Die IAA in Frankfurt am Main 2019. 
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Berlin Berlin, die Stadt, in der das Auto erklärtermaßen zurückgedrängt werden soll, will die Internationale Automobil-Ausstellung an die Spree holen. An diesem Donnerstag sowie am Freitag werden sich die Bewerberstädte beim Verband der Automobilindustrie als Ausrichter der Messe empfehlen.

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Neben Berlin sind das Hamburg, München, Köln, Stuttgart, Hannover sowie der bisherige IAA-Standort Frankfurt am Main. Am frühen Donnerstagnachmittag wird sich Berlin in der VDA-Residenz am August-Bebel-Platz präsentieren. Beim VDA legt man Wert darauf, dass nicht die Städte angesprochen wurden – sie hätten sich von sich aus beworben, nachdem der Verband eine Neuorientierung seiner Traditionsmesse angekündigt hatte.

So darf sich also Deutschlands Autobranche in Zeiten sinkender Rankingwerte wieder sehr bedeutsam fühlen, wenn sie in ihrer Residenz zum Casting empfängt. Denn die fünfköpfigen Bewerberteams sind hochkarätig. Für Berlin wird der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) selbst antreten. Begleitet wird er von Messe-Berlin-Chef Christian Göke und IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. Müller gab sich bereits im Vorfeld zuversichtlich: „Ich glaube, dass wir da für die Messe ein attraktives Angebot machen werden.

Pop: Berlin ist optimal als IAA-Standort

Wir rechnen uns gute Chancen aus.“ Wer außerdem zum Bewerberteam gehören wird, war bis Redaktionsschluss unklar. Sicher ist allerdings, dass Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop nicht dabei ist. Im Dezember hatte sich die Grünen-Politikerin während eines Parteitags der Berliner Grünen noch für die Messe stark gemacht, doch die Delegierten stimmten am Ende mit einer knappen Mehrheit gegen eine Bewerbung für die Automesse. Danach ist Pops Position zur Messebewerbung unklar: „Berlin hat in Sachen moderne, saubere und vernetzte Mobilität mehr zu bieten als andere Städte.

Deswegen ist Berlin der richtige Ort für neue Mobilitätsideen und Konzepte“, sagte sie am Mittwoch der Berliner Zeitung. Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, ist dagegen eindeutig: „Eine Automesse in Berlin bringt uns nicht voran. E-Autos sind eine wichtige Sache, aber eine echte Lösung sind sie nicht“, so Moritz. Man tausche die Motoren, die Probleme blieben. Tatsächlich könnte aber gerade das kritische Verhältnis des rot-rot-grünen Senats zum Automobil ein Vorteil bei der Bewerbung sein.

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Denn die IAA, die übrigens 1897 in Berlin geboren, erst 1951 nach Frankfurt am Main abwanderte und dort zuletzt einen erdrutschartigen Besucherschwund erlebte, sucht nicht nur einen neuen Veranstaltungsort. Die neue IAA solle mehr sein als eine Automesse, sagte VDA-Geschäftsführer Martin Koers im Dezember. „Sie ist ein Konzept, mit dem sich die austragende Stadt gemeinsam mit uns zu einer Smart City entwickeln soll.“   Dafür hätte Berlin einiges zu bieten.

Investitionen in Mobility - Start-Ups.

Mobiltätszentrum 

Immerhin gibt es hier das bundesweit einmalige Mobilitätsgesetz, mit dem die Dominanz des Autoverkehrs in der Stadt beendet werden soll. Berlin ist zugleich Praxislabor für neue Arten von Mobilität, und die Ideen von hier gelten als weltweit vielversprechend. Im vergangenen Jahr haben sogenannte Mobility-Start-ups bei Investoren jedenfalls mehr Risikokapital eingesammelt als die anderen bundesdeutschen Mobility-Start-ups zusammen. Auf der Straße des 17. Juni gibt es die erste Innenstadt-Teststrecke für autonom fahrende Autos.

Große Autohersteller und Zulieferer haben in dieser Stadt ihre Forschungssatelliten installiert, in denen auch nach Alternativen zum Pkw in Privatbesitz gesucht wird. Demnächst baut Tesla Elektroautos ganz in der Nähe und will in der Stadt ein Forschungs- und Entwicklungszentrum einrichten. „Nirgendwo sonst in Deutschland befasst man sich so intensiv mit Mobilität wie hier“, sagt IHK-Präsidentin Kramm. Auch bei der landeseigenen Messe Berlin ist man zuversichtlich.

Messe-Chef Göke verweist mit der Bahnmesse Innotrans, der Luftverkehrs-Messe ILA und der IFA „auf nachgewiesene Kompetenz“ in der Konzeption, Vermarktung und Durchführung von Live-Events im Mobilitäts- und Tech-Bereich. „Zusammen mit einer neuen IAA würde Berlin zu dem internationalen Hotspot für die Präsentation und Diskussion von Mobilitätskonzepten für die Zukunft“, sagte er dieser Zeitung. Am kommenden Mittwoch wird der 19-köpfige VDA-Vorstand in Berlin zusammenkommen, um in Sachen IAA-Standort eine Vorentscheidung zu treffen.

Große Besucherströme erwartet

Das Gremium, dem die Chefs aller großen deutschen Automobilhersteller und Zulieferer von Audi über Bosch und Continental bis Volkswagen angehören, wird während dieser Sitzung die Finalisten bestimmen. „Wenigstens zwei“ sollen es sein, heißt es beim VDA. Mit diesen Bewerbern werde man dann in die Vertragsverhandlungen gehen. Eine Entscheidung soll „in den nächsten Monaten“ fallen. Mit großer Hoffnung dürfte diese gerade von den Hoteliers und Einzelhändlern erwartet werden.

Denn die IAA würde vor allem umsatzträchtige Fachbesucher in die Stadt ziehen. Laut Berechnungen der Investitionsbank Berlin spülen diese pro Tag und Person im Schnitt 240 Euro in die Geschäftskassen Berlins. Bei einem Fachbesucheranteil von weiterhin 70 Prozent und nicht weiter sinkenden Besucherzahlen wären das zusätzliche 94 Millionen Euro – pro Tag.