Fahrkarten lassen sich leicht über Omio buchen. 
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Es wirkt fast schon trotzig, wenn Investoren mitten in einer von ungeahnten Reisebeschränkungen begleiteten Krise Kapital ausgerechnet in ein Reiseunternehmen stecken. Aber für eine Laune ist die Investitionssumme dann doch zu gewaltig. 100 Millionen US-Dollar, das sind  84 Millionen Euro, war internationalen Investoren eine Beteiligung an dem Berliner Start-up Omio wert, dessen Geschäftsmodell im Verkauf ausgerechnet von Fahrscheinen und Flugtickets besteht. Mehr Optimismus geht kaum, und Firmenchef und -gründer Naren Shaam sieht sich bestätigt. Reisen sei ein dauerhaftes Bedürfnis, sagt er und: „Ich habe keinen Zweifel am Comeback der Branche.“

Shaam, der in Indien aufwuchs, in Harvard studierte und als 31-Jähriger nach Deutschland kam, um genau in Berlin seine Vision einfachster Reisebuchung Wirklichkeit werden zu lassen, hatte das Unternehmen 2013 unter dem Namen Goeuro gegründet – eine Bestellplattform für Reisende, über die vorzugsweise per Smartphone Bahn- und Busfahrten, Flüge, Fähren, Mietwagen oder Sharingcars gebucht werden können. Mittlerweile ist das Unternehmen in über 37 Ländern aktiv. Vor Corona nutzten monatlich 27 Millionen Menschen das Reiseportal. Und da das Unternehmen seine Aktivitäten nicht mehr auf Europa beschränkt, sondern auch Nordamerika im Portfolio hat, wurde die Firma im vergangenen Jahr von Goeuro in Omio umgeflaggt.

Tatsächlich steht das noch junge Unternehmen für ein beeindruckendes Wachstum. Schon vor der aktuellen Finanzierungsrunde hatte Sologründer Shaam insgesamt bei Kapitalgebern wie Kinnevik oder Goldman Sachs rund 300 Millionen US-Dollar eingesammelt. Dann traf Covid-19 das Unternehmen mit aller Brutalität. Über Nacht schrumpften die Umsätze des erfolgsverwöhnten Start-ups auf nahezu null. Zugleich schwappte eine Welle von Stornierungen über Omio. Buchungen mussten erstattet werden. „Es war die Hölle“, sagt Firmensprecher Boris Radke. Dann mussten 90 Prozent der 350-köpfigen Belegschaft in Kurzarbeit geschickt werden, fast jeder zweite zu 100 Prozent. Plötzlich herrschte Stille im Bürogebäude an der Schönhauser Allee, Ecker Fehrbelliner Straße in Mitte. „Vollbremsung mit Handbremse und quietschenden Reifen“, sagt Radke. Schluss mit Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Glaubt man den Darstellungen des Unternehmens, so hatte die eigene Datenbank bereits eine Frühwarnung geliefert. Schon im Februar registrierte man, dass die Chinesen weniger reisen, und die Amerikaner zunehmend Europa und Italien meiden. Also hielt man das Geld zusammen, Marketingausgaben wurden gestoppt. Eine Firma wechselte in den Überlebensmodus. „Keep the lights on“, lautete der interne Slogan.

Die Krise hat bei Omio aber auch manches verändert. Die Stornierungsprozesse etwa wurden vom eigenen Tech-Team vollständig automatisiert. Einen erneuten Lockdown will auch an der Schönhauser Allee niemand, aber man ist dort davon überzeugt, damit nun besser umgehen zu können. Laut Omio-Chef Naren Shaam habe das Geschäft inzwischen schon wieder stärker zulegt, als erwartet. Allerdings hat man festgestellt, dass sich die Bedürfnisse der Kundschaft gewandelt haben. „Es zeigt sich eine deutlich geringere Nachfrage nach Flugreisen. Gleichzeitig verändert sich das Buchungsverhalten immer weiter auf digitale Endgeräte zur Vermeidung physischer Ticketkäufe und langer Warteschlangen“, sagt Shaam und hofft, dass das so bleibt. Denn Omio kann wohl kaum Besseres passieren, als dass immer weniger Fahrkarten und Tickets am Automaten gekauft werden.

Obwohl das Unternehmen zu Krisenbeginn Stornierungskosten in zweistelliger Millionenhöhe tragen musste, braucht man das frische Kapital eigenen Angaben zufolge nicht, um überleben zu können. Dafür sollen neue digitale Serviceangebote entwickelt werden, die dem gewachsenen Bedarf nach umfassenden Reiseinformationen entsprechen  sollen. Zugleich will Omio mit dem Kapital seine Expansion vorantreiben. Man versteht die Krise auch als Gelegenheit, andere Reiseplattformen zu übernehmen und so auf bislang weiße Flecken der Omio-Weltkarte vorzustoßen. Es geht um Nord- und Südamerika sowie Südostasien.

Darüber hinaus oder vor allem dürfte die Finanzspritze intern neue Zuversicht vermitteln. Denn dem  Unternehmen drohte in den vergangenen Wochen durchaus der Verlust guter Köpfe. Gerade in der Krise tobt der Kampf um die größten Tech-Talente in der Stadt noch schärfer als zuvor. Insbesondere Amazon ist in Berlin geradezu berüchtigt für seine aggressive Suche nach hoffnungsvollen Programmierern – bestenfalls mit unsicherer Perspektive in Kurzarbeit. Omio indes will sich in der übernächsten Woche komplett vor der Kurzarbeit verabschieden und sucht auch selbst wieder Leute. Bis zum Jahresende sollen 30 bis 40 neue Mitarbeiter eingestellt werden.