Die Bundesregierung hat die Alarmstufe im Notfallplan Gas ausgerufen. Die Versorgungslage ist ernst und es wird sicher noch teurer für die Verbraucher. Was tun? ZDF-Moderatorin Maybrit Illner hat das am Donnerstagabend diskutiert, dabei waren unter anderen Finanzminister Christian Lindner und SPD-Chef Lars Klingbeil.

Zugeschaltet aus Bonn war zudem der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. Sollte die Alarmstufe eines Tages zur dritten Notfallstufe werden, wäre das die Aufgabe seiner Regulierungsbehörde, als „Bundeslastverteiler“ in den Markt eingreifen und wie in einer Planwirtschaft zu entscheiden, wer dann noch mit Gas heizen kann und wer nicht.

Klaus Müller: Stadtwerke werden nicht pleitegehen

Es ist zwar noch nicht so weit, aber schon im Illner-Studio wird sichtbar, dass Klaus Müller der von ihm erwarteten Führungsrolle gewachsen ist. Der erfahrene Verbraucherschützer und frühere grüne Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein positioniert sich energisch und spricht auch so. Damit hebt er sich positiv von Christian Lindner und Lars Klingbeil ab, die beide etwas müde wirken.

Müller gibt sich auch nicht als Alarmismus-Fan. Die Bundesnetzagentur werde die erhöhten Preise noch nicht an die Verbraucher weitergeben, sagt er, weil es noch keine substanzielle Reduktion der Gasflüsse gebe und man die Lage weiter beobachten wolle. Es könnte ja auch sein, dass Kreml-Chef Wladimir Putin die Gasflüsse über Nord Stream 1 doch wieder erhöhen werde, wenn die jährliche Wartung der Pipeline ab 11. Juli vorüber sei. Das sei zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Bisher rechne man aber damit, dass die Gasflüsse über Nord Stream 1 ab dem 11. Juli auf null runtergehen würden.

Deswegen lasse man aber die Stadtwerke oder ihre Kunden nicht pleitegehen. Man habe heute noch eine stabile Versorgung mit Gas auf niedrigem Niveau, wenn perspektivisch auch auf zu niedrigem Niveau. Aber man habe bereits für den Fall, dass das Gas nach der Pipeline-Wartung tatsächlich wegbleibt, weitere Möglichkeiten wie die längere Verstromung von Kohle und die Beschaffung von LNG-Gas entwickelt. „Wir müssen einsparen und zusätzlich einkaufen“, legt Müller nach. Man müsse private Haushalte so lange schützen, wie es gehe, und er glaube, dass es dank der Zuflüsse aus Norwegen, Holland und Belgien, dank einer Umstellung von Gas- auf Kohlekraftwerke auch gelingen werde.

Lindner: Wir haben kein Geld

Dann fragte die Moderatorin Finanzminister Lindner, ob er sich in der aktuellen Situation wohlfühle. „Das ist eine nicht gekannte Situation“, gibt Lindner zu. Seine Hauptsorge seien die Menschen, die nicht wüssten, wie sie ihr Leben finanzieren sollten. „Und ich sage ganz offen: Ich habe große Sorgen. Das hält mich mitunter nachts auch wach.“

Aber er beklage sich nicht, zu wenig zu tun zu haben: Nein, die Bundesregierung habe die Familien bereits großzügig entlastet und Wirtschaftshilfen für Unternehmen bereitgestellt. Weitere Entlastungen über die beschlossenen Pakete hinaus will Lindner dabei nicht versprechen – denn: „Ich kann mir bei den Zinsen zusätzliche Schulden nicht erlauben. Ich verwalte ja das Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.“ Lindner ist sonst stark auf die Ich-Form konzentriert. Nur beim Geld sagt er dann: „Wir haben kein Geld.“

Klingbeil widerspricht Lindner fast nicht

Was schlagen Finanzminister Lindner und SPD-Chef Lars Klingbeil gegen die Gaskrise vor? „Wir dürfen uns keine Tabus erlauben“, sagt Lindner, also: nicht nur grünen Wasserstoff, sondern auch roten mit Kernenergie produzierten Wasserstoff aus Frankreich einführen, die verbliebenen drei Kernkraftwerke nicht schließen – sondern nutzen, um die Preise zu reduzieren.

Man brauche bei Energie eine vollständige Unabhängigkeit von Russland, legt auch der SPD-Chef Klingbeil nach. An diesem Abend widerspricht er Lindner fast nicht. Klingbeil stellt sich generell gegen Atomkraft und wünscht sich stattdessen einen verstärkten Fokus auf die Erneuerbaren, wie es im Koalitionsvertrag stehe. Er könne sich aber nicht vorstellen, für russisches Gas und Öl eine Tür offen zu halten.

Bevor die beiden zu weit weg von dem eigentlichen Thema abschweifen, nämlich der Gaskrise, erinnert sie aber der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller: Es sei das Gasproblem, das man aus Sicht der Bundesnetzagentur lösen müsse. Man habe keine Stromlücke, sagt er mit Blick auf Lindners Atomkraft-Vorstoß: „Das ist nicht das Problem, was Deutschland heute hat. Wir müssen Gas beschaffen.“