Autos sind im Moment nicht gefragt.
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Der Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet in diesem Jahr einen Rückgang der Autoverkäufe in Europa von rund einem Viertel im Vergleich zu 2019. „Die internationalen Märkte sind in einem Ausmaß eingebrochen, für das wir keine Vergleiche haben“, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller am Freitag in Berlin laut dpa. Allein für Deutschland geht der Verband für das Gesamtjahr von 2,8 Millionen Neuzulassungen bei Pkw aus, was einem Rückgang von rund 23 Prozent gemessen am Vorjahr entspräche.

Im ersten Halbjahr 2020 gingen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland um knapp 35 Prozent auf 1,21 Millionen Pkw zurück. Das ist der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Ähnlich ist das Bild auf den internationalen Märkten: So schrumpfte der europäische Pkw-Markt bis Mai um 43 Prozent, der US-Markt um 23 Prozent, der Markt in China um 27 Prozent.

Für das zweite Halbjahr erhofft der Verband eine leichte Erholung. So jedenfalls deuten die Autohersteller die Tatsache, dass der Auftragseingang bei deutschen Herstellern im Juni deutlich weniger einbrach als noch im Mai. Doch auch ein fortgesetzter Aufwärtstrend wird den Einbruch aus der ersten Jahreshälfte nicht annähernd ausgleichen können. Auch ist nicht klar, wie sich der Markt im Fall eines erneuten Lockdowns entwickeln wird.

So rechnet der VDA für das Gesamtjahr 2020 mit einem Rückgang des Pkw-Weltmarkts um 17 Prozent auf 65,9 Millionen Einheiten. Besonders stark wird der Rückgang in Europa mit 24 Prozent sein. Für Deutschland geht der VDA von rund 2,8 Millionen Pkw-Neuzulassungen im Gesamtjahr aus. Das ist ein Minus von 23 Prozent. Demgegenüber etwas glimpflicher verlaufen wird der Einbruch in den USA mit minus 18 Prozent. Doch selbst in China, bisher stets eine Wachstumshoffnung, wird mit einem Rückgang von zehn Prozent gerechnet. Auch diese Schätzungen kommen mit einer Unbekannten: Den Erwartungen liegt die Annahme zugrunde, dass es gelingt, die Corona-Pandemie in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt weiter einzudämmen.

Noch stärker als bei Pkw werden die Nutzfahrzeugmärkte von den Corona-Folgen getroffen. Der weltweite Absatz von Nutzfahrzeugen mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über sechs Tonnen wird nach VDA-Prognosen 2020 um 24 Prozent auf 2,6 Millionen Einheiten zurückgehen. Für den US-Markt wird mit einem Minus von 40 Prozent gerechnet. In Westeuropa (-35 Prozent) und Deutschland (-29 Prozent) wird der Rückgang ebenfalls beispiellos sein.

Der dramatische Einbruch der Nachfrage, der zeitweise Abriss der Lieferketten sowie wochenlange Produktionsstopps haben dazu geführt, dass die Pkw-Produktion in Deutschland im ersten Halbjahr auf das niedrigste Niveau seit 45 Jahren gesunken ist. Von Januar bis Juni wurden an den deutschen Standorten knapp 1,5 Millionen Fahrzeuge hergestellt, das sind 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr 2020 erwartet der VDA  eine Pkw-Inlandsproduktion von 3,5 Millionen Einheiten (-25 Prozent). Auch hier sei mit einer ersten langsamen Erholung im zweiten Halbjahr zu rechnen. Der Export aus Deutschland wird nach VDA-Prognosen im Jahr 2020 um 27 Prozent zurückgehen, in den ersten sechs Monaten des Jahres war er um 40 Prozent auf 1,1 Millionen Einheiten eingebrochen.

Auf die Beschäftigung hat sich dieser Rückgang bisher noch nicht so stark ausgewirkt. Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie lag Ende April mit 814.000 Mitarbeitern etwa drei Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass aktuell etwa jeder zweite Beschäftigte der Industrie in Kurzarbeit ist. „Die massiv geringere Produktion hat nicht nur für Hersteller, sondern besonders für viele mittelständische Zulieferer schwerwiegende Konsequenzen“, so Hildegard Müller. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Beschäftigtenzahl bis zum Jahresende 2020 weiter zurückgeht.“

Die Autobauer fordern daher Hilfe von der Politik: „Die EU braucht auch ein ambitioniertes Industriepaket, um aus der Krise zu kommen“, sagte Müller laut Mitteilung des VDA. Der Schwerpunkt müsse auf Wachstum und Investitionen gelegt werden. Dazu zählten der konsequente Ausbau der Infrastruktur für Elektromobilität und Wasserstoff, der Hochlauf von E-Fuels und Investitionen in die Digitalisierung. Müller sagte, es käme jetzt „darauf an, dass in Brüssel rasch Entscheidungen getroffen werden und die Umsetzung zeitnah startet“. (BLZ, mit dpa-AFX)