Die Bio-Anfangsmilch biete dem Baby genau das, was es für eine gesunde Entwicklung benötige. Man gehe bei der Auswahl der Rohstoffe deutlich über die strengen Auflagen des Gesetzgebers für Säuglingsmilchnahrungen hinaus. Mit einer einzigartigen Kombination wertvoller Inhaltsstoffe nach dem Vorbild der Natur setze man einen neuen Standard in der Säuglingsernährung. „So geben Sie Ihrem Baby einen guten Start in eine glückliche Zukunft.“

Um starke Worte ist man bei Hipp nicht verlegen, wenn es um die Vermarktung der eigenen Produkte geht. Das gilt auch für jene Erzeugnisse, die als Ersatz oder Ergänzung der Muttermilch den Allerkleinsten zugedacht sind. Beispiel sind probiotische Milchpulver wie etwa „Bio Combiotik“, die einen aus natürlicher Muttermilch gewonnenen Keim mit der Bezeichnung Lactobazillus Fermentum CECT 5716 enthalten: „Strengste Qualitätskontrollen vom Rohstoff bis zum Endprodukt garantieren größtmögliche Sicherheit für Sie und Ihr Baby.“

Verkauf beendet

An besagter Sicherheit allerdings gibt es Zweifel. Bereits im März 2013 stellte das britische Scientific Advisory Committee on Nutrition (SACN) fest, dass die Unbedenklichkeit von CECT-5716-haltiger Säuglingsnahrung nicht hinreichend belegt sei. Die hierzu vorliegenden Studien wiesen laut SACN mehrere Mängel auf: So seien ausschließlich gesunde Babys in die Untersuchungen einbezogen worden, die erst ab der fünften Lebenswoche mit dem Lactobacillus angereicherter Milch gefüttert wurden.

Für Neugeborene und geschwächte Säuglinge fehlten dagegen Daten. Zudem sei die Zahl der kontrollierten Babys zu gering und der Untersuchungszeitraum zu kurz gewesen, um unerwünschte Langzeitwirkungen ausschließen zu können. Auf negative gesundheitliche Folgen gebe es bisher keine Hinweise, es bedürfe aber weiterer Studien, um die Sicherheit probiotischer Produkte für Säuglinge zweifelsfrei zu belegen. London reagierte prompt. Am 29. April 2013 teilte man den zuständigen EU-Gremien in Brüssel mit, dass diese Produkte vom britischen Markt genommen würden.

Kürzlich folgte Norwegen. Im Oktober 2014 kam das Osloer Wissenschafts-Komitee für Lebensmittelsicherheit (VKM) zu einem ähnlichen Ergebnis wie die britischen Kollegen: Zwar betonen auch die Norweger, dass gesundheitlich nachteilige Effekte durch mit CECT-5716 angereicherte Babynahrung bisher nicht bekannt geworden seien. Die vom Hersteller vorgelegten Untersuchungsdaten reichten aber nicht aus, um Risiken speziell für Neugeborene und immungeschwächte Säuglinge ausschließen zu können.

Auch in Deutschland wurde man hellhörig. Im Juni 2013 beauftrage das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) damit, „die Eignung der in Deutschland als Zutat für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung verwendeten Mikroorganismen in Bezug auf die zu erwartenden Vorteile und im Hinblick auf die Sicherheit zu bewerten“.

Ergebnis: Die verfügbaren Daten reichten nicht aus, „um eine abschließende zuverlässige Bewertung der Sicherheit und Verträglichkeit des Bakterienstammes für den routinemäßigen Einsatz in Säuglingsnahrung vorzunehmen“, so das BfR. Zudem fehlten hinreichende Belege für die behaupteten positiven Effekte: „Die im Zusammenhang mit der Anreicherung getroffenen Werbeaussagen sind angesichts der derzeitigen Datenlage aus Sicht des BfR nicht gerechtfertigt.“

"Es geht klar um Marktanteile"

Auch Verbraucherschützer sind skeptisch. „Grundsätzlich empfehlen wir keine Säuglingsnahrung mit Pro- oder Präbiotika“, sagt Gabriele Graf, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale NRW. Die Zusätze dienten den Herstellern dazu, „sich auf dem Markt besser zu positionieren und sich aus dem Angebot hervorzuheben“. Es gehe „klar um Marktanteile“.

Hersteller Hipp sieht dies erwartungsgemäß anders. Zwei Studien hätten den gesundheitlichen Nutzen belegt: Mit Lactobacillus Fermentum versorgte Kinder seien in den ersten beiden Lebensjahren signifikant seltener an Magen-Darm-Infektionen erkrankt als Kinder einer Kontrollgruppe, die Säuglingsnahrung ohne die probiotische Kultur erhalten hatten.

„Auch nach drei Jahren haben sich die Kinder aus beiden Studiengruppen vergleichbar entwickelt und auch bezüglich ihres Gesundheitszustands bestanden keine Unterschiede zwischen den Gruppen“, teilt das Unternehmen mit Sitz im bayerischen Pfaffenhofen mit. In Kürze würden die Studienergebnisse „in einem renommierten Journal“ veröffentlicht. Hipps Fazit: „Die Sicherheit der Nahrungen ist aufgrund der umfangreichen Datenlage gegeben.“

Bleibt gleichwohl die Frage, ob die Erzeugnisse in Deutschland anders als in Großbritannien und Norwegen weiterhin frei verkäuflich sein sollten. Das Bundesministerium für Landwirtschaft verweist auf bisher vergebliche Bestrebungen, die Zulassung der EU zu überantworten. Bisher zuständig seien die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer, denen man die Stellungnahmen des BfR übermittelt habe; federführend sei Bayern, wo die Firma Hipp ansässig sei. Das zuständige Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen hält sich freilich bedeckt, die Beratungen seien noch nicht abgeschlossen.