 Kilometer weit weg in ein anderes Werk zu gehen, ist eine absolute Sauerei“, sagte auch NGG-Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner. Die Belegschaft arbeite wöchentlich eine Stunde länger als die Kollegen im Westen und das immer noch für weniger Geld. „Und das ist dann der Dank. Damit muss doch 30 Jahre nach der Wende endlich mal Schluss sein.“

Gelatine-Elastik-Zuckerwaren für den Westen

In Wilkau-Haßlau kennen sie sich aus mit Gummibären und Schaummäusen. Schon seit den 1960er Jahren werden in dem sächsischen Betrieb Gummibärchen & Co. hergestellt. „Gelatine-Elastik-Zuckerwaren“ hießen die Leckereien, die häufig Mangelware in den Läden waren, offiziell in der DDR.

Ein guter Teil der Ost-Bären landete als namenlose Ware und als Haribo-Gummitierchen in Westtüten. Inhaltsstoffe und Qualität hätten die Ost-Gummibärchen von ihren Westkollegen kaum unterschieden, betont der stellvertretende Produktionsleiter Klaus Pörschmann. Zucker, Stärkesirup, Gelatine vom Schwein und Wasser waren und sind noch heute die Grundbestandteile. 1990 übernahm Haribo den Betrieb als 100-prozentige Tochter des Haribo-Konzerns.

Liebesperlen und Bonbons

Auch Bonbons und Liebesperlen wurden nahe Zwickau hergestellt, später legte die Produktion von Gummibärchen und Lakritze einen süßlichen Duft über den Ort und das Werk. 150 Mitarbeiter stehen nun zum Ende des Jahres ohne Arbeit da. Sie wollen sich gegen die angekündigte Schließung wehren.

Der Bürgermeister der Stadt will gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie weiteren lokalen Akteuren beraten, wie der einzige Haribo-Standort im Osten erhalten werden kann. „Wir wollen verschiedene Kräfte sammeln und bündeln. Wenn wir gemeinsam aktiv werden, gibt es die Möglichkeit, das Werk zu retten“, sagte Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner.

Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild
Stefan Feustel (CDU), Bürgermeister von Wilkau-Haßlau, hält ein Schild mit der Aufschrift „Haribo muss im Osten bleiben!“.

Neben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) setzen sich inzwischen auch mehrere Bundestagsabgeordnete und auch der Freistaat Sachsen für den Erhalt des einzigen ostdeutschen Haribo-Werks ein. Demnach habe Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bereits mit der Geschäftsführung des Süßwarenherstellers gesprochen. Als Nächstes wolle man auf die Eigentümerfamilie zugehen, sagte Bürgermeister Feustel, demzufolge Kretschmer bei dem Treffen zugeschaltet gewesen sei. Der Regierungschef hält sich derzeit in häuslicher Quarantäne auf.

Haribo ist einer der letzten größeren Arbeitgeber in der Kleinstadt

Das Familienunternehmen Haribo mit Hauptsitz in Bonn und bislang fünf Standorten in Deutschland will das ostdeutsche Werk schließen, weil es nicht mehr wirtschaftlich sein soll. Für das Werk wären „unverhältnismäßig hohe Investitionen“ nötig, um die Produktionsabläufe auf die künftigen Anforderungen auszurichten, so der Süßwarenhersteller. „Es ist unverantwortlich, veraltete Anlagen, in die das Unternehmen jahrzehntelang kaum investiert hat, nun als Argument für eine Schließung zu nehmen“, kritisiert die Linke-Bundestagsabgeordnete und DGB-Kreisvorsitzende Sabine Zimmermann. Haribo habe am Standort Wilkau-Haßlau zuletzt rund 27 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet - die Gewinne seien jedoch im Wesentlichen an den Stammsitz in Grafschaft abgeflossen. (mit dpa)