Die Berliner Wirtschaft wächst im laufenden Jahr dynamischer als Deutschland insgesamt – und dennoch schlägt die Bauwirtschaft in der Hauptstadt Alarm: „Berlin muss aufpassen, dass es seine Zukunft als Wirtschafts- und Industriestandort nicht verspielt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, Axel Wunschel, im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

„Teile der Wirtschaft und insbesondere das produzierende Gewerbe sind offensichtlich dabei, sich umzuorientieren“, betonte Wunschel und begründete dies mit den Bauinvestitionen als Indikator: „Es gibt viel weniger Investitionen in Neues, dagegen wird mehr Geld in Altes, in den Erhalt gesteckt.“ Setze sich dieser Trend fort, könnte der Aufschwung zum Erliegen kommen und Berlin könnte im wirtschaftlichen Aufholprozess anderen Regionen noch lange hinterher laufen, so seine pessimistische Prognose.

Gegensätzliche Prognosen

Im Gegensatz zur Bauindustrie strotzen aber sowohl die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer als auch der Senat nur so vor Optimismus, was die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt angeht. Das Dienstleistungsgewerbe ist die Konjunkturlokomotive, und Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer sieht auch die Industrie wieder im Kommen, wie sie kürzlich auf dem Mittelstandskongress im Haus des Berliner Verlages bekräftigte. Wie passt das mit der These der Bauindustrie zusammen?

Wunschel verweist auf die Konjunkturdaten des Baugewerbes, unter denen insbesondere der Auftragseingang einen Aufschluss darüber gibt, wie die Auftraggeber ihre Geschäftserwartungen sehen. Und diese Zahlen sind nicht erfreulich. So hat ausgerechnet die hauptstädtische Bauwirtschaft im vergangenen Jahr einen dramatischen Absturz bei den Auftragseingängen erlebt (siehe Grafiken). „Anderswo geht bei den Bauinvestitionen die Post ab, nur nicht in der Hauptstadt-Region“, beklagt Wunschel. „Das macht uns Sorge, eben nicht nur für die Baubranche, sondern vor allem für das produzierende Gewerbe“.

Denn in einem Segment sieht es verheerend aus: im Wirtschaftsbau. Darunter fallen alle Bautätigkeiten, die von Unternehmen aus allen Bereichen in Auftrag gegeben wurden. Dieses Bausegment hat im letzten Jahr ein volles Viertel des bisherigen Auftragsvolumens eingebüßt. Auftragsrückgänge im Baubereich würden sich zwei, drei Jahre später in der gesamten Wirtschaft negativ auswirken. Für Wunschel ist das ein klares Zeichen dafür, dass vor allem im Bereich der Berliner Industrie die Unternehmen nicht mehr in erster Linie auf Wachstum und Expansion setzen, sondern dass der Erhalt des Vorhandenen im Vordergrund steht. „Das ist keine Verschnaufpause der Wirtschaft, sondern ein klarer Perspektivwechsel“, sagte er.

Als Beleg dafür führt Wunschel an, dass sich das Verhältnis von Hoch- und Tiefbau im Wirtschaftsbau offensichtlich gerade umkehrt. In der Tendenz lag der Wirtschaftshochbau – also alles, was an Produktionsstandorten, Bürogebäuden, Hallen gebaut wird – bei Aufträgen und Umsatz im Volumen vor dem Wirtschaftstiefbau – darunter fallen zum Beispiel Gründungen, Zufahrten, Leitungsbau. In den vergangenen drei Jahren hat sich das gedreht.

Investitionsstau in Infrastruktur

Möglicherweise ist Berlin eben nicht mehr erste Wahl bei vielen Unternehmen, wenn es um neue oder Erweiterungsinvestitionen geht, sagte Wunschel. Die Stadt müsse im Wettbewerb mit anderen Regionen einiges mehr für ihre Attraktivität tun. Die gesamte Verkehrsinfrastruktur sei in einem schlechten Zustand. „Die Stadt lässt sie verfallen“, so Wunschel. Davon zeugten viele Brücken, die nur eingeschränkt befahrbar seien. Hier habe sich ein großer Investitionsstau aufgebaut.

Auf den Einwand, dass der Dienstleistungsbereich schon seit einigen Jahren der Wachstumstreiber für die Berliner Wirtschaft ist, entgegnet Wunschel, dass ohne ein florierendes produzierendes Gewerbe auch der Dienstleistungssektor an Kraft und Dynamik verliert.

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg teilen die pessimistische Einschätzung des Bauverbandes nicht. Es sei kein Konjunktureinbruch absehbar, sagte Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Er betonte allerdings auch, dass man noch stärkere Wachstumsimpulse aus einer besseren Verknüpfung von Start-ups und etablierten Unternehmen ziehen müsse sowie aus dem Projekt, die Hauptstadt als Vorzeigeregion für Elektromobilität auszubauen.

Derzeit ist die Industrie in Berlin in einer Phase der Stagnation. Laut Investitionsbank Berlin blieben die Umsätze der Branche im vergangenen Jahr knapp unter dem Vorjahresniveau. Im ersten Quartal 2014 hat sich die Situation nicht wesentlich verändert.