Die deutsche Solarförderung ist tragisch gescheitert. Reihenweise schließen Firmen, und die mühsam erworbene Hochtechnologie wird ins Ausland verscherbelt (wir berichteten). Es hat sich eine dramatische Gemengelage gebildet, die einen sofortigen Notfallplan der Politik nötig macht. Dazu gleich mehr. Vielleicht aber zunächst die Antwort auf eine naheliegende Frage: Warum greifen eigentlich nicht deutsche Firmen zu und konsolidieren die Branche? Sind die Energietechnik-Riesen Bosch und Siemens oder wenigstens der einzige größere Solarproduzent, der nicht pleite ist, die Bonner Solarworld, zu dämlich, die Gunst der Stunde zu erkennen und billig Patente und kleine Konkurrenten zu kaufen?

Nein, sind sie nicht. Weil sie es sich nicht leisten können, ins fallende Messer zu greifen. Bosch hat sich mit seinem Solareinstieg schon die Finger verbrannt und im sich abzeichnenden Abschwung zu teuer Solarfirmen übernommen. Siemens hat mit Solartechnik mehrere hundert Millionen Euro versenkt. Der Rest der deutschen Solarbranche hangelt sich von Quartal zu Quartal und kämpft ums Überleben. Keiner kann es sich erlauben, nun Zukunftstechnologie einzukaufen, sei sie auch noch so billig zu haben.

Gewaltige Überkapazitäten

Denn um Augenblick lässt sich mit Solartechnik aufgrund der gewaltigen Überkapazitäten kaum Geld verdienen oder es wird sogar Geld verbrannt – fast egal, wie gut sie ist. Die Rendite, wenn es eine gibt, könnte dagegen erst in einigen Jahren eingefahren werden. Das ist zu weit weg. Selbst Deutschlands überlebensfähige Öko-Technik-Unternehmen sind also derzeit zu schwach und durch Banken und Aktionäre zu eingeengt, um beim Ausverkauf mitmischen zu können.

Die Chinesen dagegen zeigen, dass in bestimmten Momenten der Staatskapitalismus trotz aller Demokratiedefizite Chancen effektiv nutzen kann. Auch die chinesischen Solarriesen sind großenteils tief in den roten Zahlen. Möglicherweise wird auch der eine oder andere Konzern von der Politik fallengelassen. Sobald die milliardenschweren und günstigen Kredite der Staatsbanken fällig gestellt werden, sind auch die meisten roten Riesen erledigt. Doch das wird China nur in Einzelfällen tun. Den großen Teil seiner Solarindustrie wird China weiter durchfüttern und ihnen zusätzlich in China einen wachsenden Absatzmarkt, auf dem Ausländer wohl keine Chance haben, zur Verfügung stellen

China wird längst als übermächtig wahrgenommen

All das wiederum ist den deutschen Solarmanagern bekannt und es verstärkt die Abneigung, bei der Konsolidierung der Branche durch Zukäufe mitzumischen. Warum sollten sie in Unternehmen investieren, die letztlich auch den mit fast unbegrenzter finanzieller Feuerkraft ausgestatteten chinesischen Staat zum Konkurrenten hat, der die Preise gezielt verdirbt? China wird in der Branche längst als fest entschlossen und übermächtig wahrgenommen.

Zurück zur gescheiterten deutschen Solarförderung: Fakt ist, dass die Strategie der Branchenlobby und der Politik, immer nur auf eine hohe Vergütung des Stroms aus Solaranlagen zu drängen, für den Industriestandort Deutschland zum Desaster geworden ist. Denn gerade damit wurde die ausländische Konkurrenz stark gemacht. Mit Zähnen und Klauen hat die Branche jahrelang die hohen Vergütungen für Strom aus Solaranlagen verteidigt, die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschrieben sind.

Das Problem ist aber, dass das EEG jedem Hersteller offensteht, auch der chinesischen Staatssolarbranche. Dutzende Milliarden an Wertschöpfung sind dorthin inzwischen abgeflossen und haben es den Chinesen erst ermöglicht eine derart gewaltige Industrie aufzubauen. Die Unternehmen dort haben gute Arbeit geleistet und bieten hohe Qualität. Aber sie haben eben auch massiv von der Unterstützung durch den Staat profitiert, der nicht nur billige Kredite, sondern auch günstige Energie und Grundstücke sowie weitere regionale Hilfen zur Verfügung stellt. Chinas Solarindustrie hat Deutschlands Fördersystem gekapert.

Das Ergebnis ist deprimierend: Etwa 80 Prozent der Anlagen, die zur Zeit in Deutschland installiert werden, stammen aus China. Klar, auf die Dächer geschraubt werden sie von deutschen Handwerkern. Auch die deutschen Maschinenbauer sind noch einigermaßen im Geschäft, zudem der Siliziumproduzent Wacker, der wiederum hauptsächlich nach China liefert sowie der Wechselrichter-Spezialist SMA. Doch gerade der technologiestarke mittlere Teil der solaren Wertschöpfung, die Fertigung von Wafern, Solarzellen und -modulen ist weggebrochen. Spitz formuliert: Die Lobbyarbeit der deutschen Solarbranche, insbesondere des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW), und die Naivität vieler deutscher Politiker, hat die deutsche Solarindustrie an den Rande des Ruins geführt.

Hat der BSW Interesse an deutscher Industriepolitik?

Übrigens, es drängt sich in diesem Zusammenhang eine böse Vermutung auf: Hat der BSW überhaupt noch uneingeschränktes Interesse an deutscher Industriepolitik? Wenigen ist bekannt, dass der BSW in seiner Satzung anders als die meisten deutschen Industrieverbände keineswegs zum Ziel erklärt, speziell deutsche Wirtschaftsinteressen zu befördern. Sondern nur der Solarenergie allgemein zum Durchbruch zu verhelfen will. Deshalb hat er auch ausländische Mitglieder. Im BSW sind inzwischen zahlreiche chinesische Firmen, darunter auch die größten wie Yingli, Suntech und Trina, Mitglied. Das wäre beim Autoverband VDA zum Beispiel völlig undenkbar. Man stelle sich vor, der VDA würde Renault und Hyundai vertreten, die gar keine größeren Fabriken in Deutschland betreiben! Die Politik würde dem Verband wohl keine Sekunde ihrer Zeit und Aufmerksamkeit mehr schenken.

Über die Gründe der falschen Strategie der Solarlobby kann man lange spekulieren. Ihre Verteidiger sagen: Sicher hat auch Naivität, die Überschätzung des eigenen technischen Vorsprungs und die Unterschätzung der Entschlossenheit der Chinesen eine wichtige Rolle gespielt. Doch Tatsache bleibt: Die deutschen Unternehmen und ihre Vertreter in Berlin haben schwere Fehler gemacht.

Zurück zum Rettungsprogramm: Was könnte in Deutschland getan werden, um den Schaden nun doch noch etwas zu begrenzen? Als Sofortmaßnahme müsste Schluss sein damit, auf die Teile der Solarlobby zu hören, die seltsamerweise immer noch das alte Fördermodell verteidigen. Es müsste Schluss sein mit dem unkontrollierten Zubau an Solaranlagen, die von den Stromverbrauchern übrigens auch sehr teuer bezahlt werden müssen. Die Förder-Gießkanne kann weggepackt werden. Das würde natürlich auch viele deutsche Firmen treffen, die billige China-Module hier auf die Dächer schrauben. Doch diese Firmen tragen wenig zu einer nachhaltigen solaren Wertschöpfung bei und sind nur sehr eingeschränkt Technologieträger und mögliche Exportschlager.

So könnte ein Notfall-Solarplan aussehen

Patente, jahrelange Forschungsarbeit und großes Zukunftspotenzial stecken dagegen bei den innovativen Solarfabriken, bei den Maschinenbauern, in den Forschungsnetzwerken, die zwischen Unis und Unternehmen entstanden sind. Die Rettung dieser Struktur und Know-Hows muss jetzt bei einem Notfall-Solarplan im Mittelpunkt stehen.

Nun, wie könnte so ein Plan konkret aussehen?

In Summe wäre ein solches oder ein ähnliches Programm nicht nur billiger als die bisherige Förderung, sondern würde der deutschen Solarindustrie noch einmal eine echte Chance geben. Die Frage ist allerdings: Ist die Politik dazu bereit und in der Lage? Sie müsste Fehler eingestehen und die Umweltpolitik in Deutschland industriepolitisch neu denken. Kapieren FDP und Wirtschaftsflügel der Union, dass nicht der Rückzug des Staates aus dem Solarmarkt, sondern die Neuausrichtung des staatlichen Marktes der Schlüssel zur Lösung ist? Kapieren die Grünen, das ihr hochheiliges EEG in seiner jetzigen Form ins Desaster geführt hat? Und: Wäre die Branche bereit, mitzumachen? Angesichts des massiven Einflusses chinesischer Firmen oder Geschäftsmodellen, die auf Billig-Solar aus Asien basieren, ist das sehr fraglich.

Doch die Beteiligten sollten sich zumindest ihrer Verantwortung bewusst werden. Solartechnik, eine der großen industriepolitischen Chancen des 21. Jahrhunderts, geht in Deutschland vor die Hunde, wenn nicht sehr bald etwas passiert. Es ist höchste Zeit für einen Rettungsplan Solar.