Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, und Friede Springer, Verlegerin.
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BerlinEs ist ein Sieg auf ganzer Linie. War Mathias Döpfner bisher „nur“ Vorstandsvorsitzender von Axel Springer (Bild, Welt), der – für Manager in dieser Position nicht unüblich – zusätzlich noch über 2,8 Prozent der Anteile verfügte, kann er sich nun mit Fug und Recht Verleger nennen. Wie das Berliner Medienhaus am Donnerstag bekannt gab, schenkt die bisherige Verlegerin Friede Springer dem 57-Jährigen 15 Prozent ihrer Anteile. Weitere 4,1 Prozent der Aktien der Witwe des Verlagsgründers erwirbt Döpfner zum Preis von 276 Millionen Euro. Das Stimmrecht ihrer verbleibenden 22-Prozent-Beteiligung überträgt die bisherige Verlegerin ebenfalls auf ihren bisherigen ersten Angestellten.

Damit endet ein quälend langer Prozess, der Ende 2015 begann. Damals hatte sich Friede Springer erstmals konkrete Gedanken über die Regelung ihres Nachlasses gemacht. Sie ließ die mit ihr befreundete Anwältin Karin Arnold eine Regelung entwerfen, die vorsah, dass nach dem Tod der Verlegerin ihre Firmenanteile auf die nach ihr benannte wohltätige Stiftung übergehen. In deren Vorstand sitzt außer der Stifterin nur Arnold. Die Anwältin wäre folglich die starke Frau im Medienhaus gewesen.

Die Zeitungsmarken Bild und Welt sollen dauerhaft gesichert werden

Gegen diese Pläne regte sich massiver Widerstand. Im Top-Management war von einem „Putsch“ die Rede. Die Pläne von Arnold wurden schließlich wohl auch auf Druck von Döpfner zurückgezogen. Die Verlegerwitwe schimpfte anschließend in einem dpa-Interview auf FAZ und FAS, die über die Kabalen im Hause Springer kenntnisreich berichtet hatten. An den Berichten „habe fast gar nichts gestimmt“. Sie seien „eine Erfindung“ und „Unsinn“. Das Medienhaus streute, Friede Springer habe von Arnolds Plänen nichts gewusst. Dagegen spricht, dass die Juristin, damals wie heute, eine enge Vertraute der 78-Jährigen ist.

Friede Springers Anteile an dem Medienhaus sollten fortan in einer noch zu gründenden gemeinnützigen Gesellschaft nach dem Vorbild der Bosch-Stiftung gebündelt werden. Zum Jahreswechsel gab es im Umfeld der Verlegerin recht konkrete Überlegungen, wie man mit Hilfe dieser gemeinnützigen Gesellschaft auch Axel Springers publizistisches Erbe dauerhaft sichern könne. Wie die Berliner Zeitung im Februar berichtete, war vorgesehen, die Zeitungsmarken Bild und Welt auf diese Gesellschaft zu übertragen. Mit den auf sie entfallenden Erlösen des Medienhauses Axel Springer, das sein Geld inzwischen vor allem mit digitalen Rubrikenmärkten wie Stepstone und Immowelt verdient, sollten beide Zeitungsmarken dauerhaft finanziell gesichert werden.

Insbesondere für die defizitäre Welt wäre eine solche Lösung wichtig gewesen. Das Blatt schrieb schon zu Lebzeiten des Verlagsgründers rote Zahlen, galt aber als unantastbar. Dies hat sich mit dem Einstieg des US-Finanzinvestors KKR bei Springer geändert: In den Angebotsunterlagen, die die Amerikaner im Vorfeld ihrer Anteilsübernahme veröffentlichten, heißt es, die Fortführung der Welt-Gruppe stünde „unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation“. Womöglich war es dieser unsentimentale Blick des neuen Hauptgesellschafters auf die Welt, der im Umfeld der Verlegerwitwe die Idee aufkommen ließ, auch Axel Springers publizistisches Erbe in die noch zu gründende gemeinnützige Gesellschaft einzubringen.

Diese Pläne hatten von Anfang an einen großen Haken: Döpfner, der eigentlich an der Spitze der neuen Gesellschaft stehen sollte, lehnte sie kategorisch ab. Er ließ sogar dementieren, dass es diese Pläne überhaupt gebe. Ohne Döpfner konnte sich Friede Springer aber offenbar deren Umsetzung nicht vorstellen. So kam es wohl zur nun gefundenen Lösung, die den Konzernlenker mit einer beispielslosen Machtfülle ausstattet. Zwar bleibt die Witwe Mitglied von Aktionärsausschuss und Aufsichtsrat. Neben KKR hat aber im Medienhaus künftig nur einer das Sagen: Döpfner.

Dieser massive Machtzuwachs kommt durchaus überraschend. Die Zeiten, in denen Döpfner, seine Frau und die gemeinsamen Kinder für die kinderlose Friede Springer so etwas wie eine Ersatzfamilie waren, sind lange vorbei. Das Familienglück der Döpfners zerbrach schon vor Jahren. Auch in wichtigen Fragen sind die bisherige Verlegerin und ihr Vorstands-Chef mitunter uneins. Besonders deutlich wurde das zuletzt an der Personalie Julian Reichelt. Friede Springer beschwerte sich bei Döpfner über den umstrittenen Bild-Chefredakteur wegen dessen Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten. Doch der künftige Verleger steht in Treue fest zu dem Mann vom Boulevard.

Dass die Witwe trotz inhaltlicher Differenzen Döpfner de facto zu ihrem Nachfolger macht, dürfte an schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit liegen. Nach dem Tod des Verlagsgründers 1985 gaben sich die Vorstandsvorsitzenden bei Springer die Klinke in die Hand. Machtzentrum des Medienhauses war damals der als intrigant geltende langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Bernhard Servatius. Ruhe zog erst 2002 mit der Berufung von Döpfner zum Verlags-Chef ein.

Mit dem Satz, „Ich habe immer gesagt, dass ich für Kontinuität im Unternehmen sorgen werde“, wird Friede Springer in einer Pressemittelung des Medienhauses zitiert. Das ist weitaus mehr als der bei solchen Anlässen übliche PR-Sprech. Kontinuität ist für die bisherige Verlegerin ein hohes Gut. Ganz offenbar kann sie sich Axel Springer ohne Döpfner nicht mehr vorstellen. Die 22 Prozent der Anteile, die ihr noch bleiben, will sie nach wie vor eines Tages in eine gemeinnützige Gesellschaft geben. Dass nach der Machtverschiebung im Konzern auch die Marken Bild und Welt in die neue Gesellschaft wandern, ist aber unvorstellbar.

Damit ist die Zukunft des Medienhauses geregelt. Nur eine klitzekleine Frage ist noch offen: Wie finanziert Döpfner den Erwerb der 4,1 Prozent der Anteile, die er von Friede Springer nicht geschenkt bekommt? Der Medienmanager gilt zwar als vermögend. Aber 276 Millionen Euro bezahlt auch er nicht mal eben aus der Portokasse.