Im Oktober ist es wieder soweit: Beim Projekt Schichtwechsel tauschen Arbeitnehmer aus Berliner Unternehmen ihren Arbeitsplatz für einen Tag mit Beschäftigten aus Behindertenwerkstätten. Schon im September vergibt der Bezirk Reinickendorf den Ausbildungsbuddy an Unternehmen, die Behinderten beim Berufsstart helfen.

Im Dezember folgt die Verleihung des Berliner Integrationspreises. Bei so vielen Veranstaltungen muss die Integration von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt eine Erfolgsgeschichte sein. Doch: „Die Preise werden in der klassischen Bubble vergeben“, sagt Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbands, „die haben keine Signalwirkung in die großen Betriebe.“

Im Juli 2018 betrug die Quote aller in Berlin Arbeitslosen und -suchenden mit Schwerbehinderung 4,5 Prozent, auch in absoluten Zahlen sank die Zahl der Arbeitssuchenden. Im April 2011 lag die Quote noch bei 4,9 Prozent. 5,2 Prozent waren es im April 2016.

„Am schlimmsten ist die Bürokratie“

Die Integration in die Betriebe unterstützen die Arbeitsagenturen mit finanziellen Zuschüssen, auch die behindertengerechte Ausstattung des Arbeitsplatzes. Es gibt Schnupperwochen, um Vorbehalte abzubauen, und während einer Probebeschäftigung zahlt das Jobcenter drei Monate das volle Gehalt und übernimmt die Versicherungsbeiträge. Außerdem gibt es Eingliederungs- und Ausbildungszuschüsse.

Trotz dieser guten Voraussetzungen und des anhaltenden Fachkräftemangels hakt es bei der Umsetzung. „Am schlimmsten ist die Bürokratie“, sagt Peter. Auf Bescheide vom Landesamt für Gesundheit und Soziales, wo der Integrationsfachdienst angesiedelt ist, müssten Arbeitgeber oft monatelang warten. „Wenn Sie als Unternehmer Zuschüsse für einen behindertengerechten Arbeitsplatz beantragen, wollen Sie wissen, mit welchen Mitteln Sie rechnen können“, so Peter. Wolle der Arbeitgeber den Bewerber zeitnah einstellen, müsse häufig er in Vorleistung treten, ohne zu wissen, wie hoch die Zuschüsse später seien. „Ich kann verstehen, dass die Betriebe darauf keine Lust haben“, sagt Peter.

Potenzial nicht ausgeschöpft

Im Sozialgesetzbuch ist geregelt, dass Betriebe ab 20 Mitarbeitern eine Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderung haben, die Mindestquote beträgt fünf Prozent. Aus 2016 resultieren die aktuellsten Jahreszahlen, damals lag das Soll bei rund 56.000 Stellen, besetzt wurden sogar 61.300. Knapp 13.300 der sogenannten Pflichtplätze blieben dennoch unbesetzt: Während einige Arbeitgeber die Quote übererfüllten, ließen andere die Soll-Stellen unbesetzt. Diese Arbeitgeber – private wie öffentliche – müssen eine monatliche Ausgleichsabgabe zahlen. Diese liegt bei 125 bis 320 Euro, je nach Größe des Betriebes und seiner Beschäftigungsquote.

„Das Potenzial in den Betrieben wird längst nicht ausgeschöpft“, sagt Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Sie sieht „strukturelle und mentale Barrieren“, verweist etwa auf die 2016 geänderte Bauordnung, wonach nur öffentlich zugängliche Gebäudeteile barrierefrei sein müssen.

Von inklusivem Arbeitsmarkt weit entfernt

In der Arbeitsvermittlung müsse bereits früh mehr auf die Ressourcen der Bewerber als auf deren Defizite geachtet werden, sagt Braunert-Rümenapf: „Jugendliche mit einem Berufswunsch dürfen bei der Berufsorientierung nicht ausgebremst werden, weil man sie vor Enttäuschungen schützen will.“ Zwar hätten sich die Unternehmen dem Thema in den vergangenen Jahren geöffnet, „von einem inklusiven Arbeitsmarkt sind wir trotzdem noch sehr weit entfernt“.

Dominik Peter meint, Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) ziehe sich „zu stark aus der Verantwortung“. Er wünsche sich ein „Rumtingeln“ der Senatorin durch große Unternehmen, mittelständische Betriebe und die Start-up-Szene. „Man muss ihnen aktiv aufzeigen, dass sie keine Nachteile haben, wenn man einen Menschen mit Behinderung beschäftigt“, sagt Peter, „auch keine finanziellen.“