Die Aktionäre könnten alles verlieren.
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Der wegen eines Bilanzskandals um seine Existenz kämpfende Finanzdienstleister Wirecard musste am Montag weitere Rückschläge hinnehmen. Wirecard räumte erstmals ein, dass es einen Bilanzskandal gibt und dass die ominösen 1,9 Milliarden Euro, die in der Bilanz stehen, tatsächlich nicht existieren. Der Kurs der Aktie sackte am Montag erneut ab: Im regulären Xetra-Handel waren die Papiere schon weiter um 44 Prozent eingebrochen, danach ging der freie Fall auf der Handelsplattform Tradegate weiter. Zuletzt kostete die Aktie dort nur noch 12,87 Euro nach zuvor 14,44 Euro zum Xetra-Schluss. Dies war nochmals ein Einbruch um mehr als zehn Prozent.Das Unternehmen hat damit seit Freitag 87 Prozent seines Börsenwerts verloren.

Bei Wirecard besteht offenbar die Sorge, dass die Kunden ihre Gelder abziehen könnten. Das betrifft sowohl jene Kunden, die Wirecard nur als Zahlungsdienstleister verwenden als auch die Kunden der Wirecard. Diese haben in den neun Monaten des Geschäftsjahres 2019 etwa 1,7 Milliarden Euro an Einlagen bei Wirecard geparkt. Seine Kunden möchte das Unternehmen beruhigen und schreibt in einer Mitteilung: „Um Missverständnisse zu vermeiden teilt die Gesellschaft mit, dass ihre IT-Systeme ohne Einschränkungen weiterarbeiten.“ 

Die Ratingagentur Moody’s hat dem Unternehmen Wirecard die Einstufung der Kreditwürdigkeit komplett entzogen. Moody’s begründete den Schritt am Montag damit, dass die vorliegenden Informationen unzureichend seien, um die bisherigen Einstufungen aufrecht zu erhalten und eine Bewertung der Bonität abzugeben. Am Freitag hatte Moody’s die Kreditwürdigkeit von Wirecard bereits auf „Ramsch“ herabgestuft. Josh Levin von Autonomous Research korrigierte am Montag das Kursziel von Wirecard von 39 Euro auf null Euro. Er begründete diese Entscheidung damit, dass er nicht glaube, dass die Banken das Unternehmen retten würden. In diesem Fall würden Aktionäre alles verlieren.

Der Dax-Konzern hatte in der Nacht zu Montag mitgeteilt, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“. Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen. Es ist völlig unklar, wer hinter dem Betrug steckt. Wirecard-Gründer Markus Braun war am Freitag zurückgetreten.

Wirecard versuchte am Montag, das Zahlungsabwicklungsgeschäft zu retten, welches von Visa und Mastercard betrieben wird. Die beiden Kreditkartenunternehmen sind Lizenznehmer von Wirecard. Gemeinsam mit den Restrukturierungsexperten der Investmentbank Houlihan Lokey verhandelt Wirecard mit den Unternehmen sowie mit den Banken über die Zukunft. Das Unternehmen hat am Montag seine vorläufigen Jahresergebnisse zurückgezogen und mitgeteilt, dass Auswirkungen des Skandals auf die Bilanzen des laufenden Jahres und der folgenden Jahre nicht ausgeschlossen werden könnten.

Am Montag meldete sich auch die Finanzaufsicht Bafin zu Wort. Sie zeigte sich entsetzt über den Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard. „Das ist ein komplettes Desaster, das wir da sehen, und es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist“, sagte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Felix Hufeld, am Montag bei einer Konferenz in Frankfurt. „Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe.“

Die Bafin hatte bisher die Lage bei Wirecard nicht zum Anlass genommen, tätig zu werden – obwohl das Unternehmen seit 18 Monaten nach Enthüllungen der Financial Times über Ungereimtheiten in der Buchhaltung in Asien und fragwürdige Akquisitionen im arabischen Raum öffentlich unter Beschuss geraten war. Die Kritik an der Rolle der Aufsichtsbehörden – inklusive der Bafin – nehme er voll und ganz an. „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert“, räumte Hufeld ein. Wichtig sei nun rasche Aufklärung. Bundesfinanzminister Scholz sagte bei derselben Konferenz, dass der Fall Wirecard kein Anlass für eine verstärkte Regulierung sei. Er sagte, die Aufsichtsorgane hätte „sehr hart gearbeitet und ihre Aufgabe erfüllt“, wie die aktuelle Entwicklung zeige.