Es ist heiß an diesem Freitag in Berlin-Mitte, also hat Bankchef Marko Wenthin, der vorher 16 Jahre lang bei der Deutschen Bank war, rote Shorts angezogen und ein gelbes T-Shirt, bevor er in sein Büro gefahren ist. Kein großes Ding, findet Wenthin. In der Deutschen Bank würde schließlich in Abteilungen, die keinen Publikumsverkehr haben, auch schon mal das Jackett ausgezogen. Doch in der Bank, bei der Wenthin der Chef ist, würde man in einem Anzug direkt auffallen.

Solarisbank nennt sich die Bank mit Hauptsitz in Berlin – und es ist eine besondere Bank, nicht nur wegen der roten Shorts. Denn die Solarisbank hat zwar eine Vollbanklizenz, aber eigentlich ist sie ein Technologieunternehmen. Es ist eine Bank, die nur dazu dient, dass neue Start-ups im Bereich der Finanzbranche, kurz Fintechs, in Windeseile zusammengesetzt werden können.

Mit der Solarisbank zeigt sich, wie weit sich die neuen Finanz-Akteure professionalisiert haben. Sie war der erste der neuen Bankakteure, dem es gelungen ist, eine vollwertige deutsche Banklizenz zu erhalten, sie hängt in einem gelben Rahmen in dem Büro in Mitte. Mittlerweile hat auch das Start-up Number26 eine Banklizenz erhalten.

Mehr als nur Apps entwickeln

Mit der Banklizenz sind die neuen Akteure unabhängig von den etablierten Banken. Bislang war das anders. Die meisten Fintechs waren darauf spezialisiert, eine App zu entwickeln oder bestimmte nutzerfreundliche Dienste anzubieten – das eigentliche Banking dahinter übernahmen richtige Banken. Doch nun können die Tech-Firmen mehr machen, als nur – bildlich gesprochen – die Oberfläche neu anzustreichen. „Mit uns ist jemand dazu gekommen, der auch die ganze Verrohrung und Verkabelung machen kann,“ so Wenthin.

Genau auf diese Verrohrung und Verkabelung hat es Finleap abgesehen: Eine Fabrik für Fintechs, die die Solarisbank ausgegründet hat. Wie am Fließband werden neue Finanztechnologieunternehmen produziert. „Wir bauen Firmen wie andere Autos“, sagt Finleap-Mitgründer Ramin Niroumand. Innerhalb von anderthalb Jahren haben Niroumand und seine Leute schon neun Finanzunternehmen auf den Markt gebracht, drei neue sind gerade in Vorbereitung. Vor kurzem ist die Hannover Rück eingestiegen, der drittgrößte Rückversicherer der Welt.

Savedo war das erste Modell, das die Berliner Fintech-Fabrik ausgegründet hat: Ein Festgeldmarktplatz, bei dem der Kunde sein Geld bei Banken aus EU-Ländern anlegen kann, die höhere Zinsen als in Deutschland zahlen. Valendo ist ein Online-Pfandhaus, bei dem Privatpersonen und Unternehmen Gegenstände beleihen können. FinReach ist ein Kontowechselservice und BillFront ein Bezahldienstleister. Zuletzt ist Zinsbaustein auf den Markt gekommen, ein Unternehmen, mit dem sich in Immobilien investieren lässt.

Clark, eine Versicherungs-App, wurde in nur 74 Tagen zusammengesetzt. Mit der eigenen Bank im Rücken soll es nun noch schneller gehen. Denn die Zusammenarbeit mit anderen Finanzdienstleistern verzögerte oft den Prozess. „Wir haben einfach keinen Partner gefunden, der in der notwendigen Geschwindigkeit und Agilität die Prozesse zum Aufbau der Fintechs geliefert hat,“ sagt Niroumand. Also haben die Berliner die Sache selbst in die Hand genommen. Nun soll die Solarisbank das Betriebssystem für die nächsten Fintechs werden: „das iOS, auf dem verschiedene Apps laufen“, wie Niroumand es ausdrückt.

Die untere Ebene also, die bisher die Banken übernommen hatten. Nicht wenige haben die Solarisbank deshalb als Frontalangriff auf die Banken interpretiert. Denn diese Aufgabe konnten bisher nur Institute mit Banklizenz erfüllen. Doch Niroumand sagt, die Wirklichkeit ist komplexer. „Es ist eigentlich kein Frontalangriff auf die Banken, sondern wir bieten ihnen neue technische Lösungen. Wir werden von großen Banken angesprochen, ob wir nicht bestimmte Dienstleistungen für sie erbringen können.“ Die Solarisbank werde wie ein Softwarehaus wahrgenommen. „Und viele Institute sagen: Das ist gut, wenn ich ein Thema einer anderen Bank geben kann, die genauso reguliert ist wie wir, anstatt es irgendeinem technischen Dienstleister zu geben.“

Mit einigen Bank-Vorständen schreibt sich Niroumand inzwischen regelmäßig Whatsapp-Nachrichten. Er weiß auch: Alle Finanzinstitute müssen sich digitalisieren – und viele wissen, dass dies nur funktionieren wird, wenn sie sich die Expertise der neuen Fintechs aneignen – etwa indem sie das ein oder andere Digitalunternehmen übernehmen, die in Berlin-Mitte derzeit aufgebaut werden. Die Finanzunternehmen, die Niroumand und seine Mannschaft in Mitte zusammenbauen, machen den Banken einerseits ihre Kunden streitig, erbringen aber andererseits auch Dienstleistungen für sie – und könnten sich im Nachhinein als essenziell für die Digitalisierung der alten Branche erweisen. Auch das ist die Wette, die hinter Finleap steht.

Bei der Fintech-Fabrik am Berliner Alexanderplatz sind es inzwischen 70 Mitarbeiter, die nur damit beschäftigt sind, das nächste Finanzunternehmen auf den Markt zu bringen. Das Prinzip ähnelt der Start-up-Fabrik Rocket Internet, die einst Zalando ausgegründet hat.

Wie Rocket Internet hat Finleap Spezialisten, die den Start-ups zur Verfügung stehen – nur dass sich Finleap ganz auf die Finanz- und Versicherungsbranche spezialisiert hat: Vier Personen machen beispielsweise nichts anderes als die Start-ups beim Umgang mit den komplexen Finanzregularien zu beraten.

Viele Mitarbeiter, die die Start-ups unterstützen, haben zuvor viele Jahre in Führungspositionen in der Finanzbranche gearbeitet. „Das sind Personen, an die ein junges Start-up sonst nicht heran kommt und sich auch gar nicht leisten kann“ , sagt Niroumand. „Wir haben vermutlich die beste Fintech-Kanzlei Deutschlands aufgebaut.“

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Rocket: die Gründer. Während sich bei Rocket oft Uni-Absolventen mit wenigen Jahren Berater-Erfahrung tummeln, sind die Finleap-Gründer oft deutlich älter. „Man braucht Personen, die sich sehr gut in der Branche auskennen“, sagt Niroumand. „Da kann man nicht die drei Schlauesten aus der Uni nehmen.“

Hälfte der Mitarbeiter von Banken

Knapp ein Viertel der Mitarbeiter hat Banking-Erfahrung, bei der Solarisbank kommt sogar rund die Hälfte aus der Finanzbranche. Für Wenthin war es trotzdem keine Option, die Solarisbank in Frankfurt am Main anzusiedeln und nicht in Berlin. „Viel schwerer, als Banker nach Berlin zu bekommen, ist es, Techies nach Frankfurt zu holen,“ sagt er.

„Ich hätte Angst, dass man in Frankfurt häufig nur unter seinesgleichen ist und nicht so bereit, sich zu verändern“, sagt Finleap-Chef Niroumand. „Wir brauchen Banker, die im Kopf bereit sind zur Veränderung.“ Immerhin sitzen in dem Großraumbüro Banker, die vorher einen eigenen Fahrer und eine Sekretärin hatten. „Sie führen bei uns zum Beispiel die Strategiediskussion mit einem Großinvestor, aber sie müssen auch bereit sein, ihre Powerpoint-Präsentation selbst zu machen. Das ist die Spannbreite, die man gehen können muss, um hier zu arbeiten.“