Ein junger Mann fährt auf einem unu Elektroroller auf einer Straße in Berlin (Archivbild).
Foto: dpa/Jens Kalaene

BerlinDer Firmenchef, mit dem wir verabredet sind, begegnet uns schon im Fahrstuhl: Jeans, Sneaker, schwarzer Rucksack. Pascal Blum ist 30 Jahre alt, hat Wirtschafts- und Politikwissenschaften studiert und führt ein Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Die Firma, die in einem alten Fabrikgebäude am Tempelhofes Ufer in Kreuzberg zu Hause ist, entwickelt und verkauft Elektroroller im Vespa-Style. „Wir wollen saubere und smarte Mobilität in die Stadt bringen“, sagt der Chef und will das nicht nur als das Geschäftsmodell von Unumotors verstanden wissen. „Das ist unsere Mission“, sagt Blum.

In einer Zeit und einer Stadt, in der sogenannte Mobility-Start-ups so schnell und zahlreich entstehen wie Straßenbaustellen (und einige kaum länger bestehen) klingt die Unu-Idee ein wenig nach Trittbrettfahrerei auf dem Zug in Richtung Verkehrswende. Tatsächlich aber ist Blum kein Neuling im Geschäft. Bereits vor sieben Jahren hat er die Firma mitgegründet. Das war in München. Kurz danach zog das Start-up nach Berlin um.

Bislang 12.000 Roller verkauft

Die Idee kam den Gründern nach eigenem Bekunden während eines Studienaufenthalts in China. In den abgasgesättigten und verstopften Metropolen Peking und Schanghai hätten sie eine Ahnung davon bekommen, wohin sich auch europäische Großstädte entwickeln würden. Seitdem haben sie sich der Renaissance des klassischen Motorrollers in der elektromobilen Variante verschrieben. Blum ist einer der deutschen Stromscooter-Pioniere.

Heute arbeitet etwa jeder zweite Mitarbeiter von Unu in der Entwicklung der Roller. Produziert werden die Zweiräder bei einem Auftragsfertiger in China. Der Vertrieb erfolgt ausschließlich über das Internet. Die Roller werden online konfiguriert und bestellt. Geliefert wird samt geladenem Akku und Versicherungskennzeichen bis vor die eigene Haustür. 12.000 Roller hat Unu nach eigenen Angaben bislang verkauft.

Die zweite Generation des Unu-Rollers.
Foto: Unu

Gerade beginnt die Serienfertigung der zweiten Scooter-Generation. Dafür haben die Berliner den asiatischen Großkonzern Flex als Produktionspartner gewonnen, der auch für Apple, Microsoft oder Dyson fertigt.  Bei Unu verweist man stolz auf eine längere Sitzbank und einen Bosch-Motor. Außerdem ist der Roller technisch derart aufgerüstet, dass er von seinem Besitzer per Smartphone und App unter Freunden und Bekannten geteilt werden kann. Doch das ist nur ein Nebenprodukt des neuen vernetzten Scooters. Mit ihm will Unu vor allem ins Sharing-Geschäft einsteigen.

Unu: Start in Rotterdam

Der Start steht unmittelbar bevor. Spätestens im April will der erste Verleiher Unu-Scooter auf die Straße bringen. Es ist das junge niederländische Unternehmen Check. Mit 400 Rollern soll es in Rotterdam losgehen. Weitere Städte sind bereits geplant. Auch weitere Anbieter will Unu beliefern. Laut Blum würden sehr viele Gespräche geführt. Mehr als ein Dutzend seien sehr konkret. In jedem Fall würden zwei bis drei Unternehmen noch in diesem Jahr mit Unu-Rollern an den Start gehen. Namen nennt Blum nicht. Es gehe aber auch um den deutschen Markt. Berlin will er nicht ausschließen.

Tatsächlich klafft in der Stadt eine Lücke, seit im vergangenen Dezember der E-Roller-Verleiher Coup sein Geschäft eingestellt und 1500 Roller von der Straße genommen hatte. Dabei war Berlin einmal Wegbereiter, gehörte wie San Francisco und Barcelona zu den ersten fünf Städten weltweit, in denen Elektro-Mopeds per App minutenweise gemietet werden konnten.

Potenzial für mindestens 3000 Leihroller in Berlin 

Doch aus dem einstigen Trendsetter ist ein Nebenschauplatz geworden. Denn während E-Moped-Sharing mittlerweile in knapp 90 Städten weltweit praktiziert wird, die Verleiher insgesamt 66.000 ein- oder zweisitzige Roller im Einsatz haben und in deren Kundendateien in der Summe fast fünf Millionen Nutzer registriert sind, ist heute die Firma Emmy in Berlin der alleinige Anbieter mit rund 800 roten Elektro-Schwalben.

Unu-Chef und -Gründer Pascal Blum.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Dass das nicht so bleiben wird, davon ist Mobilitätsforscher Enrico Howe überzeugt, der den Markt über Jahre für das Berlin Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel beobachtet hat. „Die Nachfrage ist da“, sagt er und verweist auch auf die große Akzeptanz, die Sitzroller bei den Berlinern genießen. „Ich denke, Berlin hat ein Potenzial für mindestens 3000 Roller. Eher mehr“, sagt Howe.

Angeblich keine Pläne bei Sharenow

Allerdings hat der Coup-Rückzug auch viele im Geschäft verunsichert. Standen dem Vernehmen nach  im vergangenen Herbst in Berlin noch fünf Anbieter in den Startlöchern oder bereiteten den Start vor, so ist es um sie still geworden. Beim niederländischen Anbieter Felyx etwa, der eigentlich für vorigen Oktober angekündigt war, bedauert man nun, dazu nichts sagen zu können.

Auch das Daimler-BMW- Gemeinschaftsunternehmen Sharenow, das die Carsharer Car2go und DriveNow bündelt, allein in Deutschland 7200 Autos per App vermietet und sich eines E-Mobil-Anteils von 25 Prozent rühmt, wird gern als künftiger E-Moped-Anbieter gehandelt. Doch die Antwort auf eine entsprechende Frage fällt kurz aus: „Dazu gibt es bei uns keine Pläne“, heißt es im Firmensitz in der Brunnenstraße.

Dabei liegt es nah, dass etablierte Sharing-Unternehmen ihr Portfolio erweitern. Auch Unu-Chef Pascal Blum hält es für extrem schwierig, wenn ein Verleiher nur ein Produkt anbietet. Der Kickscooter-Verleiher Tier etwa hatte in dieser Zeitung bereits angekündigt, als multimodaler Anbieter auch andere Fahrzeugtypen auf die Straße zu bringen. Genaueres will man dort nicht sagen,  wie auch angebliche Pläne zur Übernahme der ausrangierten Berliner Roller-Flotte von Coup nicht kommentiert werden.

Weitere 40 Millionen Dollar für Tier Mobility

Aber immerhin stünde dem Berliner Unternehmen dafür nun genug Kapital zur Verfügung. Erst am vorigen Freitag wurde bekanntgegeben, dass Investoren nochmals über 40 Millionen Dollar in den nach eigenen Angaben größten Mikromobilitätsanbieter Europas gesteckt haben. Laut Tier soll das Geld auch „für die Erweiterung der Fahrzeugflotte“ genutzt werden.

Alexander Jung jedenfalls, der in der Berliner Denkfabrik Agora Verkehrswende in Mitte das Projekt Neue Mobilität leitet, glaubt an das geteilte Elektro-Moped. „Coup war ein großer Verlust, aber die Idee ist nicht tot“, sagt der diplomierte Raumplaner. Für ihn ist klar, dass die Verkehrswende nicht ohne neue Mobilitätsformen funktionieren wird.

Subventionen für neue Mobilität nötig 

Während auf der einen Seite Privilegien des Individualverkehrs abgebaut werden müssten, brauche es andererseits diese neuen Bausteine, um den ÖPNV attraktiv zu machen. Das gehe aber nicht ohne Unterstützung. „Die Kommunen und die Verkehrsunternehmen müssen die neuen  Mobilitätformen als Partner begreifen nicht als Konkurrenz“, sagt Jung und plädiert für Subventionen. „Kein öffentliches Verkehrsunternehmen in Deutschland trägt sich selbst.“

Insofern ist es kein Zufall, dass Blums Firma Unu zuerst in den Niederlanden ins Sharing-Geschäft einsteigt. „In Holland sind die Rahmenbedingungen besser, weil man dort konsequenter gegen das private Auto vorgeht“, sagt E-Scooter-Pionier Blum und bleibt zuversichtlich: „Noch ist es ein schwieriges Geschäftsmodell, aber langfristig wird es funktionieren.“