Auch die Berliner Volksbank hat fast die Hälfte ihrer Filialen geschlossen.
Foto: imago images/Müller-Staufenberg

BerlinKlaus Potschadtke ist verärgert. Gerade kommt er aus der Postbank-Filiale im Mühlenberg-Center in Prenzlauer Berg. Der 80-Jährige hat Überweisungsaufträge abgegeben, wie er es bislang regelmäßig tat. Diesmal aber war es sein letzter Besuch hier. An diesem Sonnabend wird die Filiale mit dem „Ihre Herzlich-Willkommen-Bank“-Aufkleber an der Tür schließen. Für immer. Auf einem Aushang wird über die Schließung informiert und darüber, dass sich die nächste Postbank-Filiale in Weißensee befindet. Potschadtke ist sauer. „Immer weniger Service“, schimpft er. Wer keinen Computer hat, sei aufgeschmissen.

Zahl der Bankfilialen in Berlin
Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bitkom, Eigenrecherche, Deutscher Bankenverband

Der Schalterschluss an der Greifswalder Straße, mit dem das Berliner Postbank-Netz der Zweigstellen mit Beratungsmöglichkeit auf 14 Filialen verödet, ist allerdings keinesfalls die Ausnahme, sondern illustriert die seit Jahren fortschreitende Erosion der klassischen Bankfiliale samt Beraterkontakt und deren Ersatz durch Automaten.

Angebot fast halbiert

Hatten die großen Banken vor fünf Jahren in dieser Stadt zusammen noch mehr als 430 Filialen, in denen man mit einem Bankangestellten sprechen konnte, so sind es derzeit nur noch etwa 250. Das Angebot hat sich also in fünf Jahren nahezu halbiert. Und das wiederum ist kein Berliner Phänomen. Auch bundesweit hat sich das Filialsterben bei den Banken und Sparkassen immer mehr beschleunigt. Allein von 2017 auf 2018 wurden laut Bundesbank in Deutschland mehr als 2 200 Zweigstellen geschlossen. In Berlin gibt es derzeit über 100 Bankfilialen weniger als noch Anfang 2018.

Bei der Zahl der Bankfilialen in Deutschland ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.
Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bitkom, Eigenrecherche, Deutscher Bankenverband

Treiber dieser Entwicklung ist freilich vor allem die Digitalisierung. Online-Banking ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom zufolge nutzen heute sieben von zehn Bundesbürgern das Internet, um ihre Bankgeschäfte zu erledigen. Vor fünf Jahren war es nur etwa jeder zweite. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Überweisungen und Daueraufträge, sondern auch Beratungsleistungen. Kunden können beispielsweise auch per Chat oder Videoberatung mit ihren Bank und Beratern in Kontakt treten.

Treue zur Hausbank schwindet

Tatsächlich sind es meist die unrentablen Filialen, die geschlossen werden. Jene, in denen die Berater nur noch wenig zu tun haben, weil es in der Gegend eben keinen Beratungsbedarf mehr gibt und der persönliche Kontakt als Wettbewerbsvorteil gewachsener Geldhäuser nichts mehr zählt. Die Banken und Sparkassen müssen also einerseits neue Kanäle zu ihren Kunden finden, dürfen aber andererseits ihre Stammkundschaft nicht verlieren. Ein schwieriges Unterfangen, zumal die Treue zur Hausbank schwindet. Hatte laut Bitkom-Umfrage vor einem Jahr gerade einmal jeder dritte Bundesbürger (34 Prozent) schon einmal sein hauptsächlich genutztes Girokonto gewechselt, ist dieser Anteil inzwischen auf 41 Prozent gestiegen. Jeder Achte will in den nächsten zwölf Monaten sogar zu einer reinen Online-Bank wechseln.

Die Zahl der Online-Banking-Nutzer wächst stetig.
Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bitkom, Eigenrecherche, Deutscher Bankenverband

Der Shootingstar im volldigitalen Bereich des Bankgeschäfts ist die Berliner Smartphonebank N26. Obwohl diese erst 2015 gegründet wurde, zählt sie heute bereits 3,5 Millionen Kunden in 26 Ländern, und derzeit kommen nach eigenen Angaben täglich bis zu 10 000 neue hinzu. Folglich sieht man sich in der Klosterstraße als der Gewinner des Systemwechsels. „Es würde mich nicht wundern, wenn 70 Prozent der heutigen Bankfilialen bis 2030 verschwunden sind“, sagt Georg Hauer, der das N26-Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortet.

Sparkasse kommt mit Bussen

Allerdings versuchen die analog gewachsenen Geldhäuser dagegenzuhalten. Die Berliner Sparkasse etwa, noch immer die Bank mit den meisten Filialen in der Stadt, schickt mobile Berater auf Supermarkt-Parkplätze, Wochenmärkte oder Altersheime, um die Kunden dort zu treffen, wo diese sich ohnehin aufhalten. Darüber hinaus können Hausbesuche vereinbart werden, und im Sommer wurde ein zweiter Bus als rollende Filiale in Dienst gestellt.  

Anteile der Online-Banking-Nutzer, nach Altersgruppen. 
Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bitkom, Eigenrecherche, Deutscher Bankenverband

Immerhin: Wer auf eine Bankfiliale angewiesen ist oder nicht darauf verzichten will, wird im nächsten Jahr wohl nur in Ausnahmefällen in seiner Gewohnheit gestört. Auf Anfrage erklärten jedenfalls die Berliner Sparkasse, die Commerzbank, die Berliner Volksbank, die Sparda-Bank sowie Santander, dass für 2020 keine Filialschließungen in Berlin geplant seien. Die Deutsche Bank will indes nur „wesentliche Veränderungen“ an seinem Berliner Filialnetz ausschließen. Die Postbank lässt lieber alles offen: „Eine Prognose für die Zukunft kann ich nicht geben“, teilte ein Sprecher mit.