Angefangen hatte alles im Frühling vergangenen Jahres. Die angehenden Wirtschaftsingenieure Alexander Meiritz, Hauke Feldvoss und Valerian Seither sitzen zusammen auf dem Tempelhofer Feld, später wollen sie noch nach Neukölln zu einer Party. Aber wie? ÖPNV ist ihnen zu umständlich und auf Carsharing samt Parkplatzsuche haben sie keine Lust.

Ein Motorroller wäre nicht schlecht, so der kollektive Gedanke, aus dem sehr bald eine Geschäftsidee und schließlich ein Businessplan werden sollte. Inzwischen ist Deutschlands erstes Sharing-Angebot für Elektroroller auf der Zielgeraden. In Kürze beginnt die Testphase und im Mai sollen 200 leuchtend rote Strom-Scooter das Berliner Stadtbild verändern. Rock ’n’ Roll geht auch ohne Musik.

Für die drei Mittzwanziger, die mit ihrem Vorhaben inzwischen einen europaweiten Ideenwettbewerb gewonnen und das Unternehmen Emio-Sharing gegründet haben, ist der minutenweise Roller-Verleih der nächste logische Schritt nach dem Call-a-Bike-Programm der Bahn und Kurzzeit-Autovermietungen wie Car2go und Drivenow. Und im Grunde ist der Roller sogar das Fortbewegungsmittel, für das Sharing hätte erfunden werden müssen, wenn es das nicht schon gäbe. Nutzen statt besitzen. Das ist der Kern der Elektroscooter-für-alle-Idee. Der 28-jährige Valerian Seither jedenfalls glaubt fest an den Erfolg: „Berlin hat darauf gewartet.“

19 Cent pro Minute

Die 200 Roller von Emio werden innerhalb des Stadtrings zur Verfügung stehen, und die Nutzung wird sich nicht von der des Carsharings unterscheiden. Wer Lust auf Roller hat, kann per Smartphone-App erfahren, wo der nächste Scooter wartet. Dort wird per Handy die Box auf dem Roller geöffnet, in der sich zwei Helme sowie der Schlüssel befinden. Aufsitzen, am rechten Griff drehen, los geht’s. Kein Schalten, kein Kuppeln, kein Krach, kein Gestank, kein Öl. Tempo 45 ist möglich. Ein Pkw-Führerschein reicht. Gezahlt wird wahlweise pro Minute (19 Cent) oder Kilometer (45 Cent). Ist der Scooterpilot am Ziel, stellt er den Roller einfach ab, legt Helme und Schlüssel in die Box auf dem Scooter und verabschiedet sich per Handy und App.

Damit hat das Emio-Trio inzwischen auch die Konkurrenz alarmiert. Denn wenngleich das Berliner Start-up dem Stromscooter-Sharing zur Deutschland-Premiere verhilft, erfunden wurde es in den USA. 2012 ging in San Francisco der Elektroroller-Verleih Scoot Networks an den Start. In Barcelona offeriert Motit seit 2013 einsitzige Strom-Scooter zum Minutenpreis, und in Deutschland haben die Hamburger Tino Hoffrichter und Jaan Hofmann das Potenzial des Roller-Teilens zuerst entdeckt. Im Sommer 2014 gründeten sie mit 15 klassischen Benzin-Vespas die Firma Jaano, die mittlerweile 100 Scooter verwaltet.

Doch schon ist Hamburg nicht genug. Co-Gründer Hoffrichter hat zwar mit dem Abschluss seines Psychologie-Studiums gut zu tun, aber offenbar noch genug Energie für aggressive Expansionspläne. Jaano soll in weiteren Städten etabliert werden. „Es muss schnell gehen“, sagt der 25-Jährige. „Wer zuerst da ist, kann den Markt beherrschen.“ Dass es dabei vor allem um die Dreieinhalb-Millionen-Metropole Berlin samt ihrer jährlich fast 30 Millionen Besucher gehen muss, liegt auf der Hand. Bestätigen will man das bei Jaano nicht, wer aber im Handelsregister des Charlottenburger Amtsgerichts sucht, wird unter der Nummer 162.631 bereits eine Firma namens Jaano Berlin GmbH finden. Gegenstand: Vermietung von Motorrollern.

Nachhaltig verändern

Für das Berliner Trio könnte die Elektrifizierung ihrer Sharing-Flotte von Vorteil sein, allerdings sind sie auch Überzeugungstäter und nicht ohne Grund in das Förderprogramm des klimaschutzorientierten Start-up-Inkubators Climate KIC aufgenommen worden. Die drei wollen Mobilität in der Großstadt nachhaltig verändern. „Es macht doch keinen Sinn, mit einem neuen Mobilitätsangebot zu kommen und dann noch mehr Verbrenner auf die Straßen zu stellen“, sagt Hauke Feldvoss.

Die Elektroroller liefert das Unternehmen Emco aus dem niedersächsischen Lingen. Zwar steckt eigene Entwicklungsarbeit in den Fahrzeugen, gefertigt werden sie allerdings in China. Zwei herausnehmbare Akkus ermöglichen eine Reichweite von etwa 100 Kilometern. Die Ladezustände aller Roller werden zentral überwacht. Geht einem der Saft aus, werden die Akkus von einem mobilen Serviceteam ausgetauscht. Ende 2017 soll Emio schwarze Zahlen schreiben. Dann haben sie 15.000 registrierte Nutzer.

Den Dreien ist es ernst. Mit eigenen Ersparnissen und der Hilfe von Familien und Freunden haben sie bislang rund 60.000 Euro investiert. Vor allem aber ist die Start-up-Gründung keine Notlösung, sondern ihre Vision. „Wenn wir alles richtig machen, wird Elektroroller-Sharing in ein paar Jahren in ganz Europa so selbstverständlich sein wie Würstchenbuden, und Emio wird auf den Rollern stehen“, sagt Valerian Seiher. Dafür haben die drei TU-Absolventen feste Jobs abgelehnt. Meiritz und Seither hatten lukrative Angebote von namhaften Beratungsunternehmen und Feldvoss sogar einen unterschriebenen Vertrag mit einem IT-Unternehmen in Kalifornien in der Tasche. Der 27-Jährige hat sich entschieden. Schöneberg statt Palo Alto. „Berlin ist ja auch nicht schlecht, und Kalifornien geht immer noch“, sagt Hauke Feldvoss. Emio habe noch viel vor.