Die Richtung ist neu. Seit Jahresbeginn haben Wirtschaftsforscher und die Bundesregierung ihre Prognosen für die ökonomische Entwicklung des Landes schon mehrfach korrigiert. Immer ging es nach unten. Zuletzt Mitte April. Da wurde das Wirtschaftswachstum für dieses Jahr auf nur noch 0,5 Prozent taxiert, während im Herbst noch mit einem Wachstum um fast zwei Prozent gerechnet wurde. „Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende“, hieß es zuvor im Frühjahrsgutachten der fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Und Berlin? Sind auch hier die fetten Jahre vorbei? Hier, wo es in den vergangenen Jahren zumindest in diesem Punkt besser lief als anderswo.

Zwei Prozent plus erwartet

Tatsächlich hat sich die hiesige Wirtschaft prächtig entwickelt. Fünf Jahre in Folge wuchs sie schneller als die bundesdeutsche insgesamt. In den vergangenen zehn Jahren entstanden fast eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Jobs. Zuletzt stiegen auch die Reallöhne, und das Umsatzsteueraufkommen der Berliner Betriebe kletterte allein seit 2011 um nahezu 70 Prozent auf 8,6 Milliarden Euro. Dennoch wird die internationale Entwicklung auch in Berlin Spuren hinterlassen. Brexit, Handelskriege, der Wandel im Automobilsektor. Die deutsche Industrieproduktion ist bereits geschrumpft. Der Maschinenbau verliert Aufträge.

So war bei der Berliner Industrie- und Handelskammer bereits zu Jahresbeginn von „Eintrübung“ die Rede. In der Senatswirtschaftsverwaltung ging man im Januar noch davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr bei 2,3 Prozent liegen werde – nach einem Wachstum um 3,1 Prozent im vergangenen Jahr. Im April wurde nur noch ein Plus von zwei Prozent erwartet. Allerdings würde die hiesige Wirtschaftskraft auch damit wiederum schneller zulegen als die bundesdeutsche. „In Berlin geht es nicht um Abschwung, sondern um schwächeres Wachstum“, sagt Claus Pretzell, Volkswirt bei der Investitionsbank Berlin.

Berlin hat einige Vorteile

In der Tat gibt es einige Vorteile. Da ist die wachsende Stadt, die Berlin eine Sonderkonjunktur beschert. Jährlich 40 000 bis 50 000 Neuberliner bedeuten schließlich auch mehr Nachfrage. Das befeuert die Bauwirtschaft wie auch den Dienstleistungssektor samt Handel, Verkehr und Finanzwirtschaft bis hin zur Wohnungsvermietung. Zudem sorgt die Digitalwirtschaft weiterhin für Schub.

IBB-Volkswirt Pretzell meint sogar, im jungen Digitalsektor erste Früchte des städtischen Strukturwandels ausmachen zu können. Nachdem die Industrie zuerst im Ostberlin der Nachwendezeit zusammengebrochen war und bald auch Westberliner Produktionsbetriebe infolge versiegter Förderströme starben, entstanden hier die ersten Internet-Start-ups und lockten mit ihrem Erfolg weitere an. „Die Berliner Branche der Informations- und Kommunikationstechnik wächst seit 2004 jährlich im Schnitt um sechs Prozent“, sagt Pretzell. Mittlerweile habe sie mit 8,7 Prozent einen ebenso großen Anteil an der Bruttowertschöpfung in der Stadt wie die hiesige Industrie.

Für Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin liegen die Gründe für Berlins Sonderentwicklung indes weniger an der Stärke bestimmter Wirtschaftsbereiche als vielmehr an der hiesigen Wirtschaftsstruktur. „Wenn die Berliner Industrie zwar exportintensiv ist, aber doch vergleichsweise schwach, dann sind auch die Rückwirkungen von Konjunkturschwankungen auf die Stadt entsprechend gering“, sagt Brenke. Zudem sei der stärkste Industriebereich Berlins, die Pharmabranche, relativ konjunkturunabhängig.

Als Vorteil will der Wirtschaftsforscher die Industriearmut Berlins dennoch nicht sehen. „Sie ist auch ein Grund dafür, dass hier weniger verdient wird“, sagt Brenke und verweist auf eine Analyse des Statistischen Landesamts vom Dienstag. Danach lag das verfügbare Einkommen je Einwohner 2017 in Berlin bei 20 330 Euro und somit um etwa 2 300 Euro unter dem Bundesdurchschnitt.