In Deutschland kommt man ohne Bargeld nicht weit.
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BerlinEs gibt eine Sache, über die sich viele meiner niederländischen Freunde bei mir beschweren, wenn sie von einem Deutschland-Ausflug zurückkommen: „Warum seid ihr technologisch so altmodisch, sobald es um Geld geht?“

Mein Bekannter Bart war kürzlich zum Skifahren in den Bayerischen Alpen und fordert eine Erklärung. Auf einem Großteil der Technologie, die Holländer im Alltag benutzen, stehen die Namen deutscher Marken: Sie fahren einen Volkswagen, waschen ihre Kleidung in einer Waschmaschine von Miele und ihr Geschirr in einem Geschirrspüler von Siemens.

Für Bart und viele seiner Landsleute ist es völlig unbegreiflich, wie ein Land technologisch einerseits so fortschrittlich und gleichzeitig so rückständig sein kann. Und ehrlich gesagt verstehe ich ihn.

Wie im letzten Jahrtausend

Hier in Amsterdam zahle ich alles mit Karte: vom Croissant beim Bäcker, den Zigaretten im Kiosk, dem Feierabendbier in einer muffigen Eckkneipe bis hin zur Taxifahrt nach Hause muss ich nie in meinem Portemonnaie nach Münzen kramen. Mir fällt gerade nur eine einzige Situation in den Niederlanden ein, in denen ich Bargeld abheben muss: bevor ich in den Zug nach Deutschland steige.

Dann fühle ich mich immer wie im letzten Jahrtausend, als man vor großen Reisen noch in eine Wechselstube ging, um bei Ankunft schon die Währung des Reiselandes parat zu haben. Das Gefühl, dass meine niederländischen Mitreisenden haben, wenn sie dann im Bordbistro vor mir in der Schlange stehen und ihre Laugenbrezel nicht bezahlen können, dürfte ähnlich nostalgisch sein.

„Gewöhnt euch schon mal dran“, möchte ich ihnen dann gerne sagen, denn dieses Gefühl wird sie noch mehrmals in ihrem Deutschland-Urlaub ergreifen, wenn unzählige Läden gar keine oder Kartenzahlung nur bei größeren Beträgen anbieten.

Hier ist das Misstrauen vor Datenmissbrauch größer

Aber irgendwo in mir drin schlummert meine misstrauische deutsche Seele, die mir sagt, ich solle nicht jede neue Technologie allzu blauäugig in meinem Alltag willkommen heißen. „Geht meine Bank gar nichts an, wo ich was kaufe“, antwortete meine Mutter mal, als ich sie fragte, warum sie immer bar bezahlt und ich finde, sie trifft damit durchaus einen Punkt. In einem Land, das im letzten Jahrhundert zwei Diktaturen erlebt hat, die ihre Bürger auf Schärfste überwachten, ist das durchaus eine nachvollziehbare Haltung.

Die Fortschrittsliebe der Niederländer hört beim Bezahlen längst nicht auf. Sämtliche öffentliche Verkehrsmittel kann ich mithilfe einer Plastikkarte betreten, mit der sich leicht nachvollziehen lässt, wie ich mich im Land bewege.

Alle öffentlichen Einrichtungen, wie Einwohnermeldeamt oder Finanzamt, aber auch meine Bank und meine Krankenversicherung benutzen ein und dieselbe 9-stellige Nummer, mit der sie meine Daten bis an mein Lebensende zuordnen können. Dass sich die Daten dadurch theoretisch auch einander leichter zuordnen ließen, stört Niederländer in der Regel genauso wenig wie das grundsätzliche Durchnummerieren von Menschen.

Und überhaupt, einen unschlagbaren Vorteil haben die Münzen im Portemonnaie dann doch: Man kann auch ab und zu mal einige weggeben an Leute, die sie dringender brauchen, als man selbst.