Nach dem Fall der Mauer, als sich Berlin seinen Gründungsmythos erarbeitete, „arm, aber sexy“ zu sein, wuchs der Berlin-Hype auch in Sachen Bildkunst rasant. In der von aller Enge und staatlicher Vormundschaft befreiten Stadt entwickelten sich in schwindelerregendem Tempo in allen Bereichen Superlative: die schon gar nicht mehr zählbaren Kunstorte, der boomende Betrieb, die quicklebendige Subkultur, die wachsende Zahl von Stipendien, die öffentliche Atelierförderung – und ein wie magnetisiertes Publikum.

Der Boom

Die einst geteilte Stadt mit ihren endlich beendeten ideologischen Grabenkämpfen auch in Sachen Kunst rief sich zum Eldorado der freien Kunst aus. Und die ganze Welt kam nach Berlin, wie in einem Sog. Fast schien es so, dass niemand berühmt werden könne, der nicht hier in Berlin lebte und arbeitete. Ateliers waren erschwinglich, der Lebensunterhalt ebenso. Gentrifizierung war anfangs noch kein Thema, Eventkultur wurde es umso mehr. Jeder wollte, musste dabei sein.

Meist war der Galerist des jeweiligen Künstlers – heute zählt die Dunkelstatistik 25.000 zumindest temporär hier lebende Kunstschaffende aus allen Richtungen der Windrose – schon da und zog schon mehrmals um, von den anfänglichen „Westentaschengalerien“ in Mitte in leere Fabriken, Lager- und Industriehallen, einstige DDR-Kaufhallen, sogar in entweihte Kirchen. Und neuerdings wieder in stuckreiche Gründerzeiträume. Private Sammler aus dem Rheinland, aus Hamburg, München oder London folgten ihren Künstlern, mieteten oder kauften sich Domizile, zumindest als Zweitsitz.

Im Nu gab es an die 600 kommerzielle Galerien, Tendenz steigend, die Berlin Biennale und eine Kunstmesse Berlin wurden gegründet, aber nur bis 2011 vom Land mitfinanziert, dann stieg der Senat aus, unter Verzicht aufs Image. Die Messe-Miete wurde zu teuer, die Einnahmen zu gering. Nun, der alljährliche Kunstfrühling und Kunstherbst verankern auch ohne staatliche Alimentierung die zeitgenössische Szene im Bewusstsein. Heute hat ein Gallery Weekend an die 40.000 Besucher, und zur alljährlichen Berlin Art Week im September steckt der Senat über seine Kulturprojekte GmbH auch wieder Geld ins Kunstgeschehen.

Wer immer mit dem Kunstmarkt zu tun hat, ob als Produzent, als Vermarkter, Sammler oder als Vermittler, der lernte vom Boom. Aber zugleich wurde der Raum für Kunst knapper und teurer. Nach 2010 trat ein, was inmitten all der Euphorie nüchtern denkende Freunde, Förderer und Arbeiter in den hiesigen Weinbergen der Kunst natürlich schon befürchtet hatten: Gentrifizierung verknappte den Atelierraum, vertrieb Künstler an den Stadtrand oder gleich ins Umland. Etliche Galeristen gaben auf. Oder zogen sich in ihre Dependancen in anderen großen Städten zurück.

Die kritische Masse

Schon machte im Kunstbetrieb der Physik-Begriff von der „kritischen Masse“ die Runde. Und in der Tat können bis heute viele der vielen hier zwar ganz gut arbeiten, ihre Kunstmengen aber nicht verkaufen. Das große Geld für Käufe und Wertanlagen sitzt eben nicht in Berlin, trotz der hierher gezogenen Sammler, deren überwiegend konventionell denkende Spezies inzwischen weniger auf junge, riskante Kunst, eher auf die wertbeständige und wertsteigernde Klassische und etablierte Moderne nach 1945 setzt und bei den sogenannten Hypes vorsichtiger kauft.

Der mühsam etablierte Marktplatz Berlin scheint eingeschliffen und zugleich ein wenig ermüdet, viele Museen sind Baustellen, den staatlichen Häusern fehlt Geld für Ankäufe und auch für Sensationen, sie pflegen den Normalbetrieb. Ausnahme-Ausstellungen wie die des MoMA in der Nationalgalerie oder des 2010 zum Rentier-Reservat umfunktionierten Hamburger Bahnhofs sind Geschichte. Die junge Messe abc fusionierte notgedrungen mit der Art Cologne; große Kunstgeschäfte passieren mittlerweile in Basel, Köln, Übersee, Asien.

Die Karawane

Götterdämmerung? Das wäre übertrieben. Was wurden in den letzten zwanzig Jahren nicht, neben Berlin, Städte als die trendigsten Kunstorte ausgerufen: Barcelona beispielsweise, Istanbul, Tel Aviv, bizarrerweise Bukarest.Und gerade wird Österreichs Hauptstadt Wien zum neuen Kunst-Hotspot erklärt. Es lockt die Art Vienna im Frühjahr 2019 mit Hochkarätigem. Wiener Galerien zogen sich aus Berlin zurück ins Heimische.

Zu bezweifeln ist, dass nun gleich die globale Kunst-Karawane nach Wien zieht; dort sind Mieten und Alltagsleben um keinen Cent billiger. Eher im Gegenteil. Aber vielleicht ist Wien nur cleverer, wenn der in Berlin lebende Argentinier Tomás Saraceno die Wiener Karlskirche mit reflektierenden Kugeln zum Schweben bringt? Die Frage ist doch auch, wieso sich in Berlin kein Ort und keine Finanzierung für solch eine Sensation finden.

Kunst in Berlin im Jahr 2030? Kein Grund zur Panik, man sollte das Beharrungsvermögen nicht unterschätzen, 600 Galerien werden nicht nach sonst wohin umziehen, Werkstätten auch nicht. Museen ebenso wenig, gerade entsteht ja das Humboldt-Forum im rekonstruierten Stadtschloss. Undenkbar ist eine Vier-Millionen-Stadt ohne Kunst. Die Veränderung der Interessen, der Sehgewohnheiten ins Digitale und Interaktionistische sind eine Herausforderung. Berlin wird auch künftig Kunststadt sein und die Leute hier aufgeschlossen und eventverrückt. Sofern es bei der notorischen Raumnot noch – auch das macht den Berlin-Mythos aus – Freiräume gibt: Ateliers, Werkstätten. Ausstellungsorte – nicht elitäre, sondern solche für jedermann.