Berlin ist die grünste Metropole Europas. Fast 900 Quadratkilometer groß und über 40 Prozent sind Grünflächen, Brachflächen, Ackerflächen, Waldflächen, Wasserflächen, Sumpfflächen...“ Derk Ehlert, Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und seit 20 Jahren Berlins Wildtierreferent, lässt seinen Blick versonnen über die riesige Berlinkarte an der Bürowand schweifen.

Es fasziniert ihn immer noch: Dass die Stadt sternförmig gewachsen ist und die Bahngleise, Kanäle und Autobahnen Frischluftachsen freilassen, die nicht nur den Menschen Erholung und – in den Kleingärten – Nahrung bieten, sondern auch Lebensraum für rund 20.000 Tier- und Pflanzenarten sind.

„Natürlich kann ich nicht pauschal sagen, dass es allen Tieren und Pflanzen in der Stadt gut geht. Aber im Gegensatz zum Land, wo die industrialisierte Landwirtschaft unter Einsatz von Herbiziden auf Monokulturen setzt, bietet Berlin den Arten viele verschiedene Biotope.“

Wo die Feldlerche brütet

Die Feldlerche etwa, bedroht und daher zum Vogel des Jahres 2019 erkoren, brütet erfolgreich auf dem Tempelhofer Feld, wo die Halme weit genug für ihre Nester auseinanderstehen und sie reichlich Insekten findet, weil nicht gedüngt wird. Aber auch jeder private Garten, Dachgarten oder auch nur bepflanzte Balkon trägt sein Scherflein zur urbanen Bio-Diversität bei.

Kann man also sagen: 3,7 oder auch irgendwann vier Millionen Bürger und Bürgerinnen, die sich um ihre Stadt kümmern, sind für die Tiere und Pflanzen besser als dünn besiedelte Agrarlandschaften? „Nicht generell“, schränkt Ehlert, der studierte Landschaftsplaner, ein.

„Für die Feldlerche und das Tempelhofer Feld stimmt es. Für den Mauersegler stimmt es nicht. Ursprünglich ein Vogel, der im Wald brütete, bevorzugt er nunmehr seit 100 Jahren den Stadtraum, um seine Jungvögel großzuziehen. Seine lauten Sri-Sri-Rufe, wenn er zu zwanzigst durch die Häuserschluchten zieht, sind für mich der Inbegriff von Sommer in der Stadt! Aber seit wir baulich nachverdichten, finden diese Vögel keinen Platz mehr, schon gar nicht in der heutigen Glas- und Stahlarchitektur.“

Dennoch sei Bautätigkeit nicht prinzipiell ein Todesurteil für Tiere. Nischen entstünden überall. Und Berlin sei keine Arche Noah. „Die anpassungsfähigen Tiere kommen in die Stadt. Die anderen bleiben draußen und sterben gegebenenfalls aus.“ 

Wildnis ist, wo es Nahrung gibt

Zu den anpassungsfähigen gehören in jedem Fall die Füchse, die Berlin seit langem besiedeln und hier deutlich kleinere Reviere brauchen als im Wald, weil die nächste Mülltonne immer direkt um die Ecke steht. Ihre Rückzugsorte finden sie in den hundefreien Zonen der Stadt: in Kitas, auf Friedhöfen oder Mittelstreifen.

Wildnis ist, wo es Nahrung gibt und kein Feind dich findet. Und der Mensch hat sich an den Anblick gewöhnt, selbst auf dem Alexanderplatz sorgt ein Fuchs nicht mehr für Aufsehen. Dass die Wildschweine gerade in trockenen Jahren in die gut gewässerten Gärten kommen, ist ärgerlich, aber kein echtes Problem.

Ein Remigrant, der mit dem Fall des Eisernen Vorhangs in Deutschland wieder heimisch wurde – fast etwas zu heimisch, wie manche finden –, ist der Wolf. Könnte er nach Berlin kommen und sich auch etwa in den Müggelbergen wohlfühlen? Ehlert schüttelt den Kopf. „Zwar haben wir rund um Berlin mehrere Rudel, und immer wieder werden innerhalb des Berliner Rings überfahrene Tiere gefunden. Aber Wölfe haben einen riesigen Lebensraum von vielleicht hundert Quadratkilometern. Denen ist die Stadt zu klein.“

Guter Elch, böser Wolf

Und Elche, von denen sich immer häufiger einer aus Polen Richtung Westen begibt, hätten im Stadtgebiet überhaupt nur im Gehege eine Überlebenschance. Zu groß und zu langsam, seien sie dem Verkehr hoffnungslos ausgeliefert, und sowieso könnten sie dem Menschen anders als der scheue Wolf auch wirklich gefährlich werden, da sie bei Begegnungen nicht fliehen, sondern durchaus angreifen können. Trotzdem käme niemand auf die Idee, den Elch deswegen auszurotten.

„Es ist typisch Mensch, dass wir diesen großen Ohren, diesem langen Gesicht mit den langen Lippen nicht böse sein können. Den Wolf aber verdammen wir, ohne ihn zu kennen.“ Überflüssig zu erwähnen, dass Derk Ehlert auch Wolfsbeauftragter des Landes Berlins ist.

Zu den Zuwanderern der letzten Jahrzehnte gehört auch der aus russischen Pelzfarmen entsprungene Marderhund, der in Brandenburg „allgegenwärtig“ ist, aber Berlin bisher noch respektvoll umschleicht, während der Mink, ebenfalls ein ehemaliger Pelzfarminsasse, bereits an den Wasserkanten der Randbezirke auf Beutezug geht.

Längst im Zentrum heimisch, aber als nachtaktives Wesen, das auf Bäumen und Dächern unterwegs ist, nicht so sichtbar wie der Fuchs, ist der Waschbär, der 1945 bei Strausberg aus einer Farm freigesetzt wurde.

Das reinste Integrationswunder

Dieser Nordamerikaner ist das reinste Integrationswunder: Als natürliche Feinde hat er hier nur Kälte und bestimmte Viren, Bejagung gleicht er durch Geburtensteigerung aus, Nahrungsmangel durch mehr männliche Nachkommen, die wanderfreudiger sind als ihre Schwestern – dem Waschbären ist nicht beizukommen, und Ehlert kennt keine Stelle in Berlin, an der er noch keinen gesehen hätte. Manchmal wird er durch Krähen verraten, deren Revierfeind er ist. Die hätten schon einen richtigen „Waschbärruf“.

Über die Wiederkehr der in der Nachkriegszeit ausgerotteten Biber indessen freut sich die Stadtverwaltung sehr. „1990 ist der erste Biber im Oberhavelbereich aufgetaucht, das war eine Riesensensation. Heute haben wir vermutlich über 100 Biber in der Stadt. Auffallen tun sie aber nur, wenn sie, wie aktuell im Tiergarten, mal das Wasser stauen, weil der Wasserstand der Spree etwas gesunken ist. Als eine der wenigen Arten richten sie sich ja ihren Lebensraum selbst ein, indem sie Hölzer vom Ufer schneiden und ins Wasser werfen.“ Wobei beim „Schneiden“ die eisenreichen, orangen Zähne zum Einsatz kommen.

„In der Natur sind 500 Jahre eine kurze Zeit“

Die stärkste Zuwanderung findet in einem Bereich statt, für den ältere Tierfreunde die Lesebrille aufsetzen müssen. Durch die enorme Geschwindigkeit, in der Menschen und Frachten den Globus überqueren, werden etliche Arten unfreiwillig importiert: Der Buchsbaumzünsler etwa, eine asiatische Motte, „die 2016 in Berlin auftauchte, 2017 weit verbreitet war und heute alle Bestände in Berlin erfasst hat“, wie Ehlert sagt. „Die frisst die Buchsbäume auf, und es gibt kein Mittel dagegen.“

Aber letztlich sei es immer so gewesen, dass Arten kämen und Arten gingen. „Um 1500 gab es durch die Reisen in die Neue Welt eine ähnliche Phase wie jetzt, in der ständig etwas eingeschleppt wurde.“ Der Höckerschwan etwa, der von unseren Seen nicht wegzudenken ist, kommt aus Asien.

Und die wunderliche Tatsache, dass er im Winter zuweilen mitten auf dem Eis steht und festfrieren könnte, rühre daher, dass er gedanklich noch dort sei, wo es keinen Frost gibt. Den heimischen Singschwänen passiere das nicht, die brächen permanent die Eiskanten ab, damit die Wasserflächen frei bleiben. „In der Natur“, sagt Derk Ehlert, „sind 500 Jahre eine kurze Zeit.“