Ein Stapel Zeitungen (Symbolbild).

BerlinWie die Funke-Gruppe und Holtzbrinck am Dienstag in einer Pressemitteilung mitteilten, soll der Tagesspiegel künftig sowohl den Vertrieb als auch den Anzeigenverkauf für die Morgenpost durchführen. Bei der Morgenpost verbleiben demnach nur noch wenige wichtige Stabsstellen. Die Redaktion soll ihre Eigenständigkeit behalten. Bereits heute wird die Redaktion allerdings mit der redaktionellen Zulieferung von Artikeln durch die Funke-Zentralredaktion gestützt.

Die Einschnitte sind für die Berliner Morgenpost gravierend: Der Tagesspiegel übernimmt die Werbevermarktung für die Funke-Zeitung: Die Vermarktungstochter der Berliner Morgenpost, MCB Media Checkpoint Berlin GmbH, stellt zum Ende des Jahres 2020 ihren Betrieb ein. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden sozialverträgliche Lösungen gesucht. Betroffen von der Maßnahme sind dem Vernehmen nach insgesamt etwa 50 Mitarbeiter.

Die Berliner Morgenpost hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie war 1898 vom Verleger Leopold Ullstein gegründet worden und sorgte in der Weimarer Republik mit einem damals unbekannten Konzept Furore: Sie positionierte sich in einem politisch aufgeheizten Umfeld als neutrale und ausgewogene Stimme, was ihr zu enormen Erfolgen bei Lesern und Anzeigenkunden verhalf.

Unter den Nationalsozialisten wurde der Verlag weitgehend "arisiert". In den 1950er Jahren übernahm der Verleger Axel Springer die Zeitung und verordnete der Morgenpost im Kalten Krieg einen streng antikommunistischen Kurs.

In den 1990er Jahren erlebte die Zeitung eine letzte Blüte, weil sie sich auf den Lokaljournalismus bis weit auf Kiezebene konzentrierte. Mit dem Aufkommen des Internet verlor die Morgenpost ihre bis zu diesem Zeitpunkt üppigen Rubrikenmärkte, vor allem auf dem Immobiliensektor. Der Morgenpost ist es, wie manch anderer Zeitung, nicht gelungen, ihre starke Stellung in diesem Bereich auf das Internet auszudehnen. Die Zeitung hat zudem mit einem massiven Rückgang der Auflage zu kämpfen.

2014 übernahm die Funke-Gruppe die Zeitung. Mit der nun angekündigten „Verlagskooperation“ machen beide Verlage laut Pressemitteilung von der seit 2017 bestehenden Öffnungsklausel des § 30 Abs. 2b GWB Gebrauch, die Zeitungsverlagen eine verlagswirtschaftliche Zusammenarbeit gestattet. Zuvor hatte das Kartellamt solche Kooperationen untersagt. Beide Unternehmen hoffen, dass sie nun durch die Übernahme der zentralen Verlagsdienstleitungen durch den Tagesspiegel den „Herausforderungen auf dem Berliner Zeitungsmarkt“ begegnen zu können.

Beide Verlage wollen mit der Maßnahme ihr traditionelles Geschäft jenseits der neuen Internet-Märkte sichern und die Verluste, die sie mit diesen Geschäften erwirtschaften, reduzieren.

Mit der Auslagerung von Vermarktung und Vertrieb an den Tagesspiegel verbindet Morgenpost-Geschäftsführer Görge Timmer die Hoffnung, die „publizistische Vielfalt in Berlin“ zu „erhalten“. Grund für den massiven Rückbau des Verlags seien „sinkende Vertriebs- und Anzeigenerlöse bei gleichzeitigen Kostensteigerungen in der Zustellung“, so Timmer. Auch Ulrike Teschke, Geschäftsführerin des Tagesspiegels, sieht das Ende der eigenständigen Verlagsfunktionen bei der Morgenpost als „Beitrag zum Erhalt der vielfältigen Medienlandschaft in der Hauptstadt“.

Nur in einem Bereich bleibt Funke weiter aktiv: Das Callcenter der Funke Dialog GmbH soll weiter Morgenpost und Tagesspiegel bedienen.