Von seinen Mitstreitern wurde er „Liebling der Götter“ genannt. Historiker räumten ihm schon früh eine Sonderstellung unter den „Ikonen des Wirtschaftswunders“ ein. Und zu seinem 90. Geburtstag wurde sogar Helmut Schmidt euphorisch. In der Laudatio auf einen „großen Mann“ rief der Altkanzler: „Was für ein Leben. Und was für eine Lebensleistung.“

Berthold Beitz war eine Ausnahmeerscheinung. Er hat zahlreiche Juden vor dem Vernichtungslager gerettet, er hat die Waffenschmiede Krupp nach dem Zweiten Weltkrieg in einen führenden Stahl- und Anlagenbaukonzern umgewandelt, er hat mit seinen Geschäftskontakten zur Entspannung im Ost-West-Konflikt beigetragen, er hat sich für Sport und Kultur stark gemacht. Die Auszeichnungen, die er im Laufe seines Lebens erhielt, sind Legion.

Schon früh entwickelt sich um Berthold Beitz ein Mythos, der dem des Hauses Krupp kaum nachsteht. „Der letzte Patriarch“, wie das Manager Magazin vor einigen Jahren titelte, wurde weithin zu einer Art Superman stilisiert, sogar in Reihen der Beschäftigten. Von den Betriebsräten, zitiert die Zeitschrift den damaligen Vorsitzenden der Belegschaftsvertretung, habe „es noch nie ein kritisches Wort zu Berthold Beitz gegeben“.

Er rettete zahlreiche Juden

Kritische Distanz fehlt auch vielen Biografen. Zu den wenigen Ausnahmen, die am Denkmal des Krupp-Statthalters zu kratzen wagten, gehört das 2011 erschienene, nicht autorisierte Werk des ehemaligen Spiegel-Redakteurs Norbert Pötzl. Er hält Beitz zwar ebenfalls für eine „faszinierende, überragende Gestalt des 20. Jahrhunderts“, weist aber darauf hin, dass dieser in seinem Leben auch „Risse, Kerben und dunkle Stellen“ habe.

Geboren wird Berthold Beitz am 26. September 1913 in Zemmin, einem Ortsteil der Gemeinde Bentzin im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Nach Abitur und Banklehre heuert er 1938 bei einer Hamburger Tochtergesellschaft des britisch-niederländischen Mineralölmultis Shell an. Die Firma schickt ihn ein Jahr später, nach dem deutschen Überfall auf Polen, als Verwaltungsfachmann in die eroberten Ölgebiete Galiziens. Wegen der Arbeit in einer kriegswichtigen Branche wird der Feldwebel der Reserve vom Dienst in der Wehrmacht freigestellt.

Im Sommer 1941 kommt Berthold Beitz nach Boryslaw, als kaufmännischer Leiter der späteren Karpathen-Öl AG. In der heute zur Ukraine gehörenden Stadt erlebt er den Terror des Nazi-Regimes – und er handelt. Mit Hilfe seiner Frau Else gelingt es ihm, zahlreiche Juden vor den Todeskommandos zu retten, indem er reklamiert, dass sie für den Ölbetrieb unersetzlich seien. Die aufsehenerregendste Rettungsaktion findet im August 1942 statt. Aus einem für den Abtransport ins Vernichtungslager bereitstehenden Zug zieht Beitz nicht nur Angestellte heraus, sondern auch Menschen, die mit der Firma nichts zu tun haben. Er habe „gar nicht viel nachgedacht“, erzählte Beitz vor einigen Jahren. „Ich musste es einfach tun“. Das bringt ihn fast selbst ins Lager. Nur mit viel Glück entkommt er Ende 1942 nach einer Denunziation den Fängen der Gestapo.

Über die mutige Rettungsaktion redet Bertold Beitz lange nicht. Sie wird erst bekannt, als er 1973 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem erhält. Er habe bis dahin keinen Grund gesehen, über die Zeit in Polen zu reden, erklärt der Manager sein langes Schweigen. „Manche wollten aus mir einen Helden machen. Aber das war ich nicht.“ Auch ein Widerständler sei er nicht gewesen. „Ich war gänzlich unpolitisch.“

Dafür verfügt Berthold Beitz über Organisationstalent, Charme und ein lässiges Auftreten. Nach dem Krieg, den er zuletzt noch als Soldat erlebt, macht er denn auch schnell Karriere. Trotz fehlender Fachkenntnisse erhält Beitz von der britischen Zonenverwaltung einen hohen Posten beim Versicherungsaufsichtsamt in Hamburg, bevor er 1949 zum Generaldirektor einer Versicherung wird. Bald zählt der sportbegeisterte, gut aussehende Beitz, der durchaus als Sonnyboy und Womanizer gilt, zur High Society in der Hansestadt. Mit seinen Kontakten ist der Aufsteiger allerdings nicht immer wählerisch. Am erstaunlichsten sei für ihn die Erkenntnis gewesen, sagt der Biograph Pötzl, „dass der Judenretter Beitz, der mit menschlichem Mut dem Holocaust ein Stück Widerstand entgegengesetzt hatte, dass derselbe Beitz sich nach dem Krieg in der Gesellschaft alter Nazis so wohl gefühlt hat“.

Unter den Männern mit brauner Vergangenheit ist auch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, seit 1943 alleiniger Eigentümer des Rüstungsriesen. 1948 verurteilt ihn ein US-Militärgericht wegen Einsatzes von Sklavenarbeitern und Plünderung ausländischer Wirtschaftsgüter zu zwölf Jahren Haft. Drei Jahre später wird er begnadigt und erhält das Familienvermögen zurück – unter der Bedingung, wichtige Teile des Konzerns zu verkaufen. Dies will Alfried Krupp mit allen Mittel verhindern. Und da sich der scheue Industrielle dazu offenbar nicht selbst in der Lage sieht, holt er den Charmeur Berthold Beitz Ende 1953 als Generalbevollmächtigten nach Essen.

Unter der Ägide des von den „Ruhr-Baronen“ argwöhnisch beäugten alerten Außenseiters steigt die Firma bald wieder zu einem der größten Industrieunternehmen des Landes auf. Beitz ignoriert schlicht die Auflagen der Alliierten, die später endgültig in der Schublade verschwinden. Zum Flaggschiff des Konzerns wird der Anlagenbau. Beitz handelt nach einer simplen Devise: „Alle Arbeiten und Aufträge hereinholen, wie sie sich uns bieten.“ Doch der ungezügelte und unkontrollierte Expansionskurs überfordert den Krupp-Konzern. 1967 ist das Unternehmen mit seinen mehr als 100 000 Beschäftigten hoch verschuldet und kann nur durch staatliche Millionenbürgschaften vor dem Ruin gerettet werden.

„Manager-Mythos – jäh entzaubert“, schreibt Die Zeit und sieht die Karriere des „Jung-Siegfrieds des deutschen Wirtschaftswunders“ in einer ernsten Krise. Die Gründe dafür liefert die Zeitung gleich mit: Beitz habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm Schreibtischarbeit zuwider sei. Seine Kontrollfunktion nehme er mit der linken Hand wahr. „Die Jets der konzerneigenen Luftflotte, die glanzvollen gesellschaftlichen Kontakte – das ist seine Welt, die vier Wände seines Büros sind es nicht.“

Tatsächlich ist Beitz bereits in den 50er-Jahren häufig im Ostblock unterwegs, um Geschäfte für Krupp einzufädeln. Die Treffen des „Hobbydiplomaten“ mit führenden Politikern in Moskau oder Warschau sind den Kalten Kriegern im Westen suspekt. 1958 soll Bundeskanzler Konrad Adenauer Zweifel an der „nationalen Zuverlässigkeit“ von Berthold Beitz geäußert haben. Helmut Schmidt wird ihn dagegen später als „Vorreiter der Verständigung mit Polen und mit Russland“ und damit als Wegbereiter der neuen Ostpolitik nach 1969 preisen.

Mit Bravour meistert Berthold Beitz auch daheim in Essen eine heikle diplomatische Mission: 1966 gelingt es ihm, Alfried Krupps einzigen Sohn Arndt davon zu überzeugen, gegen eine jährliche Apanage von zwei Millionen Mark auf sein Erbe zu verzichten. Das Firmenvermögen geht auf eine Stiftung über, deren Zweck es ist, „die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren“. Beitz wird von Alfried zum Testamentsvollstrecker ernannt und übernimmt nach dessen Tod im Sommer 1967 als „letzter Krupp“ die Leitung der Stiftung.

Das Sagen in dem angeschlagenen Unternehmen haben inzwischen andere. Die staatliche Rettungsaktion ist mit der Auflage verbunden, den Konzern in eine Kapitalgesellschaft umzuwandeln. Der Deutsch-Banker Hermann Josef Abs übernimmt im April 1967 den Vorsitz im Aufsichtsrat der neuen GmbH. Doch Beitz gibt sich nicht geschlagen. Mit Hilfe der Gewerkschaften zwingt er Abs Anfang 1970 Abs zum Rücktritt und übernimmt den Vorsitz des Kontrollgremiums.

Kühner Coup

Ruhe kehrt damit nicht ein. In der Rezession nach der ersten Ölpreis-Explosion 1973 gerät der Krupp-Konzern erneut ins Schlingern. Die Kapitalnot kann der Patriarch mit einem aufsehenerregenden Coup lindern. Im Herbst 1976 steigt Iran unter dem Regime des Schahs mit 25 Prozent bei der Konzern-Holding ein und zahlt dafür den horrenden Preis von schätzungsweise 1,3 Milliarden Mark. Doch die wirtschaftliche Situation bleibt angespannt. Als Krupp 1987 gegen heftige Proteste das verlustreiche Stahlwerk Duisburg-Rheinhausen schließt, gilt dies als Fanal für das Ruhrgebiet. Während fünf Jahre später die Übernahme des Dortmunder Konkurrenten Hoesch glückt, verhindert 1997 die Fusion mit dem deutlich größeren Thyssen-Konzern eine weitere Krise.

Nach dem endgültigen Ausstieg Irans Anfang 2005 ist die Krupp-Stiftung unter Berthold Beitz mit einer Sperrminorität von gut 25 Prozent größter Einzelaktionär der ThyssenKrupp AG. Und hat an ihrem Besitz zuletzt wenig Freude. Der Konzern, der 2008 rund 200 000 Beschäftigte zählt, rutscht tief in die roten Zahlen. Die hohen Verlust sind nicht nur Folge der Wirtschaftskrise. Als Milliardengrab erweist sich auch der Bau eines Stahlwerk in Brasilien. Die Schuld daran geben viele dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme. Doch Berthold Beitz hält an seinem Ziehsohn fest.

Bis zum Frühjahr dieses Jahres. Da zeigt Beitz noch einmal, dass er trotz seiner 99 Jahre die Fäden in der Hand hält. Ohne Vorwarnung wird Cromme entlassen und der Manager Ulrich Lehner als Nachfolger ausgerufen. Dass er die Situation in seinem Konzern immer noch aufmerksam verfolgt, wurde schon beim Festakt zum 200-jährigen Bestehn von Krupp im November 2011 klar, als der Patriarch nach längerer Abstinenz wieder in der Öffentlichkeit auftauchte. „Es wäre Schönfärberei, hier nur Erfolgsgeschichten zu erzählen“, sagt er. Auch sei man dem Anspruch eines „moralischen Kapitalismus“ nicht immer gerecht geworden.

Das von Beitz beschworene enge Band zwischen Eigentümern und Beschäftigten gehört ohnehin zum Mythos. „Hinter und über allem habe das Wohl der Firma gestanden“, meint Heinrich Theodor Grütter, der Leiter des Ruhrmuseums in Essen. Sozialleistungen habe es im patriarchalischem System Krupp „nur gegen absolute Betriebstreue und politische Enthaltsamkeit“ gegeben. Auch der von Belegschaftsvertretern und Gewerkschaftern hoch geschätzte Beitz entscheidet letztendlich wie jeder Manager im Sinne des Kapitals und gegen die Moral. Aber er tut es mit Charme.