In der Geschichte von den drei kleinen Schweinchen und dem Wolf geht es um den Wert vorausschauenden Handelns. Zwei der Ferkel errichten ihre Häuser aus Stroh und Holz, billig, schnell und ohne großen Aufwand. Später wird der hungrige Wolf die Hütten mühelos umblasen. Das dritte Borstentier aber hat ein solides Steinhaus gebaut, das den Angriffen des Wolfes dauerhaft widersteht. Und was lernen wir daraus? Kluges Investieren lohnt auf lange Sicht.

Bundesregierung investiert zu wenig in die Zukunft

Bisher hat die deutsche Politik diese Lektion allerdings nicht recht verinnerlicht. Bund, Länder und Kommunen verhalten sich wie die beiden sorglosen Schweinchen. Im Vergleich zu anderen entwickelten Staaten steckt die Bundesrepublik seit vielen Jahren viel zu wenig Geld in die Zukunft, in Straßen und Schienen, Stromleitungen und Breitbandnetze, Bildung und Forschung. Im langjährigen Mittel liegt der Anteil öffentlicher Investitionen an der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung bei nur 2,2 Prozent. Demgegenüber kommen die übrigen 33 OECD-Länder im Schnitt auf eine Investitionsquote von 3,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sind hierzulande höhere Investitionen nicht nur dringend geboten, um die Substanz der Infrastruktur zu erhalten. Auch Wachstum und Beschäftigung würden dauerhaft gestärkt, und dies, ohne die Maastricht-Kriterien zu verletzen. Im Gegenteil: Würden die öffentlichen Investitionen in Deutschland das Durchschnittsniveau der übrigen OECD-Staaten erreichen, sänke die Staatsverschuldung laut Studie von derzeit rund 70 Prozent des BIP bis 2025 auf unter 50 Prozent.

Die Investitionslücke

Die Sparpolitik der vergangenen Jahrzehnte hat einen mittlerweile gigantischen Nachholbedarf an öffentlichen Investitionen verursacht. Für den Zeittraum 1999 bis 2012 ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine durchschnittliche Investitionslücke von 75 Milliarden Euro pro Jahr. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag beziffert den zwischen 2003 und 2012 entstandenen Rückstand auf 600 Milliarden.

Allein in den Kommunen war nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Urbanistik bis 2015 ein Investitionstau von 136 Milliarden Euro aufgelaufen. Seit fünf Jahren befinden sich die öffentlichen Nettoanlageinvestitionen unterhalb der Null-Linie. Das bedeutet: In die öffentliche Infrastruktur fließt weniger Geld, als zu ihrem Erhalt notwendig wäre.

„Mit Blick auf zukünftiges Wachstum und den Wohlstand kommender Generationen zehrt die Bundesrepublik mehr und mehr von ihrer Substanz“, schreiben die Studienautoren Manuela Barišić, Michael Böhmer, Markus Hoch und Fritz Putzhammer. Dabei gehe es nicht allein um den Erhalt des Bestandes.

Vielmehr seien in Bereichen wie Energieversorgung, neuer Hochtechnologien und der Flüchtlingsintegration zusätzliche Mittel erforderlich, um das öffentliche Vermögen auch für zukünftige Generationen zu sichern.

Mehr Geld für die Zukunft

Dass höhere Ausgaben heute mehr Wohlstand morgen bedeuten können, zeigt die Studie anhand  fünf unterschiedlicher Szenarien. Vereinfacht gesagt stehen sich dabei zwei Modelle gegenüber: Ein „Weiter so“ mit unveränderten öffentlichen Investitionen in Höhe von 2,2 Prozent des BIP pro Jahr; und eine auf das Niveau des OECD-Durchschnitts von 3,3 Prozent ansteigende Quote der öffentlichen Investitionen.

Dabei unterstellen die Autoren, dass die Mittel für steigende Investitionen je zur Hälfte durch Einsparungen in den öffentlichen Haushalten sowie durch Steuererhöhungen gegenfinanziert würden. Die Ergebnisse der Simulationen sind eindeutig: Bei gleichbleibender Investitionsquote wüchse die Wirtschaft bis 2025 um durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr, eine Quote von 3,3 Prozent schlüge mit einem Plus 1,6 Prozent jährlich zu Buche.

Der Unterschied scheint gering, ist aber beträchtlich. Unter dem Strich könnte die deutsche Volkswirtschaft bis Mitte des kommenden Jahrzehnts gegenüber dem „Weiter-So-Szenario“ 80 Milliarden Euro mehr erwirtschaften. Wichtiger noch: Sie wäre für die Zukunft deutlich besser. Im Vergleich zu den Szenarien mit mehr oder minder stagnierenden Investitionen wüchse das öffentliche Anlagevermögen um  420 Milliarden auf über 1,2 Billionen Euro.

Arbeitnehmer und Unternehmen

Weil steigende Investitionen im Studienmodell zur Hälfte über höhere Steuern finanziert würden, nähme die Belastung der Privathaushalte und der Unternehmen anfangs zu. Bis 2020 läge die Kaufkraft der Privathaushalte leicht unterhalb der Linie, die gleichbleibende Steuern und Investitionen abbilden.

Dann aber wendet sich das Blatt, weil sich die Wachstumsimpulse der Investitionen bemerkbar macht: Zwischen 2020 und 2025 prognostizieren die Autoren einen Anstieg des privaten Konsums um preisbereinigt 1,2 Prozent pro Jahr gegenüber knapp einem Prozent  im Stagnationsszenario. Eine ähnlich günstige Entwicklung erwarten die Autoren für  Unternehmen. Durch eine stärkere Investitionstätigkeit des Staates würden Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für Investitionen der Wirtschaft verbessert.

Die Quote der gesamtwirtschaftlichen Investitionen am BIP stiege den Berechnungen zufolge preisbereinigt um bis zu 0,3 Prozentpunkte pro Jahr. In gleichem Umfang würde die Arbeitsproduktivität im Falle steigender öffentlicher Investitionen zunehmen. Und selbst der Beitrag des Außenhandels zum Wirtschaftswachstum, der anfangs wegen steigender Importe für die Investitionsvorhaben absänke, geriete laut Studie nach 2021 wieder ins Plus.

Steuern und Staatsverschuldung

Den zahlreichen Vorteilen einer steigenden Investitionstätigkeit stehen Einsparungen an anderer Stelle und höhere Steuern gegenüber. Die Frage, wo wieviel gespart werden könnte und müsste, lassen die Autoren offen. Berechnet wurde die Steuerquote für Privathaushalte, die gegenüber dem Weiter-So-Modell um etwa einen halben Prozentpunkt höher läge und 2025 von derzeit 12,1 auf rund 12,8 Prozent anstiege.

Auch Unternehmen müssten mit einer um 0,3 Prozent erhöhten Steuerquote rechnen, die 2012 etwa 9,4 Prozent betrüge. Positiver Effekt dieser Gegenfinanzierung wäre indessen einen stark zurückgehende Staatsverschuldung. Das angenommene Wachstum vorausgesetzt, würden selbst um 50 Prozent steigende öffentliche Investitionen das Defizit von heute 70 auf unter 50 Prozent des Bundesinlandsprodukts sinken lassen.

Vor diesem Hintergrund schlagen die Autoren eine originelle Ergänzung der Schuldenbremse vor: Der Staat müsse nicht allein zum Sparen, sondern zu ausreichenden Investitionen gesetzlich verpflichtet werden. Die Begründung klingt plausibel: „Wenn künftige Generationen nicht durch übermäßige Verschuldung belastet werden dürfen, ist es nicht nachhaltig, diese Belastung auf anderem Wege, durch das Unterlassen öffentlicher Investitionen zu erhöhen.“ Und der Wolf dann alles umbläst.