Die Leistungskraft der Sozialsysteme und der Volkswirtschaft insgesamt stehe auf dem Spiel. Es drohten Wertschöpfungsverluste in Milliardenhöhe. Der Standort Deutschland gerate in Gefahr: Es ist ein überaus düsteres Szenario, das Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Mittwoch entwirft, um vor den Folgen des Fachkräftemangels zu warnen. BDI-Präsident Ulrich Grillo knüpft daran die Forderung, endlich ein bedarfsgerechtes Zuwanderungssystem nach kanadischem Vorbild zu installieren. Überdies gelte es, „inländische Potenziale als Fachkräfte“ zu erschließen.

Dass Letzteres bisher nur sehr unzureichend geschieht, ist nach Ansicht der IG Metall allerdings vornehmlich den Unternehmen anzulasten, da sie nicht genügend junge Leute ausbildeten. Im vergangenen Jahr sind laut IG Metall nämlich bundesweit nur noch 522 231 Ausbildungsverträge abgeschlossen worden – so wenige wie nie zuvor. Dagegen hätten knapp 290000 junge Leute, die an einer dualen Ausbildung Interesse zeigten, keine Lehrstelle gefunden, heißt es in der IG-Metall-Ausbildungsbilanz, die der Berliner Zeitung vorliegt. Mehr als 80 000 sind dem 15-seitigen Bericht zufolge weiterhin auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. „Das große Klagen über einen drohenden oder bereits vorhandenen Fachkräftemangel kann man nicht länger ernst nehmen. Die Unternehmen strafen sich mit ihrer Passivität selbst Lügen“, kritisiert IG-Metall- Vorstand Hans-Jürgen Urban.

Kurzfristige Kostenersparnis

Der „historische Tiefststand“ der Ausbildungsaktivitäten ist nach Urbans Ansicht der Fixierung vieler Unternehmen auf schnelle Gewinne geschuldet. Kurzfristige Kostenersparnis gehe vor nachhaltiger Personalplanung: „Die Betriebe verhalten sich wie bildungspolitische Trittbrettfahrer: Man hofft darauf, dass die Konkurrenz ausbildet, um die Fachkräfte dann abzuwerben. Für große renommierte Firmen ist das in der Regel kein Problem. Wenn aber alle Trittbrettfahren: Wer zieht dann den Karren?“

Der Vorwurf treffe auch die Metall- und Elektroindustrie sowie die Automobilhersteller. Diese hochprofitablen Branchen beschäftigten im Schnitt nur etwa drei Auszubildende auf 100 Mitarbeiter. Dies sei „weit weniger als wünschenswert und notwendig wäre, um den Fachkräftebedarf langfristig zu decken“, betont der Gewerkschaftsvorstand.

In der Tat liegt die Ausbildungsquote insgesamt seit Jahren zwischen sechs und sieben Prozent und also doppelt so hoch wie in den genannten Branchen. Der Mangel an Ausbildungsplätzen schade nicht nur den jungen Menschen, sondern auf mittlere Sicht auch den Unternehmen und so der gesamten deutschen Wirtschaft.

Letzteren Punkt könnten vermutlich Wirtschaftsvertreter unterschreiben. Ansonsten aber beurteilen sie die Lage am Ausbildungsmarkt gänzlich anders. Tatsächlich nämlich suchten Unternehmen händeringend nach Auszubildenden, sagt Markus Kiss, Ausbildungsexperte beim Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Viele Betriebe suchten indessen vergeblich, auch, weil die Ausbildungsreife fehle oder das Ausbildungsangebot nicht mit den Wunschberufen der jungen Leute übereinstimme. Fakt ist: Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen, die der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldet sind, steigt seit Jahren an, von 17 300 im Jahr 2009 auf zuletzt 37 000.

Mehr Studienanfänger

Dass 2014 weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden als im Jahr zuvor, hat aus Sicht des DIHK-Experten auch mit der sinkenden Zahl der Schulabgänger und dem Run auf die Universitäten zu tun. 2003 hätten noch 950000 junge Leute die Schulen verlassen, im vergangenen Jahr seien es nur mehr 850000 gewesen. Im gleichen Zeitraum habe sich die Zahl der Studienanfänger auf 500000 erhöht. „Die Daten machen deutlich, dass heute viel weniger junge Leute der beruflichen Ausbildung zur Verfügung stehen als früher“, sagt Kiss.

Nach einer DIHK-Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen hätten im vorigen Jahr im IHK-Bereich und im Handwerk 100 000 bis 110 000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können. Die von der Gewerkschaft genannten 33 000 unbesetzten Stellen stammten aus der BA-Statistik, die nur die gemeldeten offenen Stellen erfasse.

„Umgekehrt befinden sich unter den mehr als 80 000 Suchenden nur 20 900 tatsächlich unversorgte Jugendliche“, betont Kiss unter Verweis auf die BA-Zahlen. Insofern spiegelten die IG-Metall-Angaben die Lage auf dem Ausbildungsmarkt nicht korrekt wider. Allerdings führten Schuldzuweisungen nicht weiter. Letztlich gehe es Unternehmen wie Gewerkschaften darum, mehr junge Leute in die berufliche Ausbildung zu bringen und den Run auf die Unis zu bremsen. Dies habe sich die Allianz für Aus- und Weiterbildung, die Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften im Dezember geschlossen hätten, zum Ziel gesetzt.