Für jedes verkaufte Kiezbett pflanzt Steve Döschner mit Berliner Schulklassen junge Bäume.
Foto: Volkmar Otto

BerlinBerlin ist für junge Gründerinnen und Gründer die beliebteste Stadt in Deutschland, oder um es in der Sprache der Start-ups zu formulieren: ein Gründungs-Hotspot. In Zahlen: Fast 17 Prozent der in Deutschland existierenden Start-ups befinden sich in Berlin, das sind mehr als 1800 Firmen mit fast 20.000 Mitarbeitern. Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Pankow sind die Hochburgen unter den zwölf Berliner Bezirken. Die Start-ups treten etwa als Dienstleister für Softwareservice und -entwicklung, Finanztechnologie oder Onlineshopping auf.

Und sie werden zunehmend grüner. Einer Umfrage des Jahresberichts Deutscher Start-up-Monitor zufolge wählen 43,6 Prozent der Start-up-Unternehmer grün, ein Plus von 21 Prozent im Vergleich zur Befragung von 2018. Die FDP verlor zehn Punkte, holte nur noch rund 28 Prozent und landete auf Platz zwei. Das zeigt: Neugründer verfolgen heute immer öfter Geschäftsideen, die sich einem grünen und nachhaltigen Leitgedanken verschreiben – und wählen auch so.

Die Start-ups leisten Pionierarbeit

Sogenannte grüne Start-ups, also ressourcenschonende und umweltfreundliche Jungunternehmen, machen allein in Deutschland 36 Prozent aller Start-ups aus. Im Deutschen Start-up-Monitor heißt es dazu: „Immer mehr Start-ups möchten einen gezielten Beitrag zum Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz leisten.“ Sie nähmen „eine Schlüsselfunktion ein, wenn es um die Lösung der großen Klima- und Nachhaltigkeitsherausforderungen der heutigen Zeit geht“, und sie leisteten Pionierarbeit.

Wer sich heute in Berlin umschaut, findet eine Fülle von Unternehmen, die Produkte aus einer lokalen Wertschöpfungskette beziehen, Ressourcen erschließen und recyclen und neben ökonomischen Überlegungen auch vom Glauben an eine bessere Welt getrieben werden. Vier von ihnen stellen wir vor.


Kiezbett: Bäume für Betten

Im Jahre 2015 bemerkte Steve Döschner, dass es kein gutes Holzbett gab, das lokal produziert wurde. „Die meisten Betten von Möbelketten hatten sich nach fünf oder zehn Jahren abgenutzt, das Holz dafür musste um die halbe Welt verfrachtet werden“, sagt der Gründer des Berliner-Start-ups Kiezbett. Er entwarf mit der Designerin Kim Le Roux ein Vollholzbett. Dann startete er eine Crowdfunding-Kampagne, die 32.000 Euro von Privatpersonen einsammelte und ihm die Finanzierung der ersten 50 Betten ermöglichte.

Das Versprechen vom "Bett fürs Leben" kommt bei Berlinern gut an.
Foto: Volkmar Otto

Das Unternehmen Kiezbett verkauft Betten, die das Endprodukt einer lokalen Wertschöpfungskette sind: Die Kiefern für die Betten stammen aus maximal 200 Kilometer entfernten Brandenburger Wäldern. Während der Vogelbrutzeit wird nicht gerodet. In regionalen Familienunternehmen wie der Sägewerkstatt und Tischlerei Pohl aus Züssow werden aus den Kiefern Holzteile, die später von der Stephanus Förderwerkstatt in Spandau zu Betten zusammengebaut werden. Die Entscheidung für solch einen Herstellungsweg sei eine bewusste, sagt Döschner.

„Bei uns auf der Arbeit gibt es diesen Running Gag, dass ich immer mit dreckigen Fingernägeln ins Büro komme“, erzählt er. Für jedes verkaufte Kiezbett pflanzt er mit Berliner Schulklassen junge Bäume nach.

Heute verkauft das Start-up etwa 30 Massivholzbetten im Monat. Sie kosten zwischen 900 und 3000 Euro. „Das mag auf den ersten Blick viel erscheinen“, sagt Döschner. „Wenn man aber bedenkt, dass es ein ganzes Leben hält, ist das preiswert.“ Das Versprechen vom „Bett fürs Leben“ kommt vor allem bei Berlinern gut an. Sieben von zehn Kiezbett-Kunden kommen aus der Hauptstadt, perspektivisch will das Unternehmen auch im süddeutschen Raum bekannter werden.

Die Kunden seien Menschen mit „sozialem und ökologischem Bewusstsein“, die „ein kleines Stück die Welt verändern möchten“, heißt es auf der Website. An deren Alltagsrealitäten, zumindest in Berlin, hat sich auch Kiezbett zum Teil angepasst: Inzwischen gibt es neben dem Vollholzbett auch ein Stauraumbett mit ausziehbaren Seitenschubladen. „In Zeiten der steigenden Berliner Mieten wollten unsere Kunden ein solches Stauraumbett, denn in kleinen Wohnungen fehlt nicht selten der Platz, um alles unterzubringen“, sagt Döschner.

Kiezbett: Der Showroom in der Proskauer Straße 24, 10247 Berlin, ist geöffnet am Do 14–19 Uhr und Fr 14–18 Uhr. kiezbett.com


Kaffeeform: Tassen aus Kaffeesatz

Jeder Deutsche trinkt dem Statistik-Portal Statista zufolge mehr als 160 Liter Bohnenkaffee jährlich. Das sorgt für eine Menge Plastikmüll: 2,8 Milliarden Plastik-Kaffeebecher werden hierzulande jährlich weggeworfen, schätzt das Umweltbundesamt. Allein in Berlin sind es jährlich 170 Millionen Plastikbecher.

Hier setzt Kaffeeform an: Das Unternehmen schickt Flotten von Fahrradkurieren los, die den Kaffeesatz aus ausgewählten Berliner Cafés und Röstereien sammeln. Dieser Abfall wird aber nicht weggeworfen, sondern gesiebt, getrocknet und nach Baden-Württemberg gebracht, wo er unter anderem mit Buchenspänen, Cellulose und Harzen angereichert wird. Es entsteht eine pressbare Masse. In der Nähe von Köln wird diese in einem Hitzedruckverfahren zu Tassen geformt. Das Angebot von Kaffeeform reicht von Espressotässchen bis zu Cappuccinotassen. Außerdem hat das Unternehmen auch einen Refill-Cup im Sortiment, also einen mitnehmbaren Becher, der überall aufgefüllt werden kann, wodurch Kaffeeverkäufer nicht mehr auf Plastikbecher für Kunden angewiesen sind.

Julian Lechner konsumierte "irre Mengen von Kaffee" - und entwickelte daraus eine Geschäftsidee.
Foto: Volkmar Otto

„Die Tassen sind bruchfest, für die Spülmaschine geeignet, wiegen kaum mehr als 100 Gramm – und riechen anfangs sogar noch nach dem Kaffee“, sagt Anika Paulus von Kaffeeform. Außerdem seien sie recycelbar. Das heißt: Die Tassen und Becher lassen sich manuell zerkleinern und wieder zu neuen Tassen formen.

Ausgangspunkt der Gründung von Kaffeeform war das Produktdesign-Studium von Julian Lechner. Als Lechner während des Studiums merkte, dass er irre Mengen von Kaffee konsumierte, dachte er sich: Der übrig bleibende Kaffeesatz ist eine dermaßen kompakte Masse, dass man sie doch wiederverwerten müsse. Er wurde zum Gründer. „Das war damals wirklich eine Utopie, die über mehrere Jahre zur Realität wurde.“

Es hat sich gelohnt: Nach eigenen Angaben hat Kaffeeform seit der Gründung 2015 mehr als 100 000 Tassen verkauft. Die Becher gibt es in mehr als 150 europäischen Cafés und Röstereien, auch in Asien werden sie inzwischen verkauft.

Kaffeeform: Choriner Straße 54, 10435 Berlin, service@kaffeeform.com, kaffeeform.com


Heldenmarkt: Nachhaltige Ideen

Denkt man an grüne Start-ups, kommen einem Firmen in den Sinn, die dem Endverbraucher, insbesondere in der Gastronomie, nachhaltige Alternativen anbieten. Das Start-up Heldenmarkt zeigt aber, dass nachhaltige Ideen auch abseits von Konsum florieren können – als Plattform für Austausch, Vernetzung und Kooperation. Als Messe. Als Heldenmarkt eben.

Die Geschichte dahinter geht so: Lovis Willenberg, der einen Plattenladen betreibt und Musik macht, will sich 2009 nachhaltige Sneaker aus England kaufen. Weil der Versand nur in größerer Stückzahl möglich ist, sitzt Willenberg plötzlich auf Schuhkartons mit Ökoschuhen in verschiedenen Größen. Er beginnt, sie in seinem Plattenladen in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg zu verkaufen, merkt aber schnell, dass dies schwierig ist – und er einen Ort braucht, an dem er sich mit anderen nachhaltig denkenden Menschen vernetzen kann.

Lovis Willenberg hatte zu viele nachhaltige Sneaker.
Foto: Forum Futura UG

Der Heldenmarkt geht als Messe für Nachhaltigkeit an den Start. Er bietet Verkaufsstände, Workshops, Vorträge und Konzerte, bringt Unternehmer, Verbraucher, Aktivisten und Hersteller miteinander in Kontakt. „Der erste Heldenmarkt 2009 war eine relativ kleine Veranstaltung im Postbahnhof“, erinnert sich Andrea Jakob von Heldenmarkt. „Da waren vielleicht etwas mehr als 50 Aussteller zu Gast.“

Heute findet die Messe mehrmals im Jahr statt, 2019 waren es sieben, 2020 werden es voraussichtlich vier Messen sein. Für die Nachhaltigkeitsmesse setzt Willenberg auf wiederverwendbare Messebausysteme, etwa recycelbare Planen. Alte Flyer werden als Ausstellerausweise wiederverwertet, vergilbte Poster für Schaubilder und als Flipcharts eingesetzt.

Nicht selten müssen Aussteller durch Zertifikate nachweisen, dass ihre Produkte wirklich umweltschonend hergestellt wurden. Besonders wichtig ist für Heldenmarkt die regionale Anbindung der Messen. Etwa zwei Drittel der Aussteller kämen aus dem Umland, was kurze Transportwege und eine umweltschonende Anreise ermögliche, heißt es aus dem Unternehmen. „Zudem funktioniert die Messe als Vernetzungsplattform, bei der sich Gleichgesinnte aus derselben Region kennenlernen oder Ideen für Initiativen entstehen“, sagt Andrea Jakob.

Heldenmarkt: Die Messe für alle, die was besser machen wollen, Winsstraße 7, 10405 Berlin, post@heldenmarkt.de, heldenmarkt.de


Halm: Strohhalme aus Glas

Die Idee kam ihnen im Urlaub auf der thailändischen Trauminsel Koh Phayam, Ende 2015. Damals waren Hannah Cheney und Sebastian Müller zu einer Hochzeit eingeladen. Als sie in Thailand über den Strand spazierten, sahen sie Berge von Plastikmüll: Becher, Flaschen, Verpackungen. Kurzerhand organisierten sie ein „Beach Clean-up“ – und sammelten mit einem Team in zwei Stunden mehr als 4 000 Liter Plastikabfall ein.

„Am nervigsten fanden wir alle die Strohhalme, weil diese so klein waren und wirklich überall lagen“, sagt Sebastian Müller. Aus dem Reinigungsspaziergang wurde eine Geschäftsidee: Müller und Cheney setzten sich zum Ziel, den Kampf gegen die Umweltverschmutzung durch Plastikstrohhalme weiterzuverfolgen.

Halm produziert Trinkhalme aus Glas.
Foto: Bernd Friedel

Sie begannen zu recherchieren – und mit Alternativen zum Plastik zu experimentieren. „Wir haben verschiedenste Materialien ausprobiert, aber immer wieder gemerkt, dass sie Nachteile haben“, erzählt Müller. „Bambus etwa war nicht hygienisch genug. Papier suppte schnell durch. Und Metall sorgte dafür, dass sich die Geschmäcker der Getränke veränderten.“ Die Antwort: spezielles Glas, das in Deutschland hergestellt wird und bruchsicherer als Trinkglas ist. „Glas als Strohhalme zu benutzen, das merkten wir schnell, war weniger ein Produkt – und mehr eine Lösung“, sagt Müller.

Warum solche Alternativen benötigt werden, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Statistiken im Zusammenhang mit Plastikmüll wirft: Täglich werden weltweit etwa drei Milliarden Plastikhalme weggeworfen, zumeist nach nur wenigen Minuten. Allein in Deutschland werden 40 Milliarden Einweg-Plastikstrohhalme jährlich verbraucht. Das sind 1,3 Strohhalme pro Kopf und Tag. „Wir waren geschockt, als wir damals die Zahlen recherchiert haben“, erzählt Müller. „Insbesondere in der Gastronomie fehlte es nahezu überall an Alternativen zum Plastikstrohhalm.“

Die Trinkhalme aus Glas können nach Unternehmensangaben bis zu  4000 Mal wiederverwertet werden, ohne Abnutzungserscheinungen aufzuweisen. Halm nennt das eigene Produkt aufgrund der Langlebigkeit „enkeltauglich“ und „vererbbar“. Wenn man sich aber doch entschließt, die Halme wegzuwerfen, kann das Glas entweder recycelt werden – oder es zerfällt zu Sand.

Mitte 2017 konnten Cheney und Müller die Strohhalme aus Glas dann erstmals verkaufen. Inzwischen zählen sie auf dem Gebiet der alternativen Trinkhalme zu den Marktführern und beliefern mehr als 5000 Gastronomien europaweit. „Wir wollten eine ökologisch sinnvolle Alternative sexy machen“, sagt Sebastian Müller. „Weg von dem Kartoffelsackimage nachhaltiger Produkte.“ Der Slogan des Unternehmens lautet „Less Waste, More Taste“.

Das Unternehmen gibt an, seit der Gründung über eine Milliarde Plastikhalme eingespart zu haben. „Das ist global nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein wichtiger Anfang.“

Halm: Thaerstraße 19, 10249 Berlin, contact@halm.co, halm.co