Rubine gehören zu den Edelsteinen, aus denen der Konzern Schmuck fertigen lässt.
Foto: Elumeo

BerlinDie Berliner Firmengruppe Elumeo vertreibt Echtschmuck zu Schnäppchenpreisen über Teleshopping. Luxus für alle – das ist das Geschäftsmodell. Aber jetzt erheben ehemalige Geschäftspartner in Thailand schwere Vorwürfe: Die Konzernführung soll eine Tochterfirma absichtlich in die Pleite getrieben haben. Elumeo weist dies zurück. Ein Rechtsstreit um unbezahlte Rechnungen, geplatzte Ideen und ruinierte Existenzen.

Die Sehnsucht hat ihren Preis, und damit die Ware auf möglichst breite Nachfrage trifft, fängt die Spanne weit unten an: Ein Rubin-Goldring für 199 Euro, Amethyst-Silberohrringe für 79 Euro – der Berliner Konzern Elumeo vermarktet zugängliche Träume für den Massenmarkt. Das Unternehmen selbst spricht von „bezahlbarem Luxus für jeden“.

Bunte Juwelen zum Schnäppchenpreis, vertrieben über Teleshopping. Das ist das Geschäftsmodell von Elumeo.

Der Konzern sitzt am Erkelenzdamm in Kreuzberg, das Unternehmen, das aus einem Start-up in einem Hinterhof entstand, wurde 2008 gegründet. Er wuchs zunächst recht robust, ging vor vier Jahren mit großen Plänen an die Börse, die Aktie wurde für 25 Euro ausgegeben. Jetzt steckt Elumeo in der Krise, die Aktien liegen bei rund einem Euro, und um das Unternehmen kreist ein Zivilrechtsstreit, bei dem vieles auf dem Spiel steht – es geht um unbezahlte Rechnungen in Millionenhöhe und um ruinierte Existenzen.

Günstige Produktion in Thailand

Wie das Handelsblatt im August berichtete, schwelt zwischen dem Konzern und ehemaligen Partnern in Thailand ein heftiger Zwist. „Wir stecken in einer sehr bitteren Situation, und ich habe mir mehr als einmal die Frage gestellt, wie ich das hätte verhindern können“, sagt Wolfgang Boyé, der Chef des Verwaltungsrats von Elumeo, ein ehemaliger Scholz-and-Friends-Werber. Man merkt ihm die Bedrängnis an; mit rotem Kopf sitzt er da und sucht nach Worten. Er ist in Schwierigkeiten, und die Frage ist, ob das an ihm liegt oder an den anderen.

Die Tochterfirma, über die Elumeo seinen Schmuck vertreibt, heißt Juwelo. Damit der Konzern den Zierrat zu niedrigen Preisen anbieten kann, lässt er ihn günstig in Asien herstellen. Bis vor etwa einem Jahr fertigte eine Konzerntochter die Ware, die PWK Jewelry Company in Thailand. Jetzt ist sie geschlossen, mehr als 600 Menschen haben ihre Arbeit verloren. Und die vier ehemaligen Geschäftsführer erheben gravierende Vorwürfe gegen den Konzern, gegen Boyé selbst und zwei weitere Topmanager.

Ex-Managern soll Gefängnis drohen

Die PWK in Thailand hat ihre Forderungen an eine Treuhandgesellschaft abgetreten, die SWM Treuhand AG, weil die Firma selbst kein Geld mehr für Anwälte habe, sagen die Kläger. Die Klage unterstützt auch der thailändische Geschäftsmann Teerasak Jamratkittiwan, der mit seiner Firma Ottoman Strategy Holdings zu den größten Aktionären bei Elumeo zählt. Die Treuhandgesellschaft hat Zivilklage erhoben und fordert Schadenersatz in Höhe von über zehn Millionen Euro.

Die Klageschrift, die der Berliner Zeitung vorliegt, liest sich wie ein Wirtschaftskrimi, aber der Fall ist komplex und verworren. Er führt von Kreuzberg über Hongkong nach Chanthabouri, ein Zentrum des Edelsteinhandels im Südosten Thailands.

Die vier Manager werfen dem Konzern vor, die PWK mit voller Absicht in die Pleite getrieben zu haben, um Abfindungszahlungen für die Mitarbeiter zu umgehen. Der Konzern soll demnach Schmuck bestellt und den thailändischen Betrieb dann auf offenen Rechnungen in Höhe von mehr als 35 Millionen Euro sitzengelassen haben.

Abfindungen sind in Thailand gesetzlich vorgeschrieben. Gegen die Ex-Geschäftsführer läuft jetzt ein Strafrechtsverfahren, weil die Firma den Mitarbeitern die Leistung und Gehälter schuldig blieb. „Unsere Rechtsberater haben uns mitgeteilt, dass wir ins Gefängnis kommen, wenn wir nicht die vollen Gehälter bezahlen“, sagt Taralapt Vrasarinnop, einer der Manager, „das Gesetz ist da ganz klar und wird in Thailand hart umgesetzt.“

Offene Rechnungen in Höhe von 35 Millionen

Wolfgang Boyé weist die Vorwürfe zurück. Zwar bestreitet er nicht, dass es unbezahlte Rechnungen von 35 Millionen Euro gab. Dem aber stünden Forderungen in gleicher Höhe gegenüber, ausstehende Gewinnausschüttungen. Beides hebe sich auf.

Die Gegenseite sagt indessen: Diese Gewinne gebe es nur in den Bilanzen, weil die Rechnungen zwar eingebucht sind, das Geld aber nie in voller Höhe überwiesen worden sei. „Auf dem Papier sieht es so aus, als habe PWK Gewinne gemacht“, sagt ein Sprecher des thailändischen Investors Teerasak Jamratkittiwan, „die Wahrheit ist aber, dass die Gelder nie geflossen sind.“

Boyé argumentiert: „So funktioniert das nicht. Die offenen Rechnungen wurden mit den Gewinnen verrechnet, die die PWK noch auszuzahlen hatte.“ Er schickt ein Testat von Ernst and Young, die den Elumeo-Jahresabschluss 2018 geprüft haben. Die Auditoren vermerken in dem Zusammenhang „keine Einwendungen hinsichtlich der Ermessensentscheidungen und Schätzungen“.

Schmuck steht für Reichtum und Glamour. Boyé wollte daraus einen Massenartikel machen, den sich praktisch jeder leisten kann. Der Schmuckmarkt ist in Europa 34 Milliarden Euro groß, aber zersplittert, zudem stagniert er. Auch der dänische Juwelier Pandora, der ebenso bezahlbaren Echtschmuck in Thailand fertigen lässt, kündigte erst im Mai nach Umsatzeinbußen einen Abbau von 1200 Stellen an.

Bei Elumeo indes sieht es im Webshop zum Teil nach Schnäppchenmarkt aus: Das Unternehmen wirbt dort mit „Sale bis zu 60 % Rabatt“, jüngst liefen auf Juwelo TV „Lagerverkaufs“-Sendungen; da waren Stücke schon für 19 bis 29 Euro im Angebot.

Unternehmen soll Abfindungen umgangen haben

Derweil ziehen die Vorfälle Kreise. Vor einigen Wochen protestierten laut Presseberichten Hunderte frühere PWK-Arbeiter vor der deutschen Botschaft in Bangkok gegen Elumeo. Boyé weist die Schuld an ihrer Misere von sich. „Faktisch ist es so, dass es Abfindungen sind, die von der PWK geschuldet werden und die PWK zum Zeitpunkt dessen mehr als ausreichend Mittel zur Verfügung hatte, diese Abfindungen zu begleichen.“

Juwelo sendet täglich von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachts aus Berlin. Die Waren kommen jetzt von unterschiedlichen Zulieferern in Thailand, China und Indien. Aber die Geschäfte laufen seit einiger Zeit schon nicht gut. 2018 brachen die Umsätze um 20 Prozent ein. Im Geschäftsbericht 2018 warnt der Konzern vor drohenden Liquiditätsrisiken, sprich: möglicher Zahlungsunfähigkeit.

Die Idee vom Luxus für alle ging also nicht auf, strittig ist nur, wer daran schuld ist. Von dem konzerneigenen Werk in Chanthaburi hatte sich der Konzern eine effizientere Fertigung versprochen: „Mit knapp 750 Beschäftigten in 20 Abteilungen ist die Elumeo-Manufaktur der derzeit größte Schmuckhersteller in Chanthaburi“, so stand es 2014 in einer Pressemitteilung. Von der Kapazität her hätten dort zwei Millionen Schmuckstücke im Jahr gefertigt werden können.

Für die Kredite, mit denen die Fabrik finanziert wurde, bürgten die vier Geschäftsführer persönlich. Deswegen müssen sie jetzt geradestehen, wie Vrasarinnop, einer de Geschäftsführer, sagt: „Die Bank wird all unseren Besitz und all unser künftiges Einkommen konfiszieren. Wir werden niemals wieder in der Lage sein, einen Kredit, eine Kreditkarte oder irgendeine Form von Leasing zu bekommen.“

Elumeo sieht Fehler bei Geschäftspartnern

Wie es die Elumeo-Führung sieht, haben sie sich das selbst zuzuschreiben. „Am Ende des Tages ist die Fabrik kaputtgegangen, weil das thailändische Management die Fabrik nicht ordentlich geführt hat und sich möglicherweise strafrechtlich schuldig gemacht hat“, sagt Boyé. Aus dem Werk seien Vermögenswerte in Höhe von 5,5 Millionen Euro verschwunden. „Bis heute ist ungeklärt, wo diese Vermögensgegenstände geblieben sind.“ Beweise dafür hat er nicht.

Die Thailänder bestreiten den Vorwurf. Die 5,5 Millionen Euro setzen sich zusammen aus einer Umsatzsteuer-Rückforderung von 1,1 Millionen Euro und Schmuck und Juwelen im Wert von 4,4 Millionen Euro. Die lägen noch im Tresorraum, sagt der Sprecher von Teerasak Jamratkittiwan. Nur ließen sie sich schwer zu Geld machen, es handele sich um Restposten, „billigen Kram, ein Stück hiervon, zwei Stücke davon. Daraus kann man praktisch keinen Schmuck mehr fertigen.“

Die Probleme innerhalb des Konzerns fingen vor etwa zwei Jahren an. Wie es Boyé darstellt, hätten steigende Fertigungskosten dazu geführt, dass die Nachfrage sank. „Wir sind in einem Preissegment unterwegs, das sehr kompetitiv ist. Wir sind in diesem Bereich der günstigste Anbieter im Markt, und unsere Kunden nehmen uns auch so wahr“, sagt Boyé.

Fragt man die Ex-Manager in Thailand, so waren Ursache und Wirkung aber umgekehrt: Zunächst fertigte das Werk in Chanthaburi 90.000 Stücke im Monat für den Konzern. Dann sank die Bestellmenge, und ab Mai 2018 wurden nur noch 25.000 Stücke im Monat geordert. Die Fixkosten in der Fabrik seien aber gleichgeblieben.

Interne Mails, die der Berliner Zeitung vorliegen, vermitteln einen Eindruck von dem Streit. Am 29. Oktober 2018 schreibt ein Elumeo-Manager an Vrasarinnop: „Vor fünf Monaten hat der Verwaltungsrat das Management von PWK aufgefordert, einen Restrukturierungsplan zur drastischen Reduzierung der Betriebskosten von PWK vorzulegen. Wir haben bisher noch keinen schlüssigen Plan von Ihnen erhalten.“ Vrasarinnop antwortet: „Die Restrukturierungspläne wurden seit Juni 2018 mehrmals an Sie verschickt.“ Er habe aber kein Feedback erhalten. Er schreibt weiter, dass er niemanden entlassen könne, ohne die vorgeschriebene Abfindung zu zahlen. Dies habe man mehrmals mitgeteilt, Elumeo habe das Geld nicht bereitgestellt. „Wie sollen wir Leuten dann legal kündigen und die Kosten reduzieren?“

Boyé verweist darauf, dass die Manager bis zuletzt keine schlüssige Strategie für eine Kostensenkung vorlegten: „Im September 2018 wurde klar, es gab überhaupt keine Bereitschaft, dieses Thema wirklich zu lösen.“

Beschlagnahmte Vermögenswerte

Und so nahm die Sache im Herbst 2018 ihren Lauf, der Konflikt spitzte sich zu, die Zahlungen gerieten ins Stocken. Die letzte Bestellung traf am 17. September bei der PWK ein, die PWK stellte die Lieferung zusammen, 10.495 Einzelstücke, heißt es in der Klageschrift, der Bestellwert: 342.908,78 Euro. Der Konzern bestreitet die Höhe: Der Bestellwert habe nur 257.320,93 Euro betragen.

Bestellungen wie Bezahlung ließ der Konzern über eine Zwischenholding in Hongkong laufen, die Elumeo-Tochter Silverline. Schon ab Ende August 2018 aber hattte die Elumeo-Führung begonnen, wesentliche Änderungen einzuleiten: Zunächst ließ Boyé die Geschäftsführer der Silverline absetzen, die den Thailändern nahestanden.

Wenige Tage später nur schloss der neue Geschäftsführer eine Vereinbarung mit Juwelo, eine sogenannte Nachrangigkeitsabrede. Diese sieht vor, dass „der Gläubiger“, also Silverline, „unwiderruflich zustimmt, seine Forderungen gegen den Schuldner“, also Juwelo, allen „Verbindlichkeiten gegenüber anderen Schuldnern unterordnen“ werde, sofern Juwelo nicht über eine Liquidität von zehn Millionen Euro verfüge.

Wolfgang Boyé schrieb in seiner E-Mail an die Mitglieder des Aufsichtsrats, das Papier sei dazu gedacht, „die Gruppe zu schützen“. Zum Hintergrund des Schreibens gehört, dass die Sparkasse Berlin von Elumeo einen Kredit von fünf Millionen Euro überraschend zurückforderte. Der Konzern musste also dringend sicherstellen, dass flüssiges Geld da ist. So kam das eine zum anderen.

Wie es die Ex-PWK-Manager sehen, wurde der Zahlungsstrom in Richtung PWK mit der Vereinbarung praktisch abgeschnitten; die Silverline war ja das Bindeglied zwischen der Fabrik und der Konzernmutter. In ihrer Version belegt das Dokument, dass Elumeo nie vorhatte, die letzte Bestellung zu bezahlen und sie damit in den Ruin schickte. Boyé stellt das anders dar: Die letzte Rechnung sei beglichen worden; und über eine Anwaltskanzlei habe der Konzern auch danach noch Geld für die Gehälter überwiesen.

In Chanthaburi hat ein Arbeitsgericht jetzt die Vermögenswerte der Fabrik beschlagnahmt. Die Ex-Mitarbeiter durften das Firmengelände betreten, um das Inventar zu inspizieren und zu pfänden; sie dürfen laut Gerichtsbeschluss alles verwerten, was sie finden, Wertgegenstände, die Maschinen und sogar Teile der Gebäude selbst.