Berlin - Eine kurze Geschichte vom Ankommen und Weiterziehen: Die Zelte standen eines Tages einfach da. Zunächst bemerkten nur die Fahrgäste in den Zügen auf der Stadtbahn, dass kurz vor dem Westkreuz eine kleine Siedlung auf einer Brache entstanden war. Etwas später kamen die ersten Reporter. Sie trafen Menschen aus Osteuropa, auch einzelne Deutsche. Viel erzählen mochten die nicht. Zwei Jahre bestand das kleine Lager, dann ließ der Grundstücksbesitzer es räumen. Die Spur seiner Bewohner verlor sich. Es ist wahrscheinlich, dass etliche von ihnen noch in Berlin sind. Es ist dagegen unwahrscheinlich, dass die meisten von ihnen in irgendeiner Bevölkerungsstatistik auftauchen.

Eine andere Geschichte vom Ankommen und Bleiben. Das „Refugio“ in der Neuköllner Lenaustraße ist für die Berliner Stadtmission ein Vorzeigeprojekt: Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete leben Tür an Tür in dem früheren Altenheim, betreiben zusammen ein Café, helfen einander. Die Vorzeigebewohnerin in dem Haus ist Malakeh Jazmati. In Syrien war sie Fernsehköchin. Nach ihrer Ankunft in Deutschland vor nur drei Jahren baute sie ein Cateringunternehmen auf. Jazmati hat das Kanzleramt beliefert und die Berlinale. Ein Kochbuch hat sie auch verfasst. Es sei ihr Beitrag zur Rettung ihres Heimatlands, schreibt sie: Sie wolle Syriens Küche bewahren.

Mehr Chinesen als Syrer

Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die meisten Neuankömmlinge in Berlin – zwischen Prekariat und Bilder- beziehungsweise Kochbuchintegration in kürzester Zeit. Die Herausforderung für Städte wie Berlin, schreibt der Journalist und Migrationsexperte Doug Saunders in seinem Buch „Arrival City“, sei es, ihre Rolle in den globalen Netzwerken der Migration zu verstehen und anzunehmen. Die deutsche Hauptstadt durchläuft nach seiner Überzeugung eine ähnliche Entwicklung wie Istanbul, Delhi oder Peking: Sie werden zu „Ankunftsstädten“, wo Migranten versuchen, ihren Platz zu finden – und die es in der Hand haben, diese Suche zu erleichtern oder zu erschweren.

Berlin im übernächsten Jahrzehnt, das wird eine Stadt, in der sich noch viel mehr Menschen als heute in verschiedenen Phasen des Ankommens befinden. Man kann es nicht oft genug betonen: Das Wachstum der Bevölkerung speist sich fast ausschließlich aus Migration. Zwar gibt es seit 2007 einen kleinen Geburtenüberschuss. Aber auch er ist auf die Zuwanderung aus dem In- und Ausland zurückzuführen: weil vor allem junge Menschen im gebärfähigen Alter in die Stadt kommen.

Um 39.357 Personen wuchs die Berliner Bevölkerung im vorigen Jahr. Zu 85 Prozent geht dieses Wachstum auf den Zuzug zurück. Berlin gewinnt aus fast allen Regionen der Welt Einwohner. Nur an Brandenburg verliert es nennenswert. Wer ganz aufmerksam ist, entdeckt in der internationalen Wanderungsstatistik auch, dass Berlin in der Bilanz des Jahres 2017 fünfzehn Einwohner an die Schweiz verloren hat.

Aus allen EU-Staaten, allen voran aus Rumänien (2486), Bulgarien (2273) und Polen (2286), gab es dagegen mehr Zu- als Fortzug. Weit mehr als die Hälfte der Immigranten stammen aus europäischen Ländern. Und der Rest?

Der kommt von überall, und nur zu einem kleinen Teil aus den Ländern, die als Fluchtregionen gelten. So kamen mehr Neu-Berliner aus China (2330) und Brasilien (1608) als aus Syrien (2165) und dem Irak (632). Und das wichtigste Herkunftsland außerhalb der EU ist nicht etwa die Türkei (3566), sondern es sind die USA (5300).

Die Zuwanderung nach Berlin ist also viel heterogener, als die Flüchtlingsdebatte erahnen lässt. Unbestreitbar gibt es aber eine große Zahl von Einwanderern, die nicht nur eine andere Kultur mitbringen, sondern auch aus Regionen mit einem völlig anderen Wohlstandsniveau stammen.

Was also können die Städte tun, um dieser Gruppe den Weg in die Gesellschaft zu ebnen? Der Migrationsexperte Saunders nennt Voraussetzungen, die nur wenige deutsche Städte bieten können. Eine ist günstiger Wohnraum. In Berlin gibt es ihn nur noch am Stadtrand – und selbst dort finden sich mitunter Zweizimmerwohnungen, die sich acht oder mehr Bewohner teilen.

Pioniere sind längst in der Stadt angekommen

Am Stadtrand fehlt jedoch, was gerade jene Zuwanderer brauchen, die keinen Hochschulabschluss oder anderes Expertenwissen mitbringen: Ladenflächen, wo sie ein Geschäft oder ein Restaurant eröffnen könnten, um sich selbst und andere zu versorgen.

Ist Berlin also dabei, ungeeignet zu werden als Ankunftsort? Nicht, wenn man Saunders folgt. Denn andere Prozesse erleichtern den Neuankömmlingen das Leben: Die Pioniere aus den unterschiedlichen Teilen der Welt sind längst in der Stadt, können denen, die nachfolgen, ihre geschriebenen und ungeschriebenen Regeln erklären.

Wie sie an der Gesellschaft mitwirken, das aber wird sich in den nächsten Jahren entscheiden. Aufzuholen hat Berlin eine Menge, trotz jahrhundertelanger Zuwanderung. Im Abgeordnetenhaus etwa scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Politiker mit Migrationshintergrund sind dort die Ausnahme, weniger als jeder zehnte stammt selbst aus einem anderen Land oder hat ausländische Eltern.

In der ganzen Stadt war es Ende 2017 ein Drittel, 1.244.297 Menschen. Ihre Zahl und ihr Anteil an der Bevölkerung steigen ständig. Ihr Einfluss bislang nicht.