„Besondere Dreckschleuder“: Was über die neuen LNG-Terminals verschwiegen wird

Flüssig-Erdgas oder LNG ist noch umweltschädlicher als das Pipeline-Erdgas. Und wie ist es um die Import-Terminals bestellt, die massenhaft in Deutschland entstehen?

Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, Bundesfinanzminister Christian Lindner, sowie Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies eröffnen am 17. Dezember 2022 das erste deutsche schwimmende LNG-Terminal in Wilhelmshaven, Niedersachsen.
Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, Bundesfinanzminister Christian Lindner, sowie Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies eröffnen am 17. Dezember 2022 das erste deutsche schwimmende LNG-Terminal in Wilhelmshaven, Niedersachsen.imago

Deutschland hat es geschafft. Nach nur wenigen Baumonaten können zwei schwimmende LNG-Import-Terminals – eins im niedersächsischen Wilhelmshaven an der Nordsee und eins in Lubmin in Pommern an der Ostsee – Flüssig-Erdgas aus aller Welt nach Deutschland importieren. Neun weitere Terminals sollen bis 2026 folgen und ausgefallene russische Gaslieferungen komplett ersetzen. Doch zu welchem Preis? Umweltschützer befürchten, dass das ein Experiment auf dem Rücken der Umwelt ist.

LNG-Terminal: Gibt das Schiff in Wilhelmshaven zu viel Chlor ins Meer ab?

Das LNG-Terminal in Wilhelmshaven, das erst im Dezember in Betrieb ging, gilt schon seit Monaten als umstritten. Die Deutsche Umwelthilfe hat inzwischen Widerspruch gegen die Betriebsgenehmigung des Terminals eingelegt. Der Verein fordert, den bis 2043 festgelegten Betrieb des Terminals auf maximal zehn Jahre zu reduzieren und das Einleiten von Abwasser ins Meer zu stoppen. Grund sind mögliche Schäden für den Naturpark Wattenmeer. Denn das Abwasser enthält Chlor als Biozid, mit dem das Regasifizierungsschiff „Höegh Esperanza“, das Flüssig-Erdgas in „normales“ Erdgas verwandelt, seine Anlagen reinigt. Der Betreiber Uniper hat vom niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eine wasserrechtliche Erlaubnis für die Einleitung von bis zu 35,6 Tonnen Chlor im Jahr erhalten.

Auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) prüft gerade die Erstellung einer Strafanzeige wegen der Verunreinigung des Meeres. Die erste Vorsitzende des Nabu in Wilhelmshaven, Stefanie Eilers, geht in einem Telefongespräch mit der Berliner Zeitung gleich in die Offensive. „Dieses Schiff ist eine besondere Dreckschleuder“, sagt Eilers und verweist darauf, dass die „Höegh Esperanza“ 2019 von australischen Behörden in einem ähnlichen Revier abgelehnt wurde. Der für die Einleitung geplante Grenzwert von 0,1 Milligramm Chlor pro Liter (mg/l) wurde als zu hoch eingestuft. Auf dem Schiff in Wilhelmshaven werden laut Antragsunterlagen von Uniper sogar bis zu 0,2 mg/l für die Reinigung der Rohre verwendet, also das Doppelte, kritisiert Eilers.

LNG-Terminals: Chlor zerfällt auf dem Weg durch das Schiff

530.000 Kubikmeter chlorhaltiges Abwasser täglich – fast 2,7 Millionen Badewannen, laut Eilers – wirkt sehr viel. Doch sind 0,2 mg/l so gefährlich für das Meer? Aus dem Chemieunterricht wissen wir, dass der Grenzwert beim Chlor für Trinkwasser sogar bei 0,3 mg/l liegt. Für Abwasser liegt der Grenzwert genau bei 0,2 mg/l.

Das Spezialschiff „Höegh Esperanza“ dient in Wilhelmshaven als schwimmende Plattform, um Flüssig-Erdgas (LNG) anzulanden und zu regasifizieren.
Das Spezialschiff „Höegh Esperanza“ dient in Wilhelmshaven als schwimmende Plattform, um Flüssig-Erdgas (LNG) anzulanden und zu regasifizieren.Sina Schuldt/dpa

Uniper reagiert deswegen gelassen auf die Vorwürfe. Da das Wasser im Jadebusen einen hohen Salzgehalt habe, müsse man bei Regasifizierungsschiffen Biozide einsetzen, erklärt die Uniper-Sprecherin Julia Grebe. So könnte organischer Bewuchs des verzweigten Seewassersystems auf dem Schiff verhindert werden.

„Es wird Chlor, aber keinesfalls Chrom eingeleitet“

Für dieses Ziel werde Chlor eingesetzt, welches durch die Elektrochlorierung, also durch Elektrolyse aus dem Seewasser erzeugt werde, so die Konzernsprecherin. Auf dem Weg durch das Schiff verringere sich aber dessen Konzentration im Seewasser durch Zerfall sowie durch Reaktion mit Mikroorganismen, Algen und anderen oxidierbaren Substanzen.

Die niedersächsische Behörde NLWKN, die die entsprechende wasserrechtliche Erlaubnis erteilte, verweist auf der Webseite auf das unabhängige Gutachten zur „Höegh Esperanza“. Von den 0,2 mg/l seien direkt am Auslass schon nur noch 0,03 mg/l beobachtet worden, in unmittelbarer Nähe des Schiffes sinke der Gehalt dann bereits auf 0,01 mg/l. „Es wird Chlor, aber keinesfalls Chrom eingeleitet“, versichert der NLWKN-Sprecher Matthias Eichler gegenüber der Berliner Zeitung. Die Chromverbindungen werden als besonders wassergefährdend eingestuft.

Sind die Spaltprodukte aus Chlor zum Teil doch „hochgiftig“?

Doch geht es nur um das Chlor? Stefanie Eilers vom Nabu hält nicht viel von der Behauptung des niedersächsischen Umweltministers Christian Meyer (Grüne), in Wilhelmshaven würden alle Grenzwerte eingehalten. Eilers beruft sich auf die Meereschemiker aus dem regionalen Netzwerk Energiedrehscheibe. Die rund zwei Dutzend Spaltprodukte aus Chlor, einige davon „hochgiftig“, seien im Fall der „Höegh Esperanza“ vom Netzwerk Energiedrehscheibe nachgewiesen worden, sagt sie. Deswegen hält der Nabu an seiner Forderung fest, die Reinigung des Schiffes auf Ultraschall oder eine mechanische Methode umzustellen und die Einleitung von Chlor mit seinen Spaltprodukten in die Jade zu stoppen.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat Bedenken in Bezug auf die Spaltprodukte, die bei der elektrochemischen Chlorierung des Seewassers entstehen, vor allem Bromoform, 2,4,6-Tribromphenol, Dichlormethan, Trichlormethan und Dibromacetonitril. „Besonders bedenklich ist aus unserer Sicht die Einleitung von Bromoform und 2,4,6-Tribromphenol“, sagt die Landesvorsitzende Niedersachsen, Susanne Gerstner, der Berliner Zeitung. Für Bromoform werden in Wilhelmshaven die Konzentrationen, bei welchen keine schädlichen Auswirkungen auf Wasserorganismen zu erwarten sind, nach BUND-Berechnungen um das bis zu 500-Fache überschritten. 2,4,6-Tribromphenol habe seinerseits schon bei geringen Konzentrationen nachweisliche Gesundheitsauswirkungen auf Fische, kritisiert der BUND.

„Cocktaileffekte“ durch verschiedene Chemikalien

Hinzu kämen sogenannte „Cocktaileffekte“ durch verschiedene Chemikalien. „Die Jade ist bereits derzeit aufgrund der Überschreitung der Umweltqualitätsnorm für polybromierte Diphenylether in einem schlechten chemischen Zustand“, bemängelt Susanne Gerstner und verweist auf ältere Studien, die zeigen, wie Mixturen von Chemikalien ihre schädlichen Effekte potenzieren und gemeinsam im Wasser noch toxischer wirken könnten. „Die Einleitung zusätzlicher Schadstoffe kann das Ökosystem unter nicht aushaltbaren Stress setzen.“ Diese Effekte seien weder im Antrag von Uniper noch in der Genehmigung des NLWKN berücksichtigt worden, kritisiert die promovierte Landschaftsökologin.

Dr. Matthias Brenner, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut, findet es ebenfalls ärgerlich, dass trotz all der neuen Technologien die neuen LNG-Terminals 2023 immer noch Prozessabwässer ins Meer ableiten. Selbst wenn viele glauben, nur sehr wenige zulässige Chemikalien einzuleiten, könne es früher oder später für das Gesamtsystem doch zu viel sein, kritisiert der Experte. Niemand habe am Ende des Tages den Überblick, was eigentlich tatsächlich in der Summe eingeleitet wird. „Man muss 2023 keine Systeme mehr neu etablieren, die von vornherein einen Teil der Prozesse über die Umwelt entsorgen“, meint Brenner.

„Es muss alles auf den Tisch kommen, denn es geht hier um unser Meer“

Für die berüchtigten Systeme gibt es auch einen Namen: Open Loop, oder offener Kreislauf. Das Terminalsschiff in Wilhelmshaven wird auch deswegen so heftig kritisiert, weil es im Open-Loop-System Seewasser als Energiequelle nutzt und kälter wieder an die Nordsee abgibt. Das zweite LNG-Terminal in Lubmin, „Deutsche Ostsee“, arbeitet nach Angaben des Betreibers „Deutsche ReGas“ dagegen im Closed-Loop-System, also im geschlossenen Kreislauf, und verbrennt als Energiequelle einen Teil des LNG. Es verwendet dabei offenbar nur sehr kleine Wassermengen, die ohne Chlor in die Ostsee zurückfließen. Kritik an diesen Prozessen gibt es deswegen nur begrenzt. Vielmehr hatte der BUND zuvor die Wahl von Lubmin als Standort kritisiert, da es sich dort um flache, sensible Bodengewässer handele.

Das Regasifizierungsschiff „Neptune“ im Industriehafen von Lubmin.
Das Regasifizierungsschiff „Neptune“ im Industriehafen von Lubmin.Deutsche ReGas / Sebastian Frauenlob

Ein LNG-Terminal kann Lubmin vielleicht noch gut verkraften, doch dabei wird es nicht bleiben, denn RWE und Stena-Power wollen in der Nähe ein weiteres LNG-Terminal eröffnen. Insgesamt soll Deutschland in den nächsten Jahren elf Terminals bekommen. Ob die Summierung von Schadstoffen am Ende für die beiden Meere zu viel wäre?

Die BUND-Vertreterin Susanne Gerstner sieht in den kommenden LNG-Terminals noch keine relevante Gefahr. Nach derzeitigem Wissenstand arbeite allein das LNG-Terminal in Wilhelmshaven mit Biozideinleitungen, sagt sie. Dies sei einer der wesentlichen Kritikpunkte des BUND, weil der Markt schon viele Terminalsschiffe anbiete, die mit deutlich weniger umweltschädlichen Verfahren arbeiten würden. Gerstner schließt aber nicht aus, dass die Schadstoffe durch andere Terminals und Einleiter in der Summe noch mehr Schaden anrichten könnten.

Stefanie Eilers vom Nabu sieht die Lage kritischer. Die Überkapazitäten an LNG-Terminals seien „eine bodenlose Frechheit“ angesichts des Klimawandels, findet sie. Es werden zudem bei folgenden Terminals zwar „andere Reinigungsverfahren“ angegeben, aber welche genau, werde verschwiegen. „Es muss alles auf den Tisch kommen, denn es geht hier um unser Meer“, fordert Eilers. Sonst verstoße man gegen die europäische Wasserrahmenrichtlinie, die vorschreibe, eine Verschlimmerung auszuschließen und an einer Verbesserung zu arbeiten. Um diese und andere mögliche Schäden abzuwenden, solle die Bundesregierung laut Eilers lieber die Überbürokratisierung beim Ausbau der erneuerbaren Energien beenden, statt den Bau der zahlreichen LNG-Terminals binnen kürzester Zeit und ohne ordentliche Umweltverträglichkeitsprüfung zu forcieren.

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