Das Markenlogo von Delivery Hero.
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BerlinZwischen Gewinnern und Verlierern der Corona-Pandemie liegen in der Oranienburger Straße nur wenige Schritte. Während sich die meisten Restaurants schwer und mühsam aus dem Loch herauszuarbeiten versuchen, das ihnen der Lockdown mit wochenlangem Öffnungsverbot hinterließ, brummt an der Ecke Tucholskystraße das Geschäft mit Sushi, Curryhühnchen und Pizza Tonno.

Dabei sind Gäste in dem schmucklosen Bau nicht unbedingt willkommen. Es wird auch nichts serviert, nicht einmal gekocht. Es ist ein Bürohaus, aus dem heraus Delivery Hero, die nach eigenen Angaben weltweit führende Lieferplattform für Speisen von lokalen Restaurants, ihr Geschäft organisiert. Wenn das Unternehmen in der übernächsten Woche die Zahlen für das zweite Quartal vorlegt, wird man erfahren, dass die Bestellungen sich gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum nahezu verdoppelt haben. Derzeit sind es etwa 100 Millionen Bestellungen im Monat. Gastronomie mit Server statt Küche. Fast Food 2.0.

Tatsächlich sind Lieferdienste, die großen Gewinner in der großen Krise. Zwar konnte auch Zalando an diesem Donnerstag ein Umsatzwachstum um 26 Prozent im zweiten Quartal vermelden, doch wenn es ums Essen geht, dann geht es auch um ganz andere Steigerungsraten. Der Berliner Kochboxen-Lieferant HelloFresh hatte erst am Montag seine Umsatzerwartungen für das Gesamtjahr auf plus 55 bis 70 Prozent angehoben, nachdem der Umsatz im zweiten Quartal von 440 Millionen Euro auf 960 Millionen Euro gestiegen war. Die Digital-Dienste waren zur Stelle, als man Restaurants nicht besuchen durfte. Sie brachten ihnen Kundschaft und kassierten Provisionen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Onvista

Für Delivery Hero geht es allerdings nicht mehr nur um Pizza und Burger. Ausgangsverbote und Kontaktängste haben in ungeahnter Weise einen Geschäftszweig befeuert, den das Berliner Unternehmen erst Ende vergangenen Jahres ausgerollt hatte: Quick-Commerce. Ein Lieferservice, für den Delivery Hero sein radelndes Logistik-Netzwerk nutzt, um auch Medikamente, eine Tüte Zucker oder das dringend benötigte Klopapier in sehr kurzer Zeit zu liefern. Allein in den Märzwochen nach dem Lockdown hatte der Lieferdienst dafür 1500 kleine Läden neu unter Vertrag genommen. Inzwischen arbeitet Delivery Hero weltweit mit mehr als 20.000 lokalen Geschäften zusammen. Die Pandemie habe den Nutzen des schnellen Handels verdeutlicht, heißt es in der Oranienburger Straße.

Der Lieferdienst, der sein Deutschland-Geschäft samt der Marken Foodora, Lieferheld oder Pizza.de 2018 an seinen niederländischen Konkurrenten Takeaway verkauft hatte, bietet seinen Schnell-Lieferservice derzeit in 35 Ländern im Nahen Osten, in Asien, Europa und Lateinamerika an. Dort explodierten die Bestellungen. Registrierte das Unternehmen im ersten Quartal noch 5,8 Millionen Order, waren es drei Monate später bereits 16,3 Millionen. Inzwischen bezeichnet sich Delivery Hero selbst als „Pionier des schnellen Handels“ und wagt den Angriff auf Amazon & Co.

„In einigen Märkten können wir bereits innerhalb von 15 Minuten rund um die Uhr liefern“, sagt Niklas Östberg, Chef und Mitbegründer von Delivery Hero. Der 40-Jährige ist davon überzeugt, dass dieser neue Standard die Zukunft der Lieferung prägen werde. „Die Menschen werden immer weniger Zeit damit verbringen, in Geschäfte zu gehen. Stattdessen bestellen sie alles, was sie brauchen, wann immer sie es brauchen und erhalten ihre Artikel sofort“, sagt Östberg.

Um eine breite Auswahl und sofortige Lieferung gewährleisten zu können, arbeitet Delivery Hero nicht nur mit lokalen Läden zusammen, sondern unterhält auch sogenannte Dmarts oder Cloud-Geschäfte. Das sind kleine, citynahe Lager, in denen bis zu 3000 Artikel verfügbar sind. Aktuell betreibt Delivery Hero mehr als 100 solcher Mikro-Lager. Doch zum Jahresende sollen es bereits über 400 sein.

Bei Delivery Hero ist man ob des Erfolgs geradezu euphorisiert. Mit der Logistikkompetenz und den Kapazitäten sei man in der fantastischen Position, um Q-Commerce als neuen Standard weltweit zu etablieren, sagt Pieter-Jan Vandepitte, der das operative Geschäft des Lieferdienstes verantwortet. „Die letzten Monate haben gezeigt, dass dies genau das ist, wonach Kunden suchen.“ Das Kalkül dahinter: Mit der zunehmenden Verstädterung und der Tatsache, dass immer mehr Menschen in kleineren Haushalten leben, werden die Kunden künftig weniger großen Mengen von Artikeln kaufen, aber dafür zunehmend spontan Produkte in kleinen Mengen bestellen. Insofern werde die Bedeutung schneller Lieferungen weiter zunehmen. Das weltweite Potenzial des Quick-Commerce hat man bei Delivery Hero daher schon mal ausgelotet und taxiert das Marktvolumen für 2030 auf 208 Milliarden Euro.

Dass das erst 2011 gegründete Unternehmen, das in Berlin 1500 Mitarbeiter beschäftigt, davon ein ziemlich großes Stück haben will, steht außer Frage. Seit Jahren verfolgt Delivery Hero einen aggressiven Wachstumskurs. Erst im Dezember hatte der Essensbestelldienst die Mehrheit an dem südkoreanischen Lieferdienst Woowa für 3,6 Milliarden Euro übernommen und sich so die Marktführerschaft im Land gesichert. Aber Delivery Hero hat noch mehr vor. Anfang vergangener Woche hatte das Unternehmen sogenannte Wandelanleihen ausgegeben, die über Nacht 1,5 Milliarden Euro frisches Kapital in die Kasse spülten. Über den Verwendungszweck ließ man in der Oranienburger Straße dann auch nicht lange rätseln: Es sei „zum Ergreifen von sich möglicherweise bietenden attraktiven Investitionsmöglichkeiten“, die offenbar schon gefunden wurden. Dem Medienunternehmen Bloomberg verriet Firmenchef Östberg jedenfalls in dieser Woche, dass man mit Lebensmittel-Lieferdiensten in Spanien und Kolumbien im Gespräch sei.

Wenngleich das Unternehmen noch nie einen Betriebsgewinn ausgewiesen hat und auch für dieses Jahr einen Verlust von mehr als 300 Millionen Euro erwartet, zählt es an der Börse zu den Lieblingen. Allein seit Mitte März, als der Lockdown verhängt wurde, wuchs der Börsenwert des im MDax gelisteten Lieferdienstes um 7,5 Milliarden Euro. Aktuell wird Delivery Hero an der Börse mit 18,8 Milliarden Euro bewertet.

Damit ist sind die Pizza-Boten aus der Hauptstadt nicht nur das fünftwertvollste Unternehmen unter den 60 MDax-Firmen, sondern auch wertvoller als die Dax-Titel RWE, Continental oder Deutsche Bank, und schon wird das Berliner Unternehmen als Anwärter für die oberste deutsche Börsenliga Dax gehandelt.

Ende September wird die Liste der 30 größten deutschen Unternehmen neu zusammengestellt. Dann könnte Delivery Hero an die Stelle der insolventen Wirecard treten. Es wäre das zweite Berliner Dax-Unternehmen. Ende Juni war der Immobilien-Konzern Deutsche Wohnen in die erste Börsenliga aufgestiegen.