Die Skyline von Frankfurt am Main. 
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Der Grund für die relative Ruhe auf dem Markt liegt, so Jochen Peppel, Risiko-Experte bei Oliver Wyman und Co-Autor eines neuen Banken-Reports, im Gespräch mit der Berliner Zeitung, in der strengen Regulierung der Banken durch das Basel-Regime. Das sind die Regeln für die Kreditvergabe, die nach der Finanzkrise deutlich verschärft worden waren. Die Verschärfung hatte für großen Unmut gesorgt, weil die Kreditvergabe nach Ansicht von Banken und Unternehmen sehr bürokratisch und teilweise mit realitätsfremden Kriterien gestaltet wurde. Thomas Schnarr, Partner und Leiter der Financial Services Practice bei Oliver Wyman in Deutschland, sagte dieser Zeitung: „Die aktuelle Stabilität der Banken in Europa zeigt, dass die vermeintliche Überregulierung sehr wohl etwas gebracht hat. Die Aufsicht hat außerdem gewisse Übergangsfristen gestreckt. Eine generelle Umkehr ist allerdings sicher nicht zu erwarten.“

Allerdings kommt Oliver Wyman in seinem Report trotz aller Vorkehrungen zu einem nicht unbedingt erfreulichen Ergebnis: Die Corona-Krise werde dazu führen, dass „die europäischen Banken in den nächsten drei Jahren mit Kreditverlusten von über 400 Milliarden Euro rechnen müssen. Sollte ein zweiter, ähnlich weitreichender Lockdown aufgrund einer stark wachsenden Anzahl Covid-19-Infizierter in Europa nötig sein, könnten sich die Verluste auf 800 Milliarden Euro verdoppeln. Die zu erwartenden Verluste von 400 Milliarden Euro wären zweieinhalb Mal so hoch wie die gesamten Kreditverluste in der Branche in den vergangenen drei Jahren.“

Die Experten haben immerhin einen überraschenden Trost zur Hand: Dieser Verlust entspräche „weniger als 40 Prozent der Verluste, die in der globalen Finanzkrise 2008–10 verzeichnet wurden“.

Auch die Unternehmensberatung BCG geht in einer neuen Studie davon aus, dass es zu Kreditausfällen kommen wird und sich damit die Ertragslage der Banken verschlechtern könnte. Carsten Baumgärtner, Senior Partner und Experte für Corporate Banking bei BCG, sagte der Berliner Zeitung: „Wir erwarten klar eine deutliche steigende Kreditausfallquote. Die Banken haben allerdings unterschiedliche Kreditportfolien, und daher wird sich dies bei den Banken sehr unterschiedlich auswirken.“ Schon in den ersten Monaten des Jahres hätten die Corona-Maßnahmen den Banken zugesetzt. Baumgärtner: „Die rückläufigen Erträge im 2. Quartal beim Investment Banking mit Corporates ergaben sich vor allem aus deutlich reduziertem Geschäftsvolumen bei Kapitalmarkttransaktionen und FX. Der M&A-Markt ist nahezu vollständig ausgefallen. Wegen des Stillstands im Welthandel gab es auch wenig Bewegung bei Außenhandelsfinanzierungen und entsprechenden Währungsabsicherungen.“

Speziell im M&A-Geschäft erwartet BCG eine deutliche Belebung in den kommenden Monaten. Der Grund: Wegen der Corona-Maßnahmen wird es viele Schnäppchen bei eigentlich attraktiven Unternehmen geben. Baumgärtner: „Die Unternehmen werden in der Krise günstiger. Die Kaufpreise werden runtergehen. Daher erwarten wir, dass es deutlich verstärkte Corporate M&A-Aktivitäten im zweiten Halbjahr geben wird. Die niedrigen Zinsen bilden ein Kapitalmarktumfeld, das Zukäufe begünstigt: Ein Käufer kann den Erwerb eines Unternehmens mit einem günstigen Kredit finanzieren.“

Die BCG-Studie hat ein interessantes Detail zutage gefördert: Die kurzfristige Kreditnachfrage ist in Deutschland viel stärker gestiegen als in anderen europäischen Ländern. Dies könne, so Baumgärtner, „auch damit zusammenhängen, dass deutsche Unternehmen ihre Finanzierung noch vergleichsweise stärker über Banken abwickeln als über den Kapitalmarkt. Die deutschen Firmenkunden sind kreditaffin. Und wegen ihrer soliden Geschäfte haben sie eine gute Bonität, sind also auch kreditwürdig.“ Sowohl Oliver Wyman als auch BCG beobachten außerdem, „dass viele Unternehmen bereits jetzt damit beginnen, ihre Kredite vorzeitig zurückzuzahlen“, so Baumgärtner. Außerdem habe das deutsche Finanzsystem, das eng mit der Realwirtschaft verbunden ist, in der Krise gut funktioniert: „Die deutschen Banken und die KfW haben in der Krise sehr schnell reagiert. Deutschland hat am schnellsten eine Reaktion gezeigt.“ Die erwarteten Kreditausfälle werden, wie Oliver Wyman es ausdrückt, das europäische Banken-System „nicht zum Umfallen bringen“. BCG-Experte Baumgartner: „Der große Unterschied zur Bankenkrise von 2009 ist, dass ausreichend Liquidität im Markt ist. Die EZB-Politik hat hier eine völlig neue Grundlage geschaffen.“

Trotzdem ist zu erwarten, dass Corona auch den europäischen Banken-Sektor verändern wird. Baumgärtner: „Die seit Jahren immer wieder erwartete Konsolidierung im Bankenmarkt könnte durch die Entwicklung beschleunigt werden. Allerdings braucht es dazu zuerst die notwendigen regulatorischen Rahmenbedingungen.“ Im Bericht legt Oliver Wyman dar, dass sich im Jahr 2020 aufgrund dieser Entwicklungen über die Hälfte des Systems – gemessen am gebundenen Kapital – in einer Grauzone bewegen könnte. Fünf Prozent der Banken könnten in einen Bereich rutschen, in dem die Kapitalisierung unter das regulatorische Minimum sinkt und die Profitabilität nicht für eine Re-Kapitalisierung ausreicht.

Eine weitere Erkenntnis zeigt sich auch in der Corona-Krise: Die europäischen Banken sind nicht so dynamisch wie ihre US-amerikanischen Wettbewerber. Peppel: „Die amerikanischen Banken haben in den vergangenen Jahren gegenüber den europäischen Banken enorm gewonnen. Sie haben den Europäern etwa im Bereich der Großkunden zehn Prozentpunkte an Marktanteilen abgenommen. Das Price-Book-Verhältnis liegt in Europa oft unter eins, bei US-Banken bei eins oder darüber.“ Thomas Schnarr: „Schon in der Bankenkrise 2009 haben die US-Banken schneller abgeschrieben. Sie haben frühzeitig staatliche Unterstützungsmechanismen genutzt. Die Europäer waren zaghafter und haben Problemkredite verschleppt.“ Es gibt Anzeichen, dass dies in der Corona-Krise wieder so sein könnte. Schnarr: „Auch aktuell sehen wir diesen Trend: Die Amerikaner schreiben ein Vielfaches im Vergleich zu den Europäern ab. Sie sind deutlich schneller und zupackender.“ Einer der Gründe ist das europäische Insolvenzrecht.

Dass nun amerikanische oder asiatische Banken in Europa auf Einkaufstour gehen könnten, erwartet Carsten Baumgärtner nicht: „Wir erwarten in diesem Bereich keine verstärkten Aktivitäten. Es spricht einiges dagegen, auch kulturelle Unterschiede. Einige chinesische Player sind ja bereits im europäischen Markt tätig.“ Allerdings, so Thomas Schnarr von Oliver Wyman: „Der Business Case für eine Konsolidierung bei den europäischen Banken wird durch die Corona-Krise verstärkt.“ Immerhin, so Schnarr: „Die Bereiche Derivate und OTC sehen wir derzeit nicht als das große Problem an. Auch hat die Regulatorik zum Beispiel im Bereich counterparty credit risk dazu geführt, dass Risiken gemessen und in der Kapitalunterlegung berücksichtigt werden müssen.“

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