Es fehlen vor allem die ausländischen Touristen, die wegen der Krise wegbleiben.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinDie erste Museen haben seit Montag geöffnet, nun soll die Gastronomie folgen. Langsam kehrt Berlin zu einer Art Normalität zurück. Doch so wie vor der Pandemie wird es nicht werden. Denn Tausende der etwa 1,5 Millionen in Firmen angestellten Berliner müssen um ihren Arbeitsplatz bangen.

Trotz der Lockerungen werden die Unternehmen in der Hauptstadt noch Monate mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise kämpfen müssen. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK), in der knapp 300.000 Berliner Gewerbetreibende Mitglied sind, macht es deutlich: Danach befürchtet fast jeder zweite Betrieb, künftig Stellen abbauen zu müssen.

Die Anfänge sind schon zu spüren. Im März und April meldeten 32.000 Firmen für ihre Angestellten Kurzarbeit an. Im Vorjahreszeitraum waren es 32 Betriebe. Im vergangenem Monat verloren insgesamt 182.618 Berliner ihren Job, vor allem im Gastgewerbe- und Dienstleistungsbereich. Das waren 33.804 mehr als im April 2019.

Diesen Anstieg um 1,6 Prozent rechnen Experten des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IBA) der Corona-Krise zu. Bis Ende 2020 würde in Deutschland eine halbe Million mehr Jobs wegfallen als im Vorjahr. „Für Berlin kann man noch keine Zahlen nennen, da nicht klar ist, wie viele Firmen die Durststrecke überleben werden“, sagt Doris Wiethölter vom IAB.

Durch die Corona-Krise sind viele Berliner Unternehmen „in eine existenzbedrohende Situation gekommen“, sagt IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. „Selbst in unseren zuversichtlichsten Prognosen gehen wir von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von bis zu zwölf Prozent aus“, sagt sie der Berliner Zeitung. Trotz der anvisierten Lockerungen würden Branchen wie Tourismus, Gastgewerbe und Veranstalter noch lange unter den Corona-Folgen zu leiden haben.

Die Merlin-Entertainments Berlin zum Beispiel. Die Gruppe betreibt in der Stadt fünf Unternehmen, zu denen die Berlin-Schau „Little Big City“, das „Sea Life“ und die Wachsfiguren-Ausstellung „Madam Tussauds“ gehören. „Obwohl Museen wieder öffnen dürfen, wir genauso Schutzmaßnahmen für Besucher getroffen haben, müssen unsere Einrichtungen weiter geschlossen bleiben“, sagt Firmen-Sprecher Ulf Tiedemann. Für eine Öffnung fehlen die rechtlichen Grundlagen. „Unsere Verluste gehen in Millionenhöhe“, sagt der Sprecher. „Fast alle 300 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Wir hoffen, dass es zu keinen Entlassungen kommt. Denn auch bei einer künftigen Öffnung werden wir die Corona-Auswirkungen noch bis Ende des kommenden Jahres spüren“, sagt Tiedemann.  

Selbst wenn „Sea Life“ oder „Little Big City“ wieder öffnen, würden die Besuchermassen ausbleiben, die nötig sind, um das Geschäft wieder zum Laufen zu bringen. Es fehlen vor allem die ausländischen Touristen, die wegen der Krise wegbleiben. Das trifft auch Dienstleistungsunternehmen wie „Bus-Art-Tours“, das hauptsächlich vom Tourismus lebt. „Wir waren bis vor der Krise 33 Jahre lang ein völlig gesundes Unternehmen“, sagt Geschäftsführer Thomas Schlüter. „Wir haben 20 Fernreise- und Fernlinienbusse, einige fahren im Auftrag für Flixbus, die anderen können von Gruppen und Reiseveranstaltern aller Art gemietet werden.“

Doch nun stehen die Busse auf dem Hof. Relativ neue, für die Schlüter monatlich Kreditraten von 75.000 Euro zahlen muss. Einnahmen kommen nicht rein. „Stattdessen telefoniere ich mit Kunden, die für den Sommer und Herbst ihre Buchungen stornieren.“ Seine 70 Mitarbeiter hat er in die Kurzarbeit geschickt. Unter ihnen ist auch Busfahrer Waldemar Kuter. „Wenn wir nicht bald neue Aufträge bekommen, sehe ich die Gefahr, dass ich meinen Job verliere“, sagt er.

Die 90.000 Angestellten der Berliner Hotel- und Gastrobranche müssen ebenfalls um ihre Jobs bangen. „Dazu kommen noch 160.000 Angestellte in angeschlossenen Unternehmen – vom Bio-Bauern bis hin zu Reinigungsfirmen“, sagt Thomas Lengfelder, Chef des Berliner Gastro- und Hotelverbandes Dehoga. Ein Viertel aller Beschäftigten ist in Kurzarbeit. Und die Lage dürfte sich nicht verbessern. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, wenn wir morgen Lokale wieder öffnen, dass dann gleich alle Läden wieder voll sind“, sagt Lengfelder. Das Hauptgeschäft seien nun einmal die Touristen.

Dass diese in Berlin fehlen, hat auch Folgen für den Einzelhandel, der etwa 100.000 Menschen Arbeit gibt. Mit Ausnahme von Supermärkten und Lebensmittelgeschäften müssten etwa Mode- oder Sportläden ums Überleben kämpfen. Nicht nur Touristen fehlen als Kunden. „Auch die Berliner, von denen viele in Kurzarbeit sind, werden künftig genauer aufs Geld schauen, bevor sie es ausgeben“, sagt Einzelhandelsverbandschef Nils Busch-Petersen. „Die Hälfte aller 21.000 Einzelhandelsläden ist akut in ihrer Existenz bedroht.“ Das wissen auch die Verkäufer.