Berlin - Es ist die Erfolgsgeschichte eines Start-ups wie aus dem Lehrbuch. Am Anfang stand ein Studentenprojekt an der Hochschule Darmstadt. Daraus ist die Flinc AG geworden, die die gleichnamige Internetplattform betreibt: eine Mischung aus sozialem Netzwerk und Mitfahrzentrale für kurze Strecken. Derzeit hat Flinc rund 200 000 Nutzer.

Der 29-jährige Firmengründer Sebastian Kirschner und seine Mitstreiter sind schon vielfach ausgezeichnet worden – etwa mit dem „Bosch Innovation Award“ und als „Fortbewegungsmittel des Jahres“. Das Unternehmen kooperiert unter anderem mit dem Autobauer BMW und der Firma Navigon, die Navigationssysteme anbietet. Kirschner will in diesem Jahr vor allem die Verzahnung seiner Plattform mit öffentlichen Verkehrsmitteln forcieren. Zum Interviewtermin in Frankfurt am Main kommt Kirschner in Jeans und Kapuzenpullover und natürlich per Mitfahrgelegenheit.

Herr Kirschner, haben Sie ein Auto?

Nein. Den allergrößten Teil meiner Strecken bewältige ich mit Flinc als Mitfahrer. Ich organisiere mir meinen täglichen Weg zur Arbeit und zurück morgens am Frühstückstisch oder am Abend zuvor. Ich wohne in Darmstadt und arbeite im 20 Kilometer entfernten Dieburg. Die Hinfahrt ist überhaupt kein Problem, die Rückfahrt zwischen 17 und 19 Uhr in der Regel auch nicht.

Flinc ist eine Mitfahr-App für kurze Strecken. Ist das wirklich mehr als eine Schnapsidee für junge Leute?

Wir hatten im Studium ein Projekt, das sich mit Mobilitätslösungen beschäftigt. Wir haben gesehen, dass 80 Prozent aller Strecken, die Autofahrer zurücklegen, kurze Strecken sind und dass Mitfahrgelegenheiten und Fahrgemeinschaften auf solchen kurzen Strecken so gut wie gar nicht genutzt werden. Wir haben uns gesagt: Es muss doch einen einfachen, schnellen und automatisierten Weg geben, beides miteinander zu kombinieren.

Was braucht man dafür?

Ein Smartphone oder einen PC mit Internetzugang. Sie können die Mitfahrt für eine bestimmte Strecke anbieten oder nach einen Fahrer suchen, der sie auf einer Strecke mitnimmt. Das ist das Grundprinzip, und es funktioniert sowohl geplant, als auch ganz spontan. Die höchste Flexibilität hat man mit dem Navigationssystem von Navigon. Der Fahrer muss nur angeben, wo er hinfährt, und die Fahrt wird automatisch als Mitfahrt angeboten. Wir geben Empfehlungen für den Fahrpreis, der kann aber auch frei ausgehandelt werden.

Das hört sich nach günstigen Mitfahrgelegenheiten für Studenten an.

Anfangs haben tatsächlich vor allem Studenten mitgemacht. Aber das hat sich gründlich gewandelt. Wir haben auch einen Herren, der mit dem Rollator unterwegs ist und regelmäßig ins Krankenhaus muss. Der ist sehr aktiv. Derzeit haben wir 200 000 Nutzer und 650 000 Fahrtangebote pro Monat.

Wie sieht Ihr persönliches Fahr-Budget aus?

Ich gebe im Monat etwa 120 Euro für Mobilität aus. Eine Monatskarte für den ÖPNV brauche ich nicht, besonders von und zur Arbeit bin ich mit Flinc schneller unterwegs. Innerstädtische Fahrten absolviere ich mit dem ÖPNV oder dem Rad. Als Fahrer refinanzieren Sie mit Flinc einen Teil der Kosten ihres Pkw.

Welche Faktoren kommen zum Finanziellen hinzu?

Unsere Erfahrung zeigt, dass das Mitnehmen eine starke soziale Komponente hat. Der Austausch im Auto mit unterschiedlichsten Menschen ist für viele unserer Nutzer eine große Belohnung. Ich habe bei den Fahrten wirklich schon viele tolle Gespräche geführt, beispielsweise mit einem Grundschullehrer oder mit meinem Physiotherapeuten oder mit dem Vertriebsleiter eines großen Unternehmens.

Wie suchen sich die Mitfahrer ihre Fahrer aus?

Vertrauen ist wichtig. Deshalb können die Mitfahrer ihre Fahrer bewerten. Diese können sich mit Bildern auf unserer Plattform präsentieren. Alles natürlich freiwillig. Aber je offener man sich zeigt, umso wahrscheinlicher ist es, einen Mitfahrer zu finden. Wichtig ist zum Beispiel die Verifikation der Handynummer oder die Angabe eines Autos.

Welche Modelle sind denn beliebt?

Eine Toyota Prius mit Hybridantrieb zu fahren, bringt sicherlich Punkte. Wir haben aber auch Porsche- und sogar einen Ferrari-Fahrer.

Porsche und Mitfahrgelegenheit passt irgendwie nicht zusammen.

Da kommen die unterschiedlichsten Motivationen ins Spiel. Vielleicht will der Porsche-Fahrer sein Auto präsentieren und das breite Grinsen im Gesicht seines Beifahrers sehen, wenn das Auto mal richtig beschleunigt.

Aber im Zentrum steht doch, dass sich Pendler-Pärchen finden. Wenn die sich einmal gefunden haben, brauchen sie Flinc nicht mehr. Droht nicht, dass Sie Opfer Ihres eigenen Erfolges werden?

Manche brauchen uns irgendwann wirklich nicht mehr. Zum Beispiel, wenn ein Schichtarbeiter einen anderen Schichtarbeiter als Mitfahrer gefunden hat. Aber sehr viele Menschen haben flexible Arbeitszeiten. Und viele Fahrer wollen sich nicht binden und den Peter nicht jeden morgen um acht Uhr abholen und gegen 17 Uhr wieder nach Hause fahren. Das ist unser Ansatz. Bei Flinc kann jeder spontan und flexibel entscheiden.

Flinc ist kostenlos. Wie verdienen Sie Geld?

Wir haben zwei Produkte. Angefangen haben wir mit einem Angebot für Privatnutzer. Doch schon wenige Monate nach dem Start kamen Unternehmen auf uns zu, die fragten: Könnt ihr auch etwas für unsere Mitarbeiter anbieten. Der Outdoorausrüster Vaude war einer der ersten Kunden, andere wie Procter & Gamble sind inzwischen dazu gekommen. Wir erhalten monatliche Gebühren dafür, dass wir Fahrgemeinschaften und Mitfahrgelegenheiten für Unternehmen betreuen.

Gab es beim Entwickeln dieser Lösungen nicht Ärger mit den Betriebsräten wegen des Datenschutzes? Schließlich lassen sich mit Flinc vorzüglich individuelle Profile der Nutzer erstellen.

Wir wissen, dass die Daten, die wir erheben, sensibel sind. Deshalb gehen wird sehr verantwortungsvoll damit um. Die Informationen werden nur für das Mitfahrsystem und nicht für etwas anderes genutzt. Die Pflichtangaben sind auf ein Minimum beschränkt. Und die Daten liegen in einem Rechenzentrum, das den höchsten Sicherheitsstandards entspricht. Alle Informationen werden über verschlüsselte Verbindungen versendet. Wir haben sehr restriktive Datenschutzbestimmungen.

Was bringen die Fahrgemeinschaften den Firmen?

Vaude spart zum Beispiele Kosten für Mitarbeiter-Parkplätze. Und die Firma kann damit werben, dass sie ihre Ökobilanz verbessert, weil sie den CO2 -Output reduziert. Uns helfen die Unternehmen, das Netzwerk dichter zu stricken, was extrem wichtig ist.

Wie geht es weiter?

In diesem Jahr wollen wir gezielt bestimmte Strecken entwickeln, auf denen viele Pendler unterwegs sind, beispielsweise die Strecke Frankfurt-Mannheim. Das wollen wir zum Fliegen bringen und im Idealfall einen Halbstunden- oder Stundentakt auf der Strecke anbieten.

Eine Art ÖPNV auf privater Basis?

Es geht darum, eine hohe Verlässlichkeit der Angebote zu erzeugen. Aber wir kooperieren auch mit Betreibern des öffentlichen Personennahverkehrs.

Sind das nicht Ihre Konkurrenten?

Als ich vor zwei Jahren erstmals mit ÖPNV-Betreibern sprach, wollte keiner mit uns zusammenarbeiten. Inzwischen gibt es in Deutschland viele konstruktive Gespräche. In der Schweiz arbeiten wir bereits sehr eng mit dem ÖPNV zusammen. Im ländlichen Raum kann der ÖPNV keine große Dichte erzeugen. Dort fährt der Bus drei Mal am Tag, hat 50 Sitzplätze, zwei Fahrgäste sitzen drin, das ist defizitär. Zugleich müssen die Kommunen die Mobilität der Bürger garantieren. Wir erhalten inzwischen jede Woche mehrere Anfragen von Kommunen. Flinc kann mit Privatfahrern Lücken füllen und damit eine größere Dichte an Mobilitätsangeboten erzeugen.

Das hört sich gut an. Aber müssen Sie dafür nicht sehr viele Autofahrer in den Dörfern aktivieren?

Da liegen sie richtig. Es ist eine Marathonaufgabe. Wir können im Moment noch nicht sagen, in welche Richtung es sich entwickelt. Sicher ist nur, dass es einen großen Optimierungsbedarf im Verkehrsangebot gibt. Gleichwohl, ich glaube, dass wir dieses Jahr große Fortschritte bei der Integration in den ÖPNV sehen werden. Wir bemerken, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für intelligente Lösungen im Verkehr massiv steigt. Taxis, ÖPNV, Carsharing und Flinc müssen miteinander verzahnt werden.

Aber nehmen Sie in den Städten, wo Flinc gut funktioniert, dem ÖPNV nicht die Kunden weg?

Das Gegenteil ist der Fall. Untersuchung haben gezeigt, dass etwa Kurzzeit-Carsharing in Großstädten die ÖPNV-Nutzung steigen lässt, weil es als Ergänzung dient. Das gilt im Prinzip auch für Flinc: Sie wollen in die Innenstadt, werden aber nur bis an den Stadtrand mitgenommen, also fahren Sie die restliche Strecke mit der Tram. Letztlich kann die Verzahnung dazu führen, dass Zweitwagen oder sogar der Erstwagen abgeschafft werden.

Eine schöne Vision. Aber wer jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit fährt, sieht sich umringt von Pkw, in denen nur der Fahrer sitzt. Das Auto ist für viele eine rollende Privatsphäre. Dafür nehmen die Fahrer sogar Staus in Kauf.

Ich gebe zu: Der Weg ist weit. Aber es geht insgesamt um Riesendimensionen, was die Erhöhung der Effizienz im Verkehr betrifft.

Was trauen Sie Flinc zu? Kann Flinc die Länge Pendlerstaus merklich verkürzen oder bleibt ihre Plattform ein Nischenprodukt?

Auf der Kurzstrecke sitzen derzeit im statistischen Durchschnitt 1,1 Personen in einem Auto. Wenn wir irgendwann durch die Verzahnung der Verkehrssysteme 1,2 Personen in das Auto bekommen würden, wäre das schon eine unfassbar große Menge. Potenzielle Nutzerzahlen für Flinc sind reine Spekulation. Wir definieren uns anders: Wir wollen Flinc zu einem Verkehrsmittel ausbauen. Fahr ich heute mit der Bahn, dem Bus oder mit Flinc? Da wollen wir hin.

Das Gespräch führt Frank-Thomas Wenzel.