Übernahme der ersten elektrischen Hansa-Lloyd-Postwagen 1908, Posthalterei Melchiorstraße.
Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

BerlinWenn Tesla sein Werk für Elektroautos am Berliner Stadtrand baut, dann kommt das Unternehmen in die Stadt, die einst an der Spitze der Fabrikation von Elektroautos stand, wo jahrzehntelang mit dem Antrieb experimentiert wurde und die verschiedensten E-Mobile auf den Straßen rollten. Nach der Jahrhundertwende produzierten etwa 30 Unternehmen in Berlin Elektroautos.

1881 hatte Werner Siemens mit der Elektrischen Eisenbahn in Lichterfelde die erste ihrer Art in der Welt in Betrieb genommen, im Jahr darauf schickte er in Halensee Elektromote, einen per Oberleitung elektrisch angetriebenen Kutschenwagen, auf eine 540 Meter langen Versuchsstrecke. Zum Pionier auf der Straße, im praktischen Einsatz, wurde die Firma C. Kliemt Wagenfabrik.

Unkompliziert, einfach, störungsarm

Schon damals wurden die Vorteile des Elektroantriebs sichtbar: unkompliziert gebaut, einfach zu bedienen, störungsarm, sicher, leise, sofort betriebsbereit, simple und kostengünstige Wartung, in besonderem Maße für städtischen Verkehr geeignet.

Das erste Elektromobil der Post im Eiswinter 1899/1900 vor dem Anhalter Bahnhof: wie eine Postkutsche, bloß ohne Pferde.
Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Wirtschaftliche Vernunft und praktische Zwänge machten die Post   zum Vorreiter beim Einsatz von Elektromobilität - und zwar in Berlin, wo Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl der zuzustellenden Postsendungen explodierte. Im August 1899 wurde als erster elektrischer Wagen in Berlin der Kliemt-Wagen erprobt – er sah genauso aus wie die vertrauten, zweispännigen Güterpostwagen, bloß ohne Pferde. Seine Akku-Ladestelle hatte er im Reichspostamt.

Nicht wegen des Antriebs sondern wegen der Probleme mit den stahlbandbeschlagenen Rädern auf winterlichem Kopfsteinpflaster stellte man die Versuche 1900 ein.

Am 1. September 1903 sahen die Berliner dann den elektrischen Paketzustellwagen von Kliemt. 1905 tauchten erste Elektroautos von der Berliner Motorwagenfabrik auf den Berliner Straßen auf. Die Firma Daimler (Marienfelde) und Brennabor (Brandenburg/Havel) testeten Kraftwagen und Motorräder. In jenem Jahr besaß die Berliner Oberpostdirektion bereits 621 Elektrowagen.

Robuste Geräte, die noch jahrzehntelang fuhren

Unter den Elektroautos stachen optisch die dreirädrigen sogenannten Bef-Wagen hervor. Hergestellt wurden sie von der Berliner Elektromobilfabrik B.E.F., ansässig in Charlottenburg, Windscheidstraße 23. Sie stellte von 1907 bis 1913 Automobile her, 1910 begann sie mit der Produktion der dreirädrigen Bef-Elektrowagen, robuste Geräte, die noch jahrzehntelang ihre Dienste verrichteten.

Elektro-Dreirad von B.E.F., der „Bef-Wagen“ der Kaiserlichen Reichspost, um 1910.
Foto: Peter Boesang/Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Größere, ernsthaft brauchbare Elektrowagen für die Post kamen 1908 auf die Berliner Straßen und zwar von den Hansa-Lloyd-Werken. Die Reichweiten wuchsen, die Lasten auch, der Wirkungsgrad im Stadtbetrieb lag in den 1930er-Jahren im Vergleich zu Verbrennern dreimal höher. Einwände, E-Wagen seien bei steigendem Verkehrsaufkommen der Geschwindigkeit nicht gewachsen, konnten in Vergleichsstudien widerlegt werden. Trotzdem: Die Post stellte vollständig auf Diesel um.

Doch die Berliner Elektroauto-Produktion beschränkte sich nicht auf den Großkunden. Vier Jahre lang versuchte sich Siemens-Schuckert im Automobilbau, von 1906 bis 1910. Man baute vornehmlich Elektroautos wie die Elektrische Viktoria. Dieser Viersitzer erreichte 30 Kilometer pro Stunde und war erhältlich als Limousine und Landaulet. Er diente vor allem als Hoteltaxi (mit eleganten Polstern), Kleinbus und Lieferwagen. 1908 übernahmen die Siemens-Schuckertwerke den Automobilhersteller Protos.

Mehr als hundert Autohersteller in Berlin

So schick und berühmt die Elektrische Viktoria auch war, mehr als 50 Exemplare wurden nicht gebaut: ein extrem teures Luxusnischenprodukt – umgerechnet in heutige Preise kostete sie je nach Ausführung zwischen 72.000 und 115.000 Euro.

Mehr als hundert Autohersteller hat es in Berlin einst gegeben, darunter BMW in Johannisthal, die N.A.G. in Oberschöneweide, die AGA in Lichtenberg oder Ford in Moabit. Nicht alle bauten Elektroautos. Dass nun ein großen Produzent seinen Produktionsstandort hierher verlegt, schließt eine Lücke, die durch die Deindustrialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg gerissen hat.