Experten erwarten, dass in wenigen Jahren in den Innenstädten keine Autos mit Verbrennungsmotor geduldet werden.
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BerlinFür Autos mit Verbrennungsmotoren kann es in den nächsten Jahren erhebliche Hindernisse geben – das Marktpotenzial alternativer Antriebe dürfte dagegen rasant zulegen. Dies ist das Ergebnis einer Analyse von PwC Strategy&, die die Branchenbeobachter der Beratungsfirma zum „Autogipfel“ an diesem Dienstag vorlegen werden.

Ein Szenario beschreibt, dass bei steigender Verbreitung von E-Autos die Wahrnehmung belastender Effekte der übrigen Diesel und Benziner wie Lärm oder Feinstaub intensiver werden könnte, vor allem in Ballungszentren. Beim Autogipfel müsse es um die Zukunft einer Branche gehen, die „in einer wettbewerbsintensiven und aufwendigen Transformation hin zu emissionsfreien Antrieben und Fahrzeugen steht“, sagte Marktexperte Jörn Neuhausen von der PwC in einem Statement.

Eines der Zukunftsszenarien der Berater zeige, dass sich „mit zunehmender Elektrifizierung der Fahrzeugpopulation die wahrgenommene Belastung durch Feinstaub und Lärm in den Innenstädten durch die verbleibenden Verbrenner intensivieren wird“. PwC erwartet daher drastische Einschränkungen, die schon deutlich früher kommen könnten als bisher gedacht. Neuhausen: „Diskussionen über ein perspektivisches Fahrverbot von Verbrennern in Innenstädten halten wir in fünf Jahren für möglich bis wahrscheinlich.“ Laut PwC-Analyse sei damit zu rechnen, dass der Markt für den konventionellen Antriebsstrang – also Verbrennungsmotor, Schalt-/Automatikgetriebe, Abgasanlage, Tanksystem – europaweit sinken werde, während das Marktpotenzial neuer Antriebstechnologien allein für deutsche Produkte mit Elektroantrieben auf Batteriezellen-Basis von aktuell 12 Milliarden Euro bis 2030 auf 84 Milliarden Euro steigen könnte.

Zahlreiche Anbieter – insbesondere Zulieferer – sind aufgrund des Nachfrageeinbruchs in der Pandemie unter enormen Kostendruck geraten. Auch eigene Investitionsbudgets werden gekappt. Eine Erwartung an den Autogipfel ist bei vielen Branchenvertretern deshalb, dass die Politik weitere Unterstützung auf den Weg bringt. Doch laut PwC-Experten müssten die Automobilhersteller noch früher ansetzen, um ihre Produkte zukunftsfähig zu machen. Jörn Neuhausen: „Das Konjunkturpaket der Bundesregierung mit der zusätzlichen Förderung von Elektroautos und der Ladeinfrastruktur setzt aktuell wichtige Impulse für emissionsfreie Alternativen. Um aber kommende Fahrzeuggenerationen mit alternativem Antrieb früh genug wettbewerbsfähig auf den Markt zu bringen, sind weiterhin Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig.“ Nur so könnten Hersteller von batteriegetriebenen Elektroautos „die aktuell hohen Mehrkosten in der Herstellung durch technische Weiterentwicklung reduzieren und sich nachhaltig auch in den neuen Technologien an die Spitze setzen“. Bei sinkenden Umsätzen sei allerdings fraglich, ob deutsche Automobilhersteller diese Investitionen weiterhin in hinreichender Höhe tätigen können.

Die Erkenntnisse kommen zu einem für die Automobil-Branche kritischen Zeitpunkt: Am Dienstag blickt die Branche mit ihren mehr als 800.000 Beschäftigten wieder auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mit Managern, Gewerkschaftern und Ministerpräsidenten einen Krisen-Gipfel abhalten will.

Im August lagen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland um ein Fünftel unter dem Vorjahreswert. Über den gesamten Verlauf 2020 beträgt der Rückgang bisher sogar 29 Prozent. Außer Wohnmobilen, die wegen des Trends zu selbst organisiertem Reisen mit geringeren Infektionsrisiken deutlich stärker nachgefragt sind, blieben alle Segmente tief im Minus. Aber es zeigen sich Verschiebungen zugunsten alternativer Antriebe: Während zuletzt knapp drei Viertel der Neuwagen Benziner oder Diesel waren, lag der Anteil reiner E-Autos inzwischen bei 6,4 und der von Hybridfahrzeugen bei 18,4 Prozent.

Genau hier liegt derzeit jedoch auch noch der größte wunde Punkt in der deutschen Autoindustrie. Der schrittweise Abschied von der klassischen Verbrennertechnik bedeutet, dass ganze Belegschaften umgeschult werden müssen. Manchmal läuft das schon leidlich gut, aber nicht alle Mitarbeiter können oder wollen diesen Weg mitgehen. Außerdem kommen Digitalisierung, Vernetzung und Dienstleistungen als weitere Bestandteile des gigantischen Umbaus hinzu. Amerikaner und Chinesen geben hier zunehmend den Takt vor.

Kritiker werfen der Branche – ähnlich wie Stromkonzernen bei der Energiewende – vor, zu lange zu wenig für den Wandel getan zu haben. Auch Vorreiter wie BMW mit dem Kompaktwagen i3 hätten zu spät mit neuen E-Modellen nachgelegt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erklärte, ein per Verbrenner-Prämie angepeilter Abverkauf der Lagerbestände nütze nur finanziell gut dastehenden Autokonzernen. Und LobbyControl fordert, auch die Zivilgesellschaft einzuladen und keinen „Auto-Klüngel“ zu veranstalten. (BLZ mit dpa)

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