Kurzarbeitergeld wird in der Steuererklärung in der Anlage N vermerkt.
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BerlinKurzarbeitergeld ist steuerfrei. Und dennoch kann es Beziehern von Kurzarbeitergeld passieren, dass sie nach Abgabe einer Steuererklärung vom Finanzamt aufgefordert werden, eine Nachzahlung zu leisten.

Seit Beginn der Corona-Krise in Deutschland Anfang März haben Betriebe für über elf Millionen Mitarbeiter Kurzarbeit angezeigt. In Berlin und Brandenburg zählte die Arbeitsagentur allein über eine halbe Million Anträge für Menschen, die Lohnersatzleistungen bekommen sollten.

Für Arbeitnehmer selbst hat das nicht nur in den Bezugsmonaten Einfluss auf ihr Einkommen, das geringer ausfällt als üblich. Auch das zugrunde gelegte Jahreseinkommen für die Steuer verändert sich. Zwar ist das Kurzarbeitergeld an sich steuerfrei, es unterliegt aber dem sogenannten Progressionsvorbehalt. Das heißt, die Leistungen werden trotzdem zur Berechnung des Steuersatzes herangezogen und führen damit zu einem höheren Prozentsatz, mit dem das übrige Einkommen versteuert wird. „Praktisch heißt dies, dass durch das Kurzarbeitergeld der Steuersatz und damit die Steuerbelastung für das übrige Einkommen steigt“, erklärt der Bund der Steuerzahler.

Abgabe einer Steuererklärung

Pflicht: Wer Kurzarbeitergeld erhält, ist dazu verpflichtet, für das betreffende Jahr eine Steuererklärung abzugeben. Arbeitnehmer tragen dies wie auch für andere Lohnersatzleistungen in der „Anlage N“ ein. Dort ist Kurzarbeitergeld explizit ausgewiesen.

Frist: Seit 2019 haben Steuerzahler zwei Monate länger Zeit, ihre Steuererklärung einzureichen: Neuer Stichtag ist jeweils der 31. Juli. Für die Steuererklärung 2020 also der 31. Juli 2021. Wer sich Hilfe holt, über einen Lohnsteuerhilfeverein oder Steuerberater, hat bis Ende Februar 2022 Zeit.

Um wie viel die Steuerbelastung steigt, ergibt sich aber erst hinterher, genau genommen nach Abgabe der Steuererklärung. Für die Zeiten, die der Arbeitnehmer normal arbeitet, also sozialversicherungspflichtiges Einkommen erhält, wird die Lohnsteuer wie üblich vom Arbeitgeber abgezogen. Mit der Einkommensteuererklärung wird dann erst abschließend geprüft, wie viel Steuern der Arbeitnehmer für seinen Lohn – unter Berücksichtigung des Kurzarbeitergeldes – tatsächlich bezahlen muss und wie viel Steuern er bereits durch den Lohnsteuerabzug beglichen hat.

Manche haben allein durch den Lohnsteuerabzug schon zu viel gezahlt, und ihnen steht eine Steuererstattung zu, andere müssen nachzahlen.

„Bezieht ein Arbeitnehmer für einen gewissen Zeitraum zu 100 Prozent Kurzarbeitergeld, ohne also noch stunden- oder tageweise die Woche zu arbeiten, ergibt sich fast immer eine Erstattung“, sagt Uwe Rauhöft, Geschäftsführer des Bundesverbands Lohnsteuerhilfevereine (BVL). „Das Kurzarbeitergeld erhöht nachträglich zwar auch hier den Steuersatz, gleicht aber in der Regel nicht das fehlende Einkommen aus.“ Der Grund liege darin, dass in den Monaten mit normaler Beschäftigung regelmäßig zu viel Lohnsteuer einbehalten wird. Anders sieht es aus, wenn beispielsweise nur zu 50 Prozent Kurzarbeitergeld bezogen wird. „Wer zusätzlich zum Lohn steuerfreie Leistungen bekommt, wird häufig Steuern nachzahlen müssen“, so Rauhöft.

Der Bund der Steuerzahler hat verschiedene Szenarien beispielhaft durchgerechnet, die diese Annahme bestätigen.

Im ersten Beispiel geht es um einen Alleinverdiener in einer Ehe mit zwei Kindern. Der Arbeitnehmer (Steuerklasse 3) verdient monatlich 4500 Euro brutto. In diesem Jahr arbeitet er allerdings nur neun Monate regulär und für drei Monate bezieht er Kurzarbeitergeld zu 50 Prozent. In dieser Zeit beträgt sein Bruttoeinkommen 2250 Euro plus rund 881 Euro Kurzarbeitergeld. Insgesamt erhält er in dem Jahr also Lohnersatzleistungen von 2643 Euro. Für die neun Monate mit regulärem Arbeitslohn hat er bereits 4329 Euro Lohnsteuer gezahlt und für die drei Monate mit einem Arbeitslohn von 2250 Euro 81 Euro. Insgesamt sind das 4410 Euro. Mit dem Kurzarbeitergeld zusammen ergibt sich für 2020 allerdings eine festzusetzende Einkommensteuer von 4650 Euro. Er muss also noch 240 Euro an Steuern nachzahlen.

Das Szenario lässt sich aber auch leicht abwandeln. Wenn beispielhaft angenommen wird, dass derselbe Arbeitnehmer in den drei Monaten nicht zu 50 Prozent, sondern zu 100 Prozent Kurzarbeitergeld bezieht, verändert sich die Steuerbelastung. Während für die neun Monate regulärer Tätigkeit unverändert 4329 Euro Lohnsteuer anfallen, bleiben die drei Monate mit Kurzarbeitergeldbezug von 2072 Euro monatlich steuerfrei. Auf das ganze Jahr gerechnet ergibt sich damit eine festzusetzende Einkommensteuer von 3722 Euro. Der Arbeitnehmer hat in diesem Fall also schon zu viel an Lohnsteuer gezahlt und bekommt 607 Euro erstattet.

Auch Steuerklassekombinationen von Ehepartnern entscheidend

Matthias Warneke, Leiter des Deutschen Steuerzahlerinstituts (DSi), warnt aber davor, diese Regel pauschal auf alle Fälle anzuwenden. „Bei der Steuer kommt es immer auf den Einzelfall an“, sagt er. So seien die Progressionsverläufe nicht linear. Es sei immer auch entscheidend, an welcher Stelle der Grenzsteuerkurve sich der Betroffene befindet und ab welchem Punkt sich der Steuersatz erhöht. Es könne also genauso bei 50 Prozent Kurzarbeit zu Rückzahlungen kommen und bei 100 Prozent Kurzarbeit zu Nachzahlungen.

Auch bestimmte Steuerklassekombinationen von Ehepartnern können eine veränderte Situation ergeben. Bei zusammen veranlagten Partnern unterliegt auch das Einkommen des Partners dem Progressionsvorbehalt.

Berücksichtigt werden sollten außerdem Zuschüsse vom Arbeitgeber zum Kurzarbeitergeld. Die sind mit Verabschiedung des Corona-Hilfspakets zwar steuerfrei gestellt worden, erhöhen aber wie das Kurzarbeitergeld selbst den zu berücksichtigenden Steuersatz.

„Ich gehe dennoch davon aus, dass viele Arbeitnehmer, die Kurzarbeitergeld beziehen, eine Steuererstattung bekommen“, sagt Rauhöft. Trotzdem rät er Arbeitnehmern, eine mögliche Nachzahlung im Hinterkopf zu behalten, um mit Eintreffen des Steuerbescheids nicht böse überrascht zu werden.