Schaufenster eines Unterwäsche-Geschäfts am Kurfürstendamm. Am 22. April konnten in Berlin auch die Geschäfte außerhalb der Lebensmittelbranche wieder öffnen.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinNach dem langen Konsumverzicht während des Corona-Shutdown können die Deutschen wieder shoppen. Modeläden, Schuhgeschäfte, Juweliere, Möbel- oder Schreibwarenhändler dürfen seit knapp zwei Wochen Kunden bedienen, am Sonnabend öffnen auch die großen Ketten und Warenhäuser mit Verkaufsflächen von mehr als 800 Quadratmetern. Aber der große Ansturm, auf den manch verzweifelter Händler hoffte, ist bisher ausgeblieben. 

In Berlin habe man seit der Wiedereröffnung der meisten Geschäfte am 22. April im Schnitt nur 40 Prozent der sonst üblichen Kundenfrequenz, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, am Freitag der Berliner Zeitung. Die Umsätze der Händler lägen sogar bei nur 30 bis 40 Prozent des vor der Corona-Krise Üblichen. „Es ist nichts mit dem großen Run“, klagte Busch-Petersen. Das Kundenverhalten habe sich verändert. „Das Interesse, die Bereitschaft, die Motivation in der Bevölkerung, Geld auszugeben, ist gerade sehr gering.“

Zudem macht sich der Total-Stopp des Tourismus bemerkbar, es kommen weder innerdeutsche noch ausländische Besucher. „Damit allein fehlen uns schon 20 bis 25 Prozent der Umsätze“, sagt Busch-Petersen, „wir fallen auf uns selbst zurück.“ Berlin sei aber keine sehr kaufkräftige Stadt. Geschäfte in touristischen Lagen wie Kurfürstendamm oder Am Tauentzien hätten es deshalb derzeit besonders schwer.  Busch-Petersen rechnet mit einer langen Durststrecke. Und er fürchtet, dass viele Händler trotz ihrer Notsituation versuchen werden, die Kunden mit Sonderangeboten und Preissenkungen anzulocken.

Der Handelsverband Deutschland (DHE) hatte bereits Ende April Verluste in historischem Ausmaß durch die Corona-Krise beklagt. Auch nach Wiedereröffnung der Geschäfte habe der Umsatz bundesweit nur bis zu 40 Prozent des Üblichen erreicht. Der Textilhandel erlitt demnach ein Minus von mehr als 50 Prozent.  Der DHE hat deshalb einen staatlichen Rettungsfonds für die Händler sowie die Ausgabe von „Coronaschecks“ in Höhe von 500 Euro an die Verbraucher gefordert, um die Konsumstimmung anzukurbeln. Auch Grünen-Politiker hatten einen „Kauf-vor-Ort-Gutschein“ für jeden Bürger in Höhe von 250 Euro vorgeschlagen.

Dass es schwer wird, die Verbraucher wieder zum Kaufen zu bewegen, belegt eine am Freitag veröffentlichte Studie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Demnach erwartet ein Drittel der Deutschen in den kommenden zwölf Monaten eine Verschlechterung der eigenen finanziellen Situation. Ein Drittel der Befragten gab an, weniger Geld für den Kauf langlebiger Produkte wie Möbel, Autos oder Fernseher ausgeben zu wollen. 26 Prozent wollen auf ihren bereits geplanten Urlaub verzichten. „Wir gehen davon aus, dass die Verbraucher in nächster Zeit sehr bedarfsorientiert einkaufen werden“, erklärte die GfK-Expertin Petra Süptitz. Nachgeholt würden weiterhin nötige Einkäufe – etwa von Elektrogroßgeräten, für die man die Beratung im stationären Handel braucht, aber auch von Smartphones, Fernsehern, Babyausstattung. Im April hatten der GfK-Umfrage zufolge 70 Prozent der Deutschen Produkte online gekauft, in der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen sogar 81 Prozent.