Zwei Junge Mädchen blättern in einer Buchhandlung.
Foto: Roland Weihrauch/dpa

BerlinGeorge Grosz kaufte hier Bücher, Erich Kästner und Bertolt Brecht, aber auch Aldous Huxley, Lilian Harvey und Jean Cocteau kamen in die Buchhandlung am Kurfürstendamm 30, unweit der Uhlandstraße. Sie wurde seit ihrer Eröffnung 1929 von der jungen Marga Schoeller geleitet, die das Geschäft 1933 übernahm. Der Laden in einer ehemaligen Portiersloge war über Jahrzehnte ein Treffpunkt von Schriftstellern, Schauspielern, Malern, Musikern und Intellektuellen. 1974 zog „Marga Schoellers Bücherstube“ wegen einer Eigenbedarfskündigung in die Knesebeckstraße 33, wo sie noch heute existiert.

Seit 47 Jahren verkauft Ruth Klinkenberg in dem Geschäft Bücher. Sie war Mitarbeiterin und Mitinhaberin, inzwischen ist die 72-Jährige alleinige Geschäftsführerin. In dem gemütlichen Laden mit raumhohen, grünen Regalen sind die Jahre spürbar. Die Regale haben Abnutzungsspuren, die Markierungen an den Brettern bestehen aus Zetteln in Metallschienen, wie es vor langer Zeit üblich war. „In diesem Jahr haben wir 90-Jähriges gefeiert“, sagt Klinkenberg stolz. Kulturstaatsministerin Monika Grütters verlieh der Buchhandlung vor Kurzem einen Preis in der Kategorie „Hervorragende Buchhandlung“.

Klinkenberg stützt sich vor allem auf Stammkunden, die oft schon die Kinder oder Enkel der ersten Stammkunden sind. „Wir müssen die Nähe zu den Kunden pflegen, denn das können Onlineshops nicht leisten“, sagt sie. Seit immer mehr Bücher im Internet verkauft werden, steht ihr Geschäft – wie jede Buchhandlung – unter Druck. Jedes fünfte Buch wird mittlerweile im Internet bestellt.

Harte Konkurrenz

„Ein Buch ist ein Luxusgut und kein Brot, das man jeden Tag braucht“, sagt auch Anna Morlinghaus, Inhaberin des Kinderbuchladens Krumulus am Südstern. Sie müsse sich mit ihren drei Kollegen ins Zeug legen und kämpfen. Sie bietet deshalb auch viel an: Kinder können im Krumulus nicht nur Bücher kaufen, sondern auch lesen, Kunst kennenlernen und kreative Kurse belegen – vom Basteln bis zum Buchbinden. Der Laden ist 2018 von Grütters zu einer der drei besten Buchhandlungen Deutschlands gekürt worden. Dennoch sei es hart im täglichen Geschäft zu bestehen, sagt Morlinghaus.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kennt die Probleme der Buchhändler. Insgesamt bewertet er die Situation in Berlin aber positiv. „Die Anzahl der Buchhandlungen in Berlin ist im Vergleich zu den anderen Bundesländern kaum rückläufig“, sagt Detlef Bluhm, Geschäftsführer des Landesverbands Berlin-Brandenburg. Das Besondere am Berliner Buchhandel sei, wie ausdifferenziert er ist. Jeder könne hier eine Buchhandlung für seine speziellen Interessen finden. Neben den klassischen Buchhandlungen gibt es zum Beispiel Krimibuchhandlungen, Buchhandlungen für polnische, portugiesische oder afrikanische Literatur, für Literatur zu Homosexualität oder Buchhandlungen für Landkarten. Ob eine neue Buchhandlung erfolgreich sei, hänge wesentlich vom Standort und von der Professionalität der Gründer ab. Jeden Monat kämen Interessenten zu Bluhm, um über ihre Buchladenidee zu sprechen. Manchmal rät Bluhm ab, wenn die Idee nicht ausgereift ist oder die Gründer in spe zu unerfahren sind.

Neben dem Online-Handel machen auch die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel den kleinen Läden zu schaffen. Sie können es sich erlauben, in Einkaufscentern große Flächen zu mieten und längere Öffnungszeiten anzubieten. Dank großer Bestellmengen erhalten sie größere Rabatte als die Einzelbuchhandlungen. Stapel von Bestsellern liegen dort im Eingangsbereich und verkaufen sich quasi von allein.

"Kleine Buchhandlungen erfreuen den Kunden"

In Jörg Braunsdorfs „Tucholsky-Buchhandlung“ in der gleichnamigen Straße in Mitte sind nur wenige Bestseller zu finden. Der 60-Jährige bietet lieber Bücher aus kleinen, häufig aus Berliner Verlagen, an. „Ich produziere meine eigenen Bestseller“, sagt er. Einer ist das Essay „Langsamer!“ der Schweizer Schriftstellerin Ilma Rakusa, das schon 2006 erschien, seitdem in Kassennähe liegt und regelmäßig verkauft wird.

Ob Braunsdorf seine Strategie beibehalten kann, ist nicht sicher. Einer der drei Grossisten, die Buchhandlungen in Deutschland beliefern, hat zuletzt Kleinverlage aussortiert, weil sie zu wenig Absatz machen. Buchhandlungen müssten dann direkt bei Verlagen bestellen, was die Gewinnspanne drückt. Fällt diese unter 30 Prozent, ist ein Buchverkauf nicht mehr rentabel, sagt Braunsdorf.

Er organisiert in seiner Buchhandlung Lesungen, aber auch politische Veranstaltungen und Nachbarschaftstreffen. Die Kiez-Gruppen „Zivilcourage gegen Rechts“ und „Urban Gardening“ nahmen auf diese Weise ihren Anfang. Seine Buchhandlung ist in der Gegend verankert, doch auch er muss sich ständig um die Kundschaft bemühen. „Kleine Buchhandlungen erfreuen den Kunden“, sagt er. Doch wer hier arbeitet, könne das nur mit Idealismus tun. Das reguläre Nettogehalt eines Mitarbeiters liege knapp unter 1400 Euro.

Wie die Buchhandlungen sich entwickeln werden, ist schwer zu prognostizieren, sagt Detlef Bluhm. „Das hängt vor allem vom Online-Handel ab.“