Im Jahr 2018 verließen 700.000 Weihnachtssterne die Manufaktur in Herrnhut. 
Foto: imago/Busse 

HerrnhutZwanzig Minuten veranschlagt Oskar Scholz, der Chef der Herrnhuter Manufaktur, für den Zusammenbau der berühmten Sterne aus Sachsen. Das ist sportlich, auch wenn sich die Zeitangabe auf die Bastelei mit vorgefertigten Teilen bezieht. Wird der Stern allerdings komplett in Handarbeit gefertigt, braucht sogar eine versierte Herrnhuterin etwa eine Stunde.

Dafür werden die ausgestanzten Papierdreiecke mit dem Messer gefalzt, mit einem feinen Pinsel werden die Zackenränder und Papprähmchen mit Leim eingestrichen und mit einer Pinzette verklebt. Allein eine halbe Stunde braucht man wenigstens, um die Zacken behutsam zusammenzufügen – zu zweit, und einer sollte zarte und geschickte Hände haben.

Scholze stellt die Kunststoffbrüder dieses Papiersterns im Minutentakt her. Zack-zack. In der Werkstatt der Herrnhuter Manufaktur klebt sie die 13-Zentimeter-Sterne aus maschinell vorgefertigten Teilen zusammen. Gerade ist sie mit der diesjährigen Sonderedition beschäftigt: Sie hat die Farbe von Limonen. Etwas kühl sehen die Sterne aus, nicht ganz gelb und auch nicht grün, aber leuchtend, auch ohne dass ein Lämpchen angeknipst wird.

Weihnachtsstern Ende des 19 Jhd. entwickelt 

Richtig stylish wirken die kleinen Kunstwerke, wenn sie im Kristallglaswürfel präsentiert werden.  Über die moderne Anmutung vergisst man beinahe, dass die Herrnhuter Sterne eine lange Geschichte haben. Diese beginnt vor 300 Jahren mit einem Glaubenskrieg.

Als verfolgte Anhänger des Reformators Jan Hus finden Flüchtlinge aus Mähren 1722 Zuflucht auf dem Oberlausitzer Gut Berthelsdorf, wo ihnen Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf Asyl gewährt. Außerhalb des Dorfes gründen die Mitglieder der Brüder-Unität eine Kolonie, die sie entsprechend ihrer Religiosität unter die „Obhut des Herrn Jesus“ stellen und Herrnhut nennen, wie es in der ersten urkundlichen Erwähnung des Orts heißt.

In einer Ausstellung der Herrnhuter Schauwerkstatt wird gezeigt, wie sich die Brüdergemeine (die alte Schreibweise ohne d blieb erhalten) entwickelt und dass die Mitglieder weltweit als Missionare arbeiten. Deren Kinder werden in Herrnhut und anderen Orten in der Region unterrichtet und leben in Internaten. In jene Zeit fällt die Geburt des Herrnhuter Sterns, der von einem Erzieher für den Mathematikunterricht gebaut wird: Die Kinder basteln in der Vorweihnachtszeit nach diesem Vorbild Sterne aus Papier.

Die Weihnachtssterne waren in der DDR ein Exportschlager. 
Foto: Berliner Zeitung/Ina Pachmann 

Doch erst der Geschäftsmann Pieter Hendrik Verbeek erfindet Ende des 19. Jahrhunderts den ersten stabilen, zusammenlegbaren Stern. Er hat einen durchlöcherten Metallkörper mit Schienen als Kern, auf die die mit Metallrähmchen versehenen Papierzacken geschoben werden. Verbeek entwickelt die Bauweise weiter und meldet 1925 den ersten körperlosen Stern zum Patent an.

Jede Zacker des Weihnachtsstern wird 160 Mal angefasst 

Dieser hat 25 Zacken, 17 viereckige und acht dreieckige, die dreieckigen sind kürzer als die viereckigen. Rote und weiße Zacken haben die ersten Herrnhuter Sterne – weiß für die Reinheit und rot für das Blut Jesu Christi. 2500 Papier- oder Kunststoffkegel formt und verklebt jede Spitzeldreherin – so heißen in Herrnhut die Zackenherstellerinnen – am Tag. In langen Stangen liegen die Strahlen, jede am Fuß mit einem Rähmchen versehen, in Wandregalen: in Rot und Weiß, rot-gelb geflammt, in Gelb und Orange, in Weiß, Grün und Blau, kürzere, lange und auch sehr lange.

160 Mal wurde jede Zacke angefasst, bevor sie zusammen mit den Klammern und dem Steg zum Aufhängen im Verkaufskarton liegt. Und viele Berührungen kommen hinzu, wenn die Zacken der Tradition folgend am ersten Adventswochenende in der Familie zusammengebaut werden. 700.000 Sterne verließen im vergangenen Jahr die Manufaktur – in mehr als 60 Varianten. Nur ein Bruchteil dieser Menge wurde zu DDR-Zeiten produziert.

90 Prozent davon gingen für Devisen ins Ausland, im eigenen Land hingen die Sterne am ehesten in den Kirchen. Vielleicht ist deshalb ein wahrer Hype um den Stern, der als der Advents- und Weihnachtsstern schlechthin gilt, entstanden. Auch heute wird er in 50 Länder exportiert, aber 90 Prozent bleiben in Deutschland.  Und so gehört der Herrnhuter Stern hierzulande inzwischen fast zur weihnachtlichen Grundausstattung.

Die meisten Weihnachtssterne funkeln in Herrnhut 

Besonders große Sterne leuchten im Bundeskanzleramt in Berlin, in der Dresdner Frauenkirche und dekorieren den Londoner Hyde Park in der Weihnachtszeit. Wurden früher große Exemplare aus Tierhäuten gemacht, sind heute alle Sterne über 80 Zentimeter Durchmesser aus Kunststoff. In die Kategorie Sonderanfertigung gehören Sterne mit einem Durchmesser über 130 Zentimeter. Wie einst bei Verbeek bekommen solche Übergrößen ein Metallgerüst als Herz, auf das die Zacken aufgeschraubt werden.

Sicher ist sicher. Die wohl meisten Sterne funkeln zur Weihnachtszeit in Herrnhut. Vor der Manufaktur, in deren Schauwerkstatt das ganze Jahr über der Sternenhimmel strahlt, wird eine große Tanne geschmückt, und auch in den Laubbäumen auf dem Vorplatz leuchten Sterne. Den Zinzendorf-Platz tauchen die Sterne in ein besonderes Licht, die barocken Häuser im Herzen der Stadt und den Altan auf dem Hutberg.  

Von dem hölzernen Aussichtsturm geht der Blick über das Oberlausitzer Bergland und über den Gottesacker. 6000 Angehörige der Brüdergemeine haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die liegenden Grabplatten symbolisieren die Gleichheit und mahnen, dass sich niemand über den anderen erhebe. Der vielleicht schönste Stern aber kündet in der Kirche der Herrnhuter Brüder-Unität jedes Jahr von der Geburt Christi. Er ist hellgelb und hat 110 Zacken. Von wegen ein echter Herrnhuter hat nur 25 Zacken.