Ausbildungsmarkt in Deutschland: Betriebe suchen fast 200.000 Azubis

Immer mehr Betriebe suchen vergeblich nach Nachwuchs. Bereits im vergangenen Ausbildungsjahr blieben mehr als 33.000 Ausbildungsplätze im Handwerk, in Dienstleistungsberufen und in der Industrie unbesetzt. In diesem Jahr könnte die Lücke noch weiter auseinander gehen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hatten Unternehmen im Juni noch 194.000 Lehrstellen frei. Vor einem Jahr waren es zur gleichen Zeit „nur“ 176 000 gewesen. In den kommenden Jahren wird sich die Lage aller Voraussicht nach weiter verschärfen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die Geburtenrate sinkt: Noch Anfang der 1990er-Jahre kamen pro Jahr in Deutschland rund 900 000 Kinder auf die Welt. Bis zur Jahrtausendwende sank diese Zahl auf unter 800.000, heute liegt sie unter 700.000. Das bedeutet: Auch die Zahl der Schulabgänger – und damit die der potenziellen Auszubildenden – ist gesunken und wird weiter sinken, von derzeit 780.000 auf rund 600.000 im Jahr 2024.

Abi-Boom und Uni-Run: Immer mehr junge Leute machen Abitur oder schließen mit der Fachhochschulreife ab, um im Anschluss zu studieren. 1992 begannen knapp 23 Prozent der Schulabgänger ein Studium. 2010 waren es bereits mehr als 42 Prozent. Der Run auf Unis und Fachhochschulen geht zu Lasten der dualen Ausbildung. Im vorigen Jahr überstieg die Zahl der Studienanfänger erstmals die der Auszubildenden im ersten Lehrjahr.

Doppelte Abi-Jahrgänge sind passé: Eine Zeit lang wurde der Trend zum Studium und damit der Mangel an Ausbildungsbewerbern teilweise durch die große Zahl der Schulabgänger kompensiert, die durch die doppelten Abiturjahrgänge entstanden. Doch der Übergang vom neun- aufs achtjährige Gymnasium wurde 2013 in den letzten Bundesländern abgeschlossen. Sollte die Verkürzung, wie in manchen Bundesländern diskutiert, wieder rückgängig gemacht werden, werden im kommenden Jahrzehnt für die Übergangszeit deutlich weniger Abiturienten die Schulen verlassen.

Ausbildungsfähigkeit: Seit Jahren klagen Betriebe über sinkende Fähigkeiten und Kenntnisse der Lehrstellenbewerber. Insbesondere unter Hauptschulabgängern befänden sich viele, die nicht ausbildungsreif und motiviert seien. An diesem Argument ist wohl etwas dran. Denn Hauptschulen haben vielerorts die Funktion einer letzten Auffangstation, in der sich Jugendliche aus benachteiligten Milieus, teils mit schlechten Sprechkenntnissen, konzentrieren. In der Folge bleiben nicht nur immer mehr Lehrstellen unbesetzt, sondern auch immer mehr Schulabgänger ohne Lehrstelle: 2009 fanden 17 255 Anwärter keinen Ausbildungsplatz, 2012 waren es fast doppelt so viele.

Berlin: Die Ausbildungssituation bleibt angespannt, auch wenn sich für potenzielle Azubis die Lage leicht bessert. Seit Oktober 2013 meldeten sich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz in den Arbeitsagenturen und Jobcenter bis Mitte Juni 16 644 Jugendliche, das waren fast 1 000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Firmen meldeten bis dahin fast 13 000 Ausbildungsplätze, davon waren im Juni 6 381 noch unbesetzt – etwa 800 mehr als im Vorjahr. Dagegen suchten noch rund 8 550 junge Menschen eine Lehrstelle.

Ausblick: Setzen sich die Trends der vergangenen Jahre fort, droht Deutschland insbesondere in Handwerk und Industrie ein Fachkraftmangel. Die Schätzungen reichen von 2,5 bis 6,5 Millionen ausgebildeten Arbeitskräften, die der Wirtschaft in zehn Jahren fehlen könnten. Die großen Unterschiede bei den Schätzungen beruhen auf abweichenden Annahmen zur Frauenerwerbstätigkeit und zur Zahl der Zuwanderer sowie zu möglichen Effizienzgewinnen und neuen Technologien, die menschliche Arbeit ersetzen könnten.