Ein Pärchen knutscht heftig auf einem Plüschsofa. Es steht auf einem hölzernen, Hochbettartigen Podest, das dem Besucher beim Eintreten ins Berliner Betahaus sofort ins Auge fällt. Das stört die beiden nicht, genausowenig wie die stetig wachsende Zahl von Menschen, die an der Theke warten. Das sonnige Café ist gefüllt mit jungen Leuten, die mit ihren Laptops auf bunten Holzstühlen sitzen, Chai Latte und Club Mate trinken.

Früher beherbergte das schmucklose Gebäude am Kreuzberger Moritzplatz eine Waschlappenfabrik . Heute ist es der wohl bekannteste Coworking-Space der Republik: Denn seit seiner Gründung vor vier Jahren gilt das Betahaus als Geburtsstätte des gemeinschaftlichen Nutzens von Büros und Schreibtischen und als Treffpunkt der Berliner Start-up-Szene.

Firmenkultur für Großkonzerne

Auf rund 2000 Quadratmetern arbeiten hier rund 200 Freiberufler nebeneinander: Grafiker, Programmierer, Designer, Videokünstler, Start-ups. Es gibt Meeting-Räume, eine Holzwerkstatt und Veranstaltungsräume. Und natürlich feste und flexible Schreibtische, Einzel- und Gruppentische sowie kleine Büros. Die Meeting-Räume buchen unter anderem Großkonzerne wie Daimler, O2 oder Ebay für Seminare, etwa über Firmenkultur. „Das passt, denn wir sind ein kulturgetriebener Ort“, sagt Christoph Fahle, 33, Mitgründer und Geschäftsführer des Betahauses. Der Name ist abgeleitet aus der Software-Entwicklung – Beta-Version oder Beta-Phase –und soll verdeutlichen, dass die Macher das Projekt als einen Prozess mit offenem Ende verstehen.

Die Menschen an der Theke warten auf die donnerstägliche Hausführung. Das Interesse am Betahaus scheint auch nach vier Jahren ungebrochen. Andrese aus Brasilien leitet die Führung, natürlich auf Englisch. Unter den Teilnehmern sind ein Pärchen aus der Schweiz auf Berlin-Besuch, zwei Uni-Mitarbeiter aus Brandenburg, eine Britin auf der Suche nach einem Meeting-Raum, ein Australier auf Arbeitssuche und zwei Journalisten. „Die Vernetzung hier ist etwas besonderes – so weit sind wir in der Schweiz noch nicht“, sagt der Schweizer. Andrese geleitet die Gruppe durch die Räume: Auffällige Lampen, von der Decke hängende Steckdosen, teilweise gibt es Liegeflächen. Dazu in manchen Räumen ein hoher Geräuschpegel. Die meisten Schreibtische sind belegt.

Ein Teilnehmer besorgt sich nach der Führung gleich ein Anmeldeformular. Der Laden brummt offensichtlich. „Wir sind fast ausgebucht“, bestätigt Madeleine Gummer von Mohl, ebenfalls Geschäftsführerin. Nichts deutet darauf hin, dass die Idee an zwei anderen Orten nicht funktioniert hat. Dennoch – im April meldete das vor gut zwei Jahren eröffnete Betahaus Köln Insolvenz an. „We are closing, but our spirit will never die“ („Wir schließen, aber unser Geist bleibt bestehen“), ist auf der Homepage zu lesen.

Im Juni war dann nach drei Jahren die Dependance in Hamburg pleite. In Köln lag es an zu wenig gutbezahlten Events, einer ungünstigen Immobilie und einem ausgepowerten Team, so die Macher. Hamburg scheiterte an zu kleinen Räumlichkeiten und dem Auszug langjähriger Mieter. „Die Fläche war sehr klein und unflexibel“, sagt Lars Brücher, Altgesellschafter und nun Geschäftsführer des Hamburger Betahauses. Und nachdem acht Stammmieter ausgezogen, „haben wir die Räume nicht schnell genug wieder voll bekommen“. Hinzu kommt, dass viele Freelancer in Hamburg in den Büros ihrer Auftraggeber arbeiten – dadurch ist der Bedarf an Büroplätzen geringer als etwa in Berlin.

„Uns war klar, dass Hamburg mit einer 300-Quadratmeter-Fläche auf Dauer nicht funktionieren würde“, sagt der Berliner Betahaus-Geschäftsführer Christoph Fahle. Doch geplante Umzug in größere Räume habe sich immer wieder verzögert. Jeden Monat habe das Betahaus im Schnitt 2000 Euro weniger eingenommen als geplant. „Wir mussten die Notbremse ziehen.“

Trotzdem: In Hamburg geht es weiter

Doch während das Aus in Köln endgültig ist, geht es in Hamburg weiter: Der Insolvenzverwalter und das Team haben einen Sanierungsplan erstellt. So wird eine neue Gesellschaft gegründet, die dem Insolvenzverwalter die gesunden Teile der alten Gesellschaft abkauft. Das ist möglich dank Sponsorengeld, das mehrere Hamburger Firmen bereitstellen.

Außerdem ist ein neues, größeres Gebäude – ebenfalls im Stadtteil St. Pauli – in Aussicht. Anfang nächsten Jahres soll der Umzug endlich klappen. Außerdem soll es eigene Räume für Start-ups geben. Neu eingeführt wird darüber hinaus eine Monats-Flatrate für 47,50 Euro. 100 solcher Tickets seien innerhalb von drei Tagen ausverkauft gewesen, sagt Brücher. Die Flatrate soll eine größere Anzahl von Menschen ins Betahaus locken, was wiederum die Umsätze im Café steigern wird, so seine Hoffnung.

Bisher geht das Konzept auf: Obwohl er 100 Flatrate-Tickets für nur 40 Arbeitsplätze verkauft hat, seien die Räume noch nie überfüllt gewesen. Die Betahaus GmbH ist zu jeweils einem Drittel in den drei anderen Betahäusern investiert, das Konzept des Berliner Mutterhauses fungiert als eine Art Blaupause für die anderen Dependancen. Derzeit gibt es ein weiteres Betahaus in Sofia, in Barcelona eröffnet im Oktober die nächste Filiale. „Wir sind bei der Entwicklung dabei, transferieren Know-How und regeln alle Probleme mit“, erklärt Berlin-Geschäftsführer Christoph Fahle.

Worauf es ankommt, hat auch das Berliner Team erst lernen müssen. Fahle erinnert sich noch gut, wie Berlin im Jahr 2011 drei Monate lang Miese machte. Das Team hatte gerade eine weitere Etage in Betrieb genommen, konnte die Schreibtische aber nicht schnell genug vermieten. Hinzu kam, dass das finanzielle Controlling nicht gut funktionierte. „Wir standen kurz vor der Insolvenz. Uns wurde klar, dass wir professioneller werden müssen“, sagt Fahle, der zu Uni-Zeiten an der Entwicklung des Wahl-O-Mats beteiligt war. Er vergleicht das Management des Betahauses mit dem eines kleinen Hotels. „Das bedeutet viel Organisationsaufwand, und dafür bin ich nicht geboren.“

Sie verkleinerten das Team und führten eine Qualitätssicherung ein – zum Beispiel, um sicherzustellen, dass Reparaturen sofort erledigt werden. Ein Jahr harte Arbeit sei es gewesen, um aus dem Loch herauszukommen, erinnert sich Fahle. Doch schon Ende 2011 schrieb das Betahaus zum ersten Mal eine schwarze Null, mittlerweile liegt die Rendite zwischen 15 und 20 Prozent. „Wir sind in eine neue Phase eingetreten“, sagt Christoph.

So sei das Betahaus längst nicht mehr in erster Linie Büroraum. Der Schwerpunkt liege mehr und mehr auf Inhouse-Veranstaltungen und dem Ausbau des Netzwerkes. Gerade erarbeitet das Team ein Programm, um noch mehr Kurse wie den 3D-Druck-Workshop, Einführungen in das Arbeiten mit Holz oder Marketing-Kurse für Start-ups anzubieten. In der boomenden Do-it-yourself-Szene sieht Christoph großes Potenzial. In der Regel sind es selbst Co-Worker, die Kurse im Betahaus geben, den Erlös teilen sie mit dem Beta-Team. Außerdem wollen Christoph und seine Mitstreiter im nächsten Jahr in Kooperation mit einem großen Unternehmen ein achtwöchiges, sogenanntes Accelerator-Programm für Start-ups anbieten. Sie wollen damit Unternehmensgründer mit Räumen, Fortbildungen und vor allem den richtigen Kontakten unterstützen.

Weitere Expansion geplant

Die Insolvenzen in Hamburg und Köln haben Fahle nicht entmutigt. Er glaubt weiter daran, dass Betahäuser an vielen Orten der Welt möglich sind, selbst in kleineren Städten. Angedacht sei ein Betahaus in Tokio, das ein Bekannter aus dem Betahaus-Netzwerk gründen möchte. Ähnlich wie in Sofia kann sich Fahle für Tokio vorstellen, mit den Gründern ein Lizenz-Vertrag ohne Beteiligung abzuschließen. Also eine Partnerschaft auf inhaltlicher Ebene, mit festen Komponenten wie Workshops und dem wöchentlichen Beta-Frühstück, bei Gründer und Start-ups ihre Geschäftsidee präsentieren. Der Vorteil eines Lizenz-Modells ohne Beteiligung: Die Fahrten zu den Gesellschaftertreffen fallen weg. Um sicher zu gehen, dass die Betahaus-Idee richtig umgesetzt wird, müssen die Gründer für ein paar Monate im Berliner Stammhaus arbeiten.

„Langfristig braucht man in einem Betahaus genug Durchlauf, um rentabel zu sein“, sagt Fahle. „Die Fluktuation ist extrem hoch.“ Dass es an potenziellen Schreibtisch-Mietern auch in Zukunft nicht mangeln wird, steht für Fahle aber außer Frage. Es gebe immer mehr Menschen, die für eine befristete Zeit an verschiedenen Orten in der Welt arbeiteten, ohne festen Schreibtisch. Fahle spricht von einer „neuen Generation“ – und erzählt, wie der Gründer der Videoplattform Vimeo kürzlich San Francisco den Rücken kehrte, um im Sommer drei Monate lang im Betahaus zu arbeiten.