Wo früher Bier gebraut wurde, werden künftig auf 14.000 Quadratmetern Fläche in sechs Gebäuden zunächst 23 Internet-Firmen und Gründer arbeiten. Platz ist für 500 Leute. Die Idee hatten die Start-up-Unternehmer Simon Schaefer und Udo Schloemer. Sie haben mit drei Partnern fast 20 Millionen Euro investiert, eine Million Euro sponsert Google.

Herr Schaefer, was genau ist die Factory? Gründerzentrum, Start-up-Schmiede oder Gemeinschaftsbüro?

Es ist ein Campus für Start-ups. Wir bedienen verschiedene Zielgruppen: Einerseits arbeiten wir hier mit internationalen Technologiefirmen wie Mozilla, Zendesk oder Google zusammen. Andererseits mit Berliner Firmen wie 6Wunderkinder und SoundCloud. Die sind keine richtigen Start-ups mehr, aber auch noch nicht profitabel und mit Risikokapital finanziert. Dann gibt es noch sehr kleine Teams sowie Leute, die noch gründen wollen.

Wie wollen Sie den Start-ups helfen?

Wir konzentrieren uns auf die Phase, in der die Unternehmen noch kein fertiges Produkt im Markt haben, der Phase vor einer Venture-Capital- Finanzierung im ein- oder zweistelligen Millionenbereich. Da können wir mit unserem Netzwerk helfen und in Form des Austauschs mit erfolgreichen Gründern. In so einem frühen Start-up-Ökosystem, wie wir es in Berlin haben, ist es relativ normal, das man sich gegenseitig hilft und noch nicht ausschließlich mit Geld ineinander investiert.

Wie sieht’s aus mit finanzieller Hilfe?

Es gibt so viele Formen von Hilfe jenseits des Finanziellen. Wir stellen Flächen zur Verfügung und stellen den Start-ups Investoren vor. Wer noch nicht gegründet hat, dem bieten wir gemeinsam mit dem Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und dem Google Entrepreneurship Outreach Programm die Möglichkeit, Fragen zu stellen, sowie Zugriff auf unsere Mentoren und Berater – und zwar erstmal umsonst. Ab einem bestimmten Beratungsvolumen ist es sinnvoll, dass jemand investiert oder das Start-up die Berater enger an sich bindet oder einen Mentor für sich gewinnt.

Sie haben zuletzt eine Pre-Opening-Party gefeiert, es geht immer noch nicht richtig los. Woran hängt es?

Der Neubau für kleine Gründerteams wird sich etwas verzögern: Wir sind bei den Bauarbeiten auf einen gesprengten Bunker aus dem 2. Weltkrieg gestoßen. Dazu kommt, dass der Bebauungsplan für diesen Teil des Geländes noch nicht verabschiedet ist. Momentan ist es als Wohngebiet ausgewiesen.

Ist der Bau als solches gefährdet?

Nein. Wir haben starke Unterstützung durch die Stadt und vielen überregionalen Politikern bekommen. Wir hoffen mit diesem Projekt so viel Positives schaffen, dass wir sicher sind, es voll umsetzen zu können. Das mit dem Bunker macht alles allerdings etwas schwieriger.

Wie frustrierend ist das?

Der Bau der Factory ist vergleichbar mit der Gründung eines Start-ups: Es gibt verschiedene Wachstumsphasen mit Fort- und Rückschritten, und es passieren Überraschungen. Daran bin ich gewöhnt, schließlich habe ich ein eigenes Start-up im Immobilienbereich.

Es gibt in Berlin jede Menge Inkubatoren, also Start-up-Schmieden mit Förderprogrammen für Start-ups. Wozu noch die Factory?

Ein Start-up, wie ich es verstehe, muss am Markt scheitern oder überleben, und nicht an der Agenda der Anteilseigner, die es finanzieren. Es ist wichtig, unabhängige Instanzen schaffen, die Start-ups unterstützen – so wie die Factory. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Unternehmen absolut frei und zu 100 Prozent im internationalen Vergleich entwickeln können. Fielmann, Telekom – alle machen Inkubatoren, weil sie am Internet partizipieren wollen. Aber wenn ich als Brillenhersteller überlege, wie ich Brillen-Start-ups machen kann, ist die Begrenzung schon eingebaut.

Die Telekom hat immerhin einen der ersten Inkubatoren in Berlin gestartet.

Die Telekom-Start-ups müssen sich erstmal beweisen. Wir glauben, dass in der Unabhängigkeit ein großer Vorteil liegt. Es gibt die Gefahr, dass eine Telekom ein Start-up dahin entwickelt, dass sie es in ihren Kosmos integrieren kann.

Zum Beispiel eine App, die zusammen mit einem Telefonanschluss verkauft werden kann?

Es muss nicht, kann aber so sein. Generell halte ich es nicht für die nachhaltigste Strategie, wenn große Firmen sich ihre eigenen Inkubatoren bauen. Das ist eine Art ausgelagerte Entwicklungsabteilung: Man probiert etwas aus, nur viel billiger, denn die Jungs haben wenig Budget.

Aber für die Konzerne ist das doch eine tolle Sache.

Aber das ist nicht der richtige Weg! Wir müssen uns auch von dem Gedanken trennen, von einem Investment in ein Start-up sofort Rendite zu erwarten. Es geht darum, in die Zukunft zu investieren, und nicht darum, Start-ups direkt wieder zu verkaufen oder in den eigenen Konzern zu integrieren.

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Ende August gibt es in der Factory einen Ideenwettbewerb, den Sie mit Google, der Deutschen Bank und Shell ausgerufen haben. Was soll das bringen?

Wir wollen eine Brücke bauen zwischen Start-ups und traditioneller Wirtschaft. Die Gründer könnten so realisieren, dass sie nicht alles neu erfinden müssen, sondern dass man mit 180 Mitarbeitern ähnliche Probleme haben kann wie ein Traditionsunternehmen, und deshalb gewisse Strukturen sinnvoll sind.

Und die Konzerne?

Sie werden animiert, Start-ups aus Deutschland zu unterstützen. Warum müssen wir das Kapital dazu aus dem Ausland holen? Die großen deutschen Firmen hätten genug Geld, um in einen Fonds zu investieren und Wachstumskapital zur Verfügung zu stellen. Stattdessen halten manche für ein Wahnsinnsgeld über drei Ecken winzige Anteile an Facebook und meinen, dadurch würde Innovation zurückfließen.

Was halten Sie von sogenannten Bootcamps, bei denen Gründer in wenigen Minuten ihre Idee vor einer Jury und Investoren präsentieren?

Die Gefahr ist, dass jedes der Jurymitglieder den Gründern etwas anderes erzählt. Die Start-ups müssen versuchen, das alles zu verarbeiten. Ich halte die Inkubatorenschwemme in Berlin und Deutschland für kritisch, weil die Idee aus dem US-Markt kommt. Dort gibt es so viele Ideen, dass es sinnvoll ist, so hart zu selektieren.

Und das ist Deutschland anders?

Wir haben hier relativ wenig Teams mit wenig Ideen im Vergleich mit dem Silicon Valley. Es gibt zwar Zulauf aus dem Ausland, und es wird immer mehr. Dennoch muss die Unterstützung viel individueller passieren. Ich halte nicht viel davon, 30 Start-ups zu filtern und sie in dasselbe Förderprogramm zu stecken.

Warum brauchen wir überhaupt so viele Internet-Gründer?

Mit der digitalen Ökonomie entsteht in Berlin eine Art neuer Mittelstand. Die Entwickler, die 60.000 bis 120.000 Euro verdienen, können ihre Familie ernähren und arbeiten an einem zukunftsorientierten Geschäft, wo sie mehr lernen können als im Studium. Sie sind international orientiert, aber zahlen hier Steuern, und wenn sie damit besonders reich werden, wandern sie nicht in Steuerparadiese ab und kaufen Jachten, sondern investieren üblicherweise wieder in das Ökosystem, in neue Ideen, neue Gründer. Das ist ein sehr positiver Kreislauf.

In letzter Zeit sind einst umjubelte Berliner Start-ups wie Gidsy, Amen oder 6Wunderkinder mit ihren Ideen gescheitert oder wurden geschluckt.

Solche Aufs und Abs sind normal. Christian Reber, der Gründer von 6Wunderkinder, hat sich inzwischen ganz auf die To-Do-Liste Wunderlist konzentriert. Er hat ein Bezahlmodell entwickelt und viermal mehr Kunden als ursprünglich erwartet. Und auch bei Amen geht es weiter. Vielleicht hat die Crew in zwei Wochen die zündende Idee, und das Ding geht durch die Decke.

Wir müssen uns nicht sorgen um die hiesige Start-up-Szene?

Tatsächlich sehen wir in diesem Jahr weniger Gründungen als 2012. Ich denke, dass die Diskussionen um Gidsy oder Amen ein paar Leute verschreckt haben. Viele denken, wenn sie erstmal die richtigen Investoren an Bord haben, sind sie Millionär. Das ist die ganz falsche Perspektive. Ich glaube, einige Leute sind wieder auf dem Boden der Tatsachen. Deswegen ist es umso wichtiger, Basisarbeit zu leisten. Ich fände es schön, wenn man irgendwann London, Berlin und Paris als ein Silicon Valley begreifen würde.

Manche sehen den Start-up-Hype schon wieder am Ende.

Wir sind noch so am Anfang, dieser Hype ist gar nicht kaputt zu kriegen. Das würde nur passieren, wenn wir anfangen würden, wie in der ersten Welle an jede Großmutter Aktien aus dem neuen Markt zu verkaufen. Dann würden bei jeder kleinen Delle alle die Beine in die Hand nehmen. Im Moment ist alles von Profis mit Risikokapital finanziert.

Das Gespräch führte Jutta Maier.