Bahn-Chef Grube im Interview: Grube verspricht: Bahn ist 2014 winterfest

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Er liebt Autos, Flugzeuge und die Eisenbahn. Kein Wunder: Schließlich hat Rüdiger Grube die ersten Airbusse mit zum Fliegen gebracht und bei Daimler Autos gebaut. Seit Mitte 2008 genießt der 61-Jährige die Bahn in vollen Zügen, auch wenn die noch nicht so zuverlässig rollt, wie es sich der Chef wünscht. Am meisten Verlass war für Grube in all den Jahren seiner Managertätigkeit ein anderes Fortbewegungsmittel: die eigenen Beine. Es vergeht kein Tag für ihn ohne einstündige Joggingeinheit. „Das gehört für mich zum Leben wie das Zähneputzen“, sagt er.

Herr Grube, was ärgert Sie am meisten, wenn Sie mit der Bahn fahren?

Ach, eigentlich ärgere ich mich sehr selten, denn unsere Mitarbeiter machen einen tollen Job. Aber wenn ich mich mal ärgere, dann wenn der Bahnhof oder die Züge schmutzig sind, der Zug nicht pünktlich ist, oder wenn die Reisenden schlecht informiert werden. Da müssen wir teilweise noch viel besser werden. Mich ärgert aber auch, wenn eine kleine Minderheit von Reisenden ihren Platz total liederlich hinterlässt. Züge und Bahnhöfe sind unsere Visitenkarten, die müssen sauber und freundlich aussehen.

Sie rufen täglich einige Bahnkunden persönlich an, die sich über Ihr Unternehmen beschweren. Was stört die am meisten?

Glücklicherweise bekomme ich zwischenzeitlich auch sehr viele positive Rückmeldungen. Wenn es um Unmut geht, dann ärgern sich Kunden vor allem über unpünktliche Züge und nicht stimmige Reiseinformationen.

Wie viel Kunden-Post bekommen Sie am Tag?

Wir bei der Bahn bekommen täglich zwischen 1000 bis 3000 Briefe und E-Mails, viele davon direkt an mich. Als ich vor dreieinhalb Jahren bei der Bahn begann, bekam ich täglich einen Riesen-Stapel Beschwerden und einige wenige Briefe, in denen wir gelobt wurden. Inzwischen hat sich das umgekehrt.

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Was loben denn die Kunden?

In den meisten Fällen aufmerksame und freundliche Mitarbeiter, die ihnen während der Fahrt geholfen haben. Es gelingt uns zunehmend besser, guten Service zu bieten. Das sieht man auch an den Fahrgastzahlen. Im ersten Halbjahr hatten wir 40 Millionen Kunden mehr als im Vorjahreszeitraum. In der zweiten Jahreshälfte werden wir wieder einige Millionen zusätzliche Reisende gewinnen, das zeichnet sich jetzt schon ab.

Den vergangenen Sommer hat die Deutsche Bahn ja ganz gut überstanden. Der Ausfall von Klimaanlagen hielt sich in Grenzen. Doch der nächste Winter kommt gewiss. Wie gut sind Sie darauf vorbereitet?

Wir sind zunehmend besser vorbereitet, nicht zuletzt haben wir auch sehr viel für eine besseren Prävention investiert. Im Sommer hatten wir nur an einem heißen Wochenende Probleme, überhaupt kein Vergleich also mit 2010, als zahlreiche Klimaanlagen vor allem im ICE-2 ausgefallen waren. Wir haben inzwischen mehr als die Hälfte der 44 ICE-2 umgerüstet und die Klimaanlagen erneuert, bei den restlichen sind die Klimaanlagen bis zum nächsten Sommer erneuert. Das hat sich ausgezahlt und wird sich weiter auszahlen. Für den Winter sind wir ebenfalls gut gewappnet. Nachdem wir im Vorjahr fast einen dreistelligen Millionenbetrag für zusätzliche Wintermaßnahmen ausgegeben hatten, nehmen wir nun noch einmal Geld für Maßnahmen im zweistelligen Millionenbereich in die Hand. Das Geld fließt unter anderem in Zug-Enteisungsanlagen, Weichenheizungen, Heizlüfter, Abtauzelte und in einen umfangreichen Schneeräumdienst.

Wann wird es endlich eine spürbare Entspannung im Reiseverkehr geben?

Wir sind derzeit ganz gut unterwegs. Aber richtig gut werden wir erst wieder, wenn wir eine Reserveflotte haben. Das wird Ende 2014 der Fall sein. Ende dieses Jahres erhalten wir acht neue ICE-3-Züge. Die sind nach großer Verspätung von Siemens nun fest zugesagt. Da setze ich auf das Wort von Siemens-Chef Peter Löscher. Es folgen danach noch zehn weitere Hochgeschwindigkeitszüge. Bis Mitte 2014 rechnen wir mit der Lieferung von 27 Doppelstock-Fernverkehrszügen von Bombardier, die eigentlich schon für 2013 zugesagt waren. Und die 250 Millionen teure Modernisierung unserer IC-Flotte ist ebenfalls angelaufen. Die ersten Züge werden im Dezember dieses Jahres fertig. Aber es wird bis 2014 dauern, ehe alle 770 Züge umgebaut sind. Ab 2016 schließlich soll dann die neue milliardenschwere ICx-Familie schrittweise die IC-Flotte und die erste ICE-Generation ablösen.

Die Bahn will bis 2020 einer der zehn beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland werden. Wie schafft man das?

Vor allem, indem man zufriedene Mitarbeiter hat. Wenn sie die Mitarbeiter nicht mitreißen, können sie alles vergessen. Dann bewegen Sie überhaupt nichts. Deshalb investieren wir viel Zeit in die Entwicklung der Unternehmenskultur. Am 15. Oktober startet die erste weltweite Mitarbeiter-Befragung in mehr als 100 Ländern mit nahezu 300.000 Mitarbeitern, davon 200.000 in Deutschland. Das ist ein Katalog von mehr als 40 Fragen. Vor allem wollen wir wissen, was die Mitarbeiter stört, was sie bei der Arbeit behindert, wie man es besser machen kann. Wir sind auf das Engagement unserer Mitarbeiter angewiesen, ohne sie sind wir nichts.

Gab es so etwas schon einmal bei der Bahn?

Ja, im Jahr 2001, aber nur unter den deutschen Mitarbeitern. Das Ergebnis der Umfrage war so schlecht, dass der damalige Vorstand das Papier postwendend weggeschlossen hatte, ohne es je zu veröffentlichen.

Werden Sie Gleiches tun, sollte es diesmal erneut Kritik hageln?

Auf keinen Fall! Egal wie die Umfrage ausfällt, wir werden alles transparent machen. Da wird nichts verheimlicht. Wir rechnen auch nicht mit einem allzu tollen Ergebnis. Unsere Mitarbeiter sind durchaus kritisch. Aber sie haben ein Gefühl dafür, ob man ihre Kritik ernst nimmt, der ob wir nur eine Marketingnummer abziehen. Wir werden die Umfrage gründlich auswerten und nachvollziehbare Schlussfolgerungen ziehen. Jeder Manager muss unter anderem die Ergebnisse in Workshops mit seinen Mitarbeitern aufarbeiten.

Was, wenn sie das nicht tun?

Dann bekommen sie es in ihrem Portemonnaie zu spüren und die Gehaltsboni sinken entsprechend.

Wo steht die Bahn derzeit im Beliebtheits-Ranking unter den Konzernen?

Etwa zwischen Platz 15 und 17. Was mich aber richtig ärgert: Unsere Mitarbeiter geben sich wirklich große Mühe, aber unser Image ist noch immer zu schlecht. Das muss sich ändern. Erste Anzeichen gibt es. Wir haben im September 4 100 neue Auszubildende eingestellt. Für die Lehrstellen hatten sich zehnmal so viele Jugendliche beworben. Da kann man wohl von einer gewissen Anziehungskraft der Bahn sprechen. Und die Perspektiven sind gut: Wir haben im Vorjahr 11 000 neue Mitarbeiter eingestellt, in den nächsten zehn Jahren werden es jährlich etwa 8000 weitere sein. Nach Ihrer neuen Gehaltsstruktur müssten die Einkommen der Manager der Berliner S-Bahn-Tochter angesichts der vielen Probleme in den letzten Jahren eher spärlich ausgefallen sein? Die heutigen Manager arbeiten an der Lösung der Probleme und haben sie nicht verursacht. Hinzu kommt die Industrie, die sich nun ebenfalls nicht aus der Verantwortung ziehen kann. Aber Sie haben recht, hätte es dieses Gehaltssystem damals schon gegeben, dann hätte das direkte Konsequenzen gehabt. Bei der S-Bahn Berlin haben wir uns wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert, da gibt es nichts zu beschönigen.

Wann kehrt die S-Bahn wieder zum Normalfahrplan zurück?

Wir sind auf einem guten Weg. Die seit mehr als drei Jahren eingestellte Linie S85 von Waidmannslust nach Grünau werden wir bis zum Jahresende wieder in Betrieb nehmen. Es geht also Schritt für Schritt Richtung Normalfahrplan. S-Bahnchef Peter Buchner und sein Team machen hier einen guten Job.

Bis Ende 2017 wird ein Großteil des Berliner S-Bahnnetzes neu ausgeschrieben. Welche Chancen rechnet sich Ihr Konzern aus, nach all den Querelen in der Vergangenheit, dennoch wieder zum Zuge zu kommen?

Für mich ist wichtig, dass wir das System in Ordnung bringen und die Qualität liefern, die der Kunde von uns erwartet. Wenn uns das gelingt, sind wir sicher auch ein gern gesehener Betreiber in Berlin. Wir sind in der Stadt der größte Arbeitgeber. Wir haben hier viel getan. Die Deutsche Bahn gehört nach Berlin wie das Brandenburger Tor. Die Stadt und die Bahn sind darauf angewiesen, gut miteinander zu arbeiten.

Bis 2020 wollen sie Weltmarktführer in ihrer Branche sein und den Umsatz verdoppeln. Heißt das, die Deutsche Bahn wird weiter im Ausland expandieren?

Für uns hat vorerst der Abbau der Schulden Priorität. Jeder getilgte Euro ist ein guter Euro. Der Schuldenberg soll mittelfristig von derzeit knapp 17 Milliarden erkennbar sinken. Dann können wir auch wieder Übernahmen ins Auge fassen.

Der Güterverkehrsmarkt leidet derzeit zwar unter der Konjunktur, dochlangfristig wird für die Branche ein riesiges Wachstum prophezeit. Haben Sie angesichts dieser Aussichten über einen neuen Anlauf an die Börse nachgedacht?

Nein, ein Börsengang ist auf absehbare Zeit kein Thema. So etwas darf nie eine Strategie sein, ein Börsengang ist ein Mittel zum Zweck. Und zwar dann, wenn man Schulden abzahlen will und das nicht kann, oder wenn man wachsen will , aber nicht genügend Cash-Flow hat. Das trifft auf uns nicht zu.

Wie reagiert sich der Bahnchef ab – beim Joggen, bei Hertha BSC oder beim Tanz der Vampire im Theater des Westens?

Ich habe meinen eigenen Weg gefunden: So oft es geht, jogge ich, am liebsten morgens vor der Arbeit eine gute Stunde durch den Berliner Tiergarten. Am Wochenende hänge ich dann noch mindestens einen Halbmarathon dran. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich dabei wunderbar sortieren und in Gedanken Probleme lösen kann.

Das Gespräch führten Robert von Heusinger und Peter Kirnich.